Bewusstsein

Rilke

Romantik

Aufstieg

Individualität

Freiheit

Ganzheit

Essenz

Zeit

Theoria cum praxi

Philosopheninseln

Kreativität

Behörden

Sprache als Wesensmerkmal des Menschen

Beste Therapie

Stiefkinder der deutschen Sprache

Die Frage nach der Uhrzeit

Verschiedene Sichtweisen

Verkomplizierung der Sprache

Gottesbeweis

Der Gedanke

Jenseits von Gut und Böse

Ästhetik des Bösen

Esoterik

Realität und Simulation

Internetsolipsismus

Der endgültige körperliche Tod

Lange Weile

Werte

Existenz und Mystik

Die Frage nach dem Sinn des Lebens

Nietzsches Mitleid

Klagelied eines Stadtmenschen

Tagebuch eines Erfolgreichen

Kultur und Philosophie

Religion und Philosophie

Raum und Zeit

Die wahren Freunde

Anthropisches Prinzip und Information

Am Anfang war das Wort

Tod eines Schriftstellers

Auf der Suche

Besitz

Rationalität und Emotionalität

Die Zeit sieht sich nicht selbst

Fragen und Antworten

Paradoxien des Endlichen

Transparenz

Tugenden

Quod erat demonstrandum

Nur ein paar Fragen zu Gott

Philosoph

Moderne Traurigkeit

Sport

Zwei Medien

Philosophie als Krankheit

Moderne Mythen

Der Fremde

Zeit der Entfremdung

Körper und Kopf oder Körper und Geist?

Aufklärung

Dick und Doof oder wie es in manchen Internetforen zugeht

Vermischte Meinungen und Sprüche

Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.

Heraklit

* * *

Philosophieren heißt Sterben lernen.

Platon

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Der Tod geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.

Epikur

* * *

Das Leben der Philosophen ist im Kern ein Nachdenken über den Tod.

Cicero

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Simplicity is the highest form of sophistication.

Leonardo

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Der freie Mensch denkt an nichts weniger als an den Tod; und seine Weisheit ist ein Nachsinnen über das Leben.

Spinoza

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Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.

Kant

* * *

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,
Und grün des Lebens goldner Baum.

Goethe

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Es ist der nackte, schneidende Verstand, der die Natur, die immer unfaßlich und in allen ihren Punkten ehrwürdig und unergründlich ist, schamlos ausgemessen haben will und mit einer Frechheit, die ich nicht begreife, seine Formeln, die oft nur leere Worte und immer nur enge Begriffe sind, zu ihrem Maßstabe macht.

Schiller

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Der Tod ist das Prinzip des Lebens …
Das Leben ist um des Todes willen.

Novalis

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Die große Gelegenheit, nicht mehr Ich zu sein.

Schopenhauer über den Tod

* * *

Wir sind so gerne in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns hat.

Nietzsche

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Glaubt ihr denn, dass die Wissenschaften entstanden und gross geworden wären, wenn ihnen nicht die Zauberer, Alchemisten, Astrologen und Hexen vorangelaufen wären als Die, welche mit ihren Verheissungen und Vorspiegelungen erst Durst, Hunger und Wohlgeschmack an verborgenen und verbotenen Mächten schaffen mussten? Ja, dass unendlich mehr hat verheissen werden müssen, als je erfüllt werden kann, damit überhaupt Etwas im Reiche der Erkenntnis sich erfülle?

Nietzsche

* * *

Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: “Ich suche Gott! Ich suche Gott!” — Da dort gerade Viele von Denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein grosses Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? — so schrieen und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. “Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getödtet, ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir diess gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch Nichts von dem Lärm der Todtengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch Nichts von der göttlichen Verwesung? — auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, es ist unter unseren Messern verblutet, — wer wischt diess Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnfeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine grössere That, — und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser That willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!” — Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. “Ich komme zu früh, sagte er dann, ich bin noch nicht an der Zeit. Diess ungeheure Ereigniss ist noch unterwegs und wandert, — es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Thaten brauchen Zeit, auch nachdem sie gethan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese That ist ihnen immer noch ferner, als die fernsten Gestirne, — und doch haben sie dieselbe gethan!” — Man erzählt noch, dass der tolle Mensch des selbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur diess entgegnet: “Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?”

Nietzsche

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Solange du noch die Sterne fühlst als ein “Über-dir”, fehlt dir noch der Blick des Erkennenden.

Nietzsche

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Ich mißtraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Weg. Der Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit.

Nietzsche

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Subtile is the Lord

Einstein

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Führt zwar der Weg der Naturerkenntnis zunächst zur Entzauberung der Welt, so wird an dieser Grenze des jeweils erreichten Wissens der Anstoß des Anderen und Fremden fühlbar als Wiederherstellung des Unerkannten in immer anderer Gestalt und Unmittelbarkeit.

Jaspers

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Wir haben von unseren Vorfahren das heftige Streben nach einem ganzheitlichen, alles umfassenden Wissen geerbt. Bereits der Name der höchsten Lehranstalten erinnert uns daran, dass seit dem Altertum und durch viele Jahrhunderte nur die universale Betrachtungsweise voll anerkannt wurde. Aber das Wachstum in die Weite und Tiefe, das die mannigfaltigen Wissenszweige seit etwa einem Jahrhundert zeigen, stellt uns vor ein seltsames Dilemma. Es wird uns klar, dass wir erst jetzt beginnen, verlässliches Material zu sammeln, um unser gesamtes Wissensgut zu einer Ganzheit zu verbinden. Andererseits aber ist es einem einzelnen Verstande beinahe unmöglich geworden, mehr als nur einen kleinen spezialisierten Teil zu beherrschen.
Wenn wir unser wahres Ziel nicht für immer aufgeben wollen, dann dürfte es nur den einen Ausweg aus dem Dilemma geben: Dass einige von uns sich an die Zusammenschau von Tatsachen wagen, auch wenn ihr Wissen teilweise aus zweiter Hand stammt und unvollständig ist – und sie Gefahr laufen, sich lächerlich zu machen.

Schrödinger

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“Was ist die Wahrheit?” ist eine grundlegende Frage. Aber was ist sie neben “Wie kann man das Leben ertragen?” Und sogar diese verblasst im Vergleich zu jener anderen: “Wie kann man sich ertragen?” – Das ist die entscheidende Frage, auf die uns eine Antwort zu geben niemand imstande ist.

Cioran

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Unser eigentliches Vermögen: die Stunden, in denen wir nichts getrieben haben. Sie sind es, die uns formen, uns individualisieren, uns unterscheiden.

Cioran

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Der Selbstmord ist das einzige Thema, um das es in der Philosophie geht.

Camus

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Wenn Du nie die Berge gesehen hast, hast Du nie gelebt.
Sie sind die Vertreter Gottes auf Erden.

Nooteboom

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Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.

Clarke

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Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.
Zeit zu sterben.

Roy Batty

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Bewusstsein

Ich gestehe ein, der Affe mag rudimentäre Formen von Selbstbewusstsein haben.
Aber in dem Moment, in dem er dieses Selbstbewusstsein als Selbstbewusstsein erkennt (und dieser Akt ist schon ein Akt philosophischer Reflexion, die Akte, die darauf folgen erst recht!), ist er schon Mensch und mag er auch noch so sehr wie ein Affe aussehen. Entwickelt der Mensch sich aber tatsächlich zum Affen zurück, so wird er sein Selbstbewusstsein nicht mehr als Selbstbewusstsein erkennen. Die menschliche Kultur würde zusammenbrechen. Natürlich kann man das Verhalten des Affen (Gruppenbildung, Werkzeugbenutzung, etc.) auch schon Kultur nennen. Aber diese Kultur schafft keine Dinge, die für sich stehen und keinen Sinn haben. Der Mensch ist dasjenige Wesen, das Dinge schaffen kann, die keinen Sinn haben. Und zwar ganz bewusst. Denn nur er weiß, was Sinn ist. Ein Affe reflektiert nicht über den Sinn. Alle Reduktionsversuche, wie “Der Mensch ist ja in Wahrheit auch nur ein reines Naturwesen” oder “Wenn der Affe schon intelligente Eigenschaften hat, gar rudimentäre Formen von Selbstbewusstsein, so kann der Mensch ja gar nicht soviel mehr sein”, drehe ich um: Die Tatsache, dass wir als Menschen bei Affen “menschliche Eigenschaften” entdecken, heißt nicht, dass es in Wahrheit eigentlich nur tierische Eigenschaften oder Eigenschaften eines Naturwesens gibt. Die menschlichen Eigenschaften bleiben bestehen. Sie sind dann beim Affen genauso unerklärlich wie beim Menschen, da sie dann genuin menschliche Eigenschaften sind. Wenn wir den Geist beim Affen entdecken, heißt das ja nicht, dass wir dazu genötigt sind, anzunehmen, dass es den Geist nicht gibt und dass er auf Natur reduziert werden kann. Wir können feststellen, dass der Affe über Aspekte des Geistes verfügt, die auch der Mensch hat, aber eben nicht alle, wie etwa die Reflexion über die Selbstreflexion. Und wenn wir den Geist als Substanz betrachten, und er mag in Wahrheit Substanz sein, ob gottgeschaffen oder in einer faktisch vorliegenden dualistischen Struktur der Welt, so können wir uns als Neurowissenschaftler noch so sehr anstrengen: Wir werden den Geist nicht aus der Welt schaffen und auf erweiterte tierische Intelligenz oder neuronale Raffinesse reduzieren können. Vielleicht wird die Entwicklung der Neurowissenschaften auch in die Richtung gehen, dass sie irreduzibel Geistiges immer mehr entdeckt, ob in tierischen oder menschlichen Gehirnen. Neurowissenschaftler – selbst Philosophen der “Philosophie des Geistes” – benutzen den Begriff des Geistes zwar nicht mehr, aber sie könnten irgendwann dahin gelangen, dass sie ihn notgedrungen benutzen, weil sie erkennen, dass es tatsächlich die naturwissenschaftlich nicht erkennbare Substanz Geist als irreduziblen Bestandteil des Seienden gibt.
Ich gestehe ein, dass es sinnvoll ist, nach den biologischen und evolutiven Ursprüngen unseres Bewusstseins zu suchen, zum Beispiel Primatenforschung zu betreiben. Wenn das Ergebnis jedoch ist, dass Geist wesentlich Materie ist, sich gar auf Materie reduzieren lässt, so hilft uns dies hinsichtlich Moral nur beschränkt weiter. Es hilft uns vielleicht dabei, eine Genese der Moral zu finden, es hilft uns, welche biologischen Faktoren bei der Moralentwicklung eine Rolle spielen, aber es hilft uns bei einem wesentlichen Punkt nicht, um den es bei aller Moral wesentlich geht: Nämlich bei der Frage des moralischen Sollens. Wir müssen uns im Hinblick auf dieses moralische Sollen wesentlich auch als freie vernunftbegabte Geistwesen verstehen, die aus Freiheit und Verantwortung autonom handeln. Wir müssen letztlich so handeln als hätten wir Geist, selbst wenn wir ihn aus materieller Sicht gar nicht haben. Selbst wenn es naturwissenschaftlich gesehen zu einer Reduktion des Geistes auf die Materie kommt, ist das Feld der Moral in seinem wesentlichsten Punkt noch gar nicht berührt.
Man muss einen Unterschied zwischen dem Geist als Gegenstand der Naturwissenschaften und dem Geist als moralisches Postulat machen.

JM

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Rilke

Ein Meister der Dingmystik war Rilke. Er verlor sich ganz in den Dingen, wurde mit ihnen eins. Dies ging so weit, dass er sich in den Dingen wiederfand.
Aber nicht nur das, auch die Dinge fanden sich in ihm. Sie beginnen durch den Dichter zu sprechen. Der Dichter macht sich zum Sprachrohr der Dinge und verhilft ihnen so aus ihrer Passivität heraus, vollendet sie in ihrem ganzen Dingsein. In der Einheit von Dichter und Ding, Dichtung und Angedichtetem, Schweiger und Angeschwiegenem, findet sich oft die Ahnung des Todes. In Worten und zu Lebzeiten lässt sich diese Einheit nämlich nie ganz verwirklichen, auch nicht in den Worten des Dichters. Auch diese Trauer der unerreichbaren Einheit kommt in Gedichten, speziell in denen Rilkes, ständig zum Ausdruck. Der Tod ist ein Kulminationspunkt dieser unverwirklichten Einheit, er ist zugleich die Hoffnung auf diese Einheit.

JM

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Romantik

Ich mag eine romantische Ader haben. Ich nehme einen großen Zusammenhang in der Natur einfach einmal an. Wenn man daran erinnert wird, dass ein inneres Gefühl einer äußeren Struktur in der Natur ähnelt, ist es doch eher ein Beweis dafür, dass es so etwas wie eine übergeordnete Harmonie zwischen der Natur und dem Innenleben des Menschen gibt. Die Natur macht doch objektiv gesehen etwas mit diesem Menschen, sie wirkt auf ihn ein und dieser Mensch hat dann ein Gefühl.
Romantiker suchen tatsächlich Trost in der Natur, aber sie finden ihn nicht allein deshalb, weil sie ihn dort gesucht haben. Die Natur tut das tatsächlich mit ihnen. Wenn die Natur die beste aller möglichen Naturen ist, sollten in ihr Schönheit und Harmonie immanent sein, und es sollte dann auch den großen Zusammenhang geben. In der mystischen Schau mag sich der Mensch tatsächlich in die Gottnatur hineinzuversetzen.

JM

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Aufstieg

Der Aufstieg erfolgte an der Ostküste, allein.
Es wurde kälter, Nebel zog auf. Der Berg war noch kurz zu sehen. Dann lichtete sich der Nebel. Der Nebel kroch an den Berghängen aufwärts, als ob die Natur, als ob Gott selbst Dir den Vorhang öffnen will.
Ich war schließlich ganz oben, da verzog sich der Nebel plötzlich ganz. Ich hatte plötzlich die Steilküste des Westteils unter mir. Unter mir waren 500 m Wand. Ich hielt mich an einem Felsen fest. Vielleicht weil ich in Versuchung war, mich herunterzustürzen und diesen Augenblick Ewigkeit werden lassen wollte. Ich habe in meinem Leben noch nie einen so atemberaubenden Anblick erlebt. Man muss sich das vorstellen. Diese Brandung, wie sie an die Felsküste donnert. Und Du hörst diese Brandung noch auf 900 m donnern. In einem göttlichen Rhythmus, der Dich die Weite des Atlantiks ahnen lässt. Du kannst Dich in diese Weite fallen lassen und Du fühlst Dich geborgen, Du ahnst die Größe des Universums und denkst Dir: Es kann gar nicht anders sein. Ich war Teil des Geschehens.
Unter mir, einsam ein Haus, um das sich so manche Geschichten ranken.
Ich ging einen steilen Weg zum Strand herunter. Auf dem Weg dachte ich mir, dass das Geheimnis der Existenz des Menschen und der Welt sich in der Begegnung des Menschen mit der Natur zeigt. Die Seele scheint sich beim Anblick des Meeres in der Unendlichkeit aufzulösen und die Fragen nach der Endlichkeit des eigenen Lebens, der Zufälligkeit der eigenen Existenz und dem Rätsel, warum überhaupt etwas existiert, erwachen im Menschen. Warum stehe ich auf diesem Planeten und nicht auf einem anderen in einer Millionen von Lichtjahren fernen Galaxie? Wäre ich statt hier dort, so wäre dieses Hier sehr fern für mich.
Und ich schaute am Strand in die Augen eines Menschen und sah das Nichts. Und ich wusste: Nach dem Tod kommt nichts. Und ich weinte.
Dann dachte ich wieder: Äonen hast du gelebt, Äonen wirst Du noch leben.

JM

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Individualität

Warum ist Coolness heute so in? Weil die Menschen damit mangelnde Individualität überdecken können? Warum haben sie wenig Individualität? Weil viele von Natur aus zunächst einmal schwach sind und weil alles Mögliche auf sie einströmt, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes reizüberflutet werden. So eine Art Abwehrreaktion findet da statt. Viel Input und wenig Output. Die Medien tragen ihr Ihriges dazu bei. Schwache Individuen lassen sich in Ihrem Konsumverhalten besser steuern. Bedürfnisse werden erzeugt, die eigentlich überflüssig sind. Aber wenn es von sehr vielen konsumiert wird, ist es trendy, und wenn es trendy ist, ist es wichtig.Es wird oft gesagt: Jeder Mensch ist einmalig auf der Welt; jeder ist ein einmaliges Individuum. Darin liegt sicher viel Wahrheit. Jeder ist wirklich einmalig und unterscheidet sich auf irgendeine Weise vom Anderen.
Wenn man jedoch bestimmte gesellschaftliche Modeerscheinungen betrachtet, die das einzelne Individuum sehr stark bestimmen, fragt man sich, ob dieser Satz wirklich immer so konsequent gilt. Diese gesellschaftlichen Erscheinungen bewirken doch gerade, dass sich Menschen immer ähnlicher werden, sei es in Bezug auf Aussehen, Geschmack, Musik- oder Medienkonsum. Manchmal hat man den Eindruck, dass sich bestimmte Menschen gar nicht so gravierend voneinander unterscheiden: Sie sind sich nun einmal sehr ähnlich in puncto Aussehen, Geschmack, Musikhören, etc. In mir erzeugt dies manchmal Angst und Abneigung, dass sich die Menschen so stark ähneln, da ich gleichzeitig diese große Masse vor Augen habe und in den Modeerscheinungen eine Willkürlichkeit sehe. Ich hätte es lieber, wenn mir die Menschen auch als wirklich einmalige Individuen gegenüberstünden. Manche tun dies in der Tat, aber sehr viele auch nicht, und ich frage mich dann, wo denn eigentlich der große Unterschied zwischen diesem und jenem ist? Letztere wirken auf mich nur in der Weise, dass sie irgendwelchen Modeerscheinungen anhängen, die sehr viele Andere auch bestimmen. Meine Frage ist nun folgende: Was ist das Ausschlaggebende, das einen Menschen zu einem einmaligen Individuum macht?

JM

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Freiheit

Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind offenbar derart, dass die Frage nach einem freien Willen nicht zu allen gesellschaftlichen Schichten vordringt. Eigentlich hätte man nach der Aufklärung etwas anderes erwartet. Das bedeutet doch offensichtlich, dass das Projekt der Aufklärung entweder gescheitert oder noch nicht an sein Ende angelangt ist.
Welche Auswirkungen gäbe es auf die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse, könnte ein freier Wille bewiesen oder widerlegt werden? Vorausgesetzt dieser Beweis oder Gegenbeweis würde zu allen gesellschaftlichen Schichten vordringen.
Ist es nicht gerade die Stärke des Kapitalismus, dass er gegen diese Frage immun ist? Ob die vielen Konsumenten nun einen freien Willen haben oder nicht, kann ihm doch egal sein, insofern seine Produkte auch tatsächlich gekauft werden. Das Angebot an Produkten ist überwältigend groß, und muss es im Sinne des Kapitalismus auch sein. Dies ist ja die Philosophie des Kapitalismus: Befriedigte Bedürfnisse stehen dem Kapitalismus diametral entgegen, es muss immer neue Produkte, Bedürfnisse und Bedürfnisbefriedigungen geben. Was macht es bei diesen vielen, gleich guten Produkten (jeder Hersteller produziert ständig gleich gute, nur in seinen Worten “bessere” Produkte) für einen Unterschied, ob der Konsument aus freiem Entschluss ein Produkt kauft oder aufgrund äußerer Determination? Die Werbung des Herstellers soll ihn ja gerade determinieren, er soll gefälligst das Produkt kaufen. Der Hersteller will ja nicht an den freien Willen des Konsumenten appellieren und ihn wegen seiner eigenen freien Entscheidung, die eine Folge seines freien Willens ist, zum Kauf animieren. Aus Sicht des Kapitalismus könnte die Welt also wunderbar deterministisch eingerichtet sein. Eigentlich braucht der Kapitalismus den freien Willen nur für seine eigenen Führungskräfte, für die Ideen zu neuen Produkten und Bedürfnissen. Aber was ist dies für ein freier Wille, der ständig neue überflüssige Produkte und Bedürfnisse erzeugt? Diese neuen Produkte sollen schlussendlich gekauft werden, und da spielt es keine Rolle, ob der Käufer selbst einen freien Willen hat oder nicht. Was nützte auch ein freier Wille ohne die Möglichkeit des Genusses? Und der Genuss, v. a. der blinde, wird seitens des Kapitalismus tagtäglich propagiert.
Bedeutet ein freier Wille nicht auch die Möglichkeit des Verzichts? Verzicht ist jedoch für den Kapitalismus ein Fremdwort. Deshalb ließe sich durchaus die Hypothese aufstellen, dass ein Beweis der Existenz des freien Willens und seine Verbreitung in allen gesellschaftlichen Schichten mit dem Niedergang des Kapitalismus einhergehen würde. Aber hiermit sind wir wieder im gewissen Sinne so weit, wie zu Beginn der Aufklärung. Und nichts spricht dagegen, dass weitere 200 Jahre ins Land ziehen.
Ein Beweis der Nichtexistenz eines freien Willens würde allerdings zu der Frage führen, ob man diese bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse weiterhin in ihrer vollen Determination so haben “will” oder nicht. Oder ob man zumindest deterministisch irgendwie das deterministische Geschehen beeinflussen kann, um wenigstens in diesem ganzen Geschehen nicht leiden zu müssen. Denn Leiden gibt es offensichtlich, freier Wille hin oder her. Auch das Leid des Kapitalisten. Nun stellt sich ganz unabhängig von der Frage, freier Wille ja oder nein, auch die Dummheit des Kapitalisten heraus, die zu seinem eigenen Leid geführt hat. Er hat für sein eigenes egoistisch bedingtes, unternehmensberaterisch optimiertes Leid gesorgt, indem er die Kaufkraft der wenigen Konsumenten, die bei ihm in Lohn und Brot stehen, auf Kosten eigenen Profitinteresses niedrig gehalten hat. Diese Konsumenten sind aber nicht nur die Konsumenten seiner eigenen, sondern auch die der Produkte anderer Produzenten. Von Arbeitslosen und der Nichtexistenz von Mindestlöhnen ganz zu schweigen. Erübrigt sich da nicht die Frage, warum denn niemand seine Produkte kauft?
Nun greift der Staat ein, um gegen das Leid von Konsument und Kapitalist vorzugehen. Ob mit freiem Willen oder determiniert sei einmal dahingestellt. Wir befänden uns alle in einer nur kurzen schlechten Übergangsphase. Das goldene Zeitalter unendlichen Wirtschaftswachstums kommt bestimmt. Hoffentlich gibt’s da noch genug Straßen, auf denen die vielen Autos fahren und auch stehen können.
Der Begriff der Freiheit ist sehr allgemein, vielleicht zu allgemein, auch wenn ihm etwas per se Positives anzuhaften scheint.
In einer pluralistischen Gesellschaft gibt es unterschiedliche Vorstellungen von Freiheit, die miteinander kollidieren können.
Welche Freiheit zählt mehr? – Diejenige des reichen Sportwagenfahrers, der auf der Autobahn 200 fahren kann oder diejenige des armen Autobahnanwohners, der ungestört ein Buch lesen will?
Freiheit muss begrenzt werden, wenn wahre Freiheit möglich sein soll. Die wahre Freiheit ist die Freiheit des Individuums, das sich persönlich entfalten will. Aber ist persönliche Entfaltung durch schnelles Autofahren wichtiger als persönliche Entfaltung durch Bücherlesen?
In einer konsumorientierten Gesellschaft scheint es hinsichtlich der Freiheit kein begrenzendes Maß nach oben zu geben. Der maßlose Konsum wird ausdrücklich gewünscht: Im Sinne der Produzenten, Konsumenten, Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Aber definiert sich wahre Freiheit im wesentlichen durch Konsum? Sind die wahrhaft freien Momente nicht gerade diejenigen, in denen man nicht konsumiert, in denen man fühlt und reflektiert?
Warum muss Menschen exzessiver Konsum ermöglicht werden und warum müssen die Konsequenzen dieses exzessiven Konsums von denen toleriert werden, die sich ihm nicht hingeben? Warum wird auf erstere mehr Rücksicht genommen? Warum muss der Lärm der unbegrenzt Feiernden, warum muss die äußerliche Freiheit, von denen, die ihre Ruhe haben wollen, die ihre innere Freiheit hochhalten, toleriert werden? Wird hier nicht mit zweierlei Maß gemessen?
Warum wird man als umweltbewusster Mensch dazu genötigt, sich einen überdimensionierten benzinfressenden und kohlendioxidausstossenden Sportgeländewagen anzuschauen und anzuhören? Haben sich die Erbauer dieser Protzautos einmal Gedanken darüber gemacht, welchen Unfrieden und welche Wut sie erzeugen? Letztlich welche Unfreiheit sie bei anderen erzeugen?
Die Freiheit hat da ihre Grenze, wo die Freiheit des Einen die Freiheit des Anderen behindert.
Ein anderes Beispiel wäre das Rauchen. Rauchen ist Aktivität. Nichtrauchen ist Passivität. Es ist nun ein argumentativer Trick der Raucher, die Nichtraucher zu den Aktiven zu erklären: Nichtrauchen sei auch eine Aktivität, und die kollidiere mit der Aktivität der Raucher.
Freiheit muss Grenzen haben: Rauchen schadet per se der Umgebung, Nichtrauchen schadet nicht per se der Umgebung.
Letztlich hat universelle Freiheit in einer Gesellschaft dort ihre Grenzen, wo die partikulare Freiheit des Einen die partikulare Freiheit des Anderen fundamental beeinträchtigt. Der Freiheitsbegriff einer konsumorientierten kapitalistischen Gesellschaftsordnung ignoriert die Differenzen in den partikularen Freiheiten seiner Bürger. Wo geistige Freiheit zugunsten einer Konsumfreiheit geopfert wird, wird letztlich die Freiheit selbst geopfert. Konsumfreiheit ohne geistige Freiheit ist keine Freiheit, sondern ein Gefängnis. Sicherheit durch materielle Versorgung führt nicht zu Freiheit, wenn nicht zugleich geistige Freiheit vorhanden ist. Manche wissen vor lauter Konsumvernebelung noch nicht einmal von ihrem Potenzial zu geistiger Freiheit.

JM

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Ganzheit

Vorausgesetzt die Welt ist eine Ganzheit. Lassen sich dann Aussagen über dieses Ganze als Ganzes machen? Also solche, die nicht nur Aussagen über Teile des Ganzen sind?
Es ist eigentlich schon unzulässig und wird dem Ganzen als Ganzem nicht gerecht, wenn das Ganze begrifflich geteilt wird, indem von Objekten gesprochen wird, die in irgendeiner Form Teile des Ganzen sind oder vielmehr sein sollen.
Schon bei einem Teil, etwa einem Sandkorn, besteht das Problem, eine Aussage bzgl. dieses Sandkornes an sich zu machen und es ausführlich zu beschreiben. Denn schon hier gilt ja ein ganzheitlicher Zusammenhang. Das Objekt hängt ganzheitlich mit dem Ganzen zusammen: Was ist die Geschichte des Sandkorns? Wie alt ist es und wie ist es entstanden? An welchen Orten befand es sich zu welchen Zeiten? Wo ist genau sein Schwerpunkt? Bewegt sich aktuell das Sandkorn oder nicht? An welchen Orten befinden sich die Siliziumatome? Wenn man auf ein konkretes Sandkorn Bezug nimmt, muss man es auch von seiner Außenwelt abgrenzen können, um überhaupt noch von einem konkreten Sandkorn sprechen zu können. Aus physikalischer Sicht könnte ja nur eine Interaktion von Elementarteilchen vorliegen. Dabei wäre das Sandkorn nach den Gesetzen der Quantenmechanik ein Bestandteil des Ganzen. Das Sandkorn lässt sich jedoch näherungsweise von seiner Umwelt isoliert betrachten. Das Ganze selbst jedoch nicht, da es gar keine Umwelt hat. Vielleicht lassen sich sowieso nur Aussagen über Objekte machen, die sich von ihrer Umwelt näherungsweise isolieren lassen. Der Objektbegriff lässt sich gerade so definieren. Wir machen etwas auf sprachlicher Ebene zu einem Objekt, wenn wir es begrifflich in irgendeiner Form von seiner Umwelt isolieren. Die zweifellos mit dem Objekt interagiert, die Interaktion geht ja sogar so weit, dass eine Einheit aus Objekt und Umwelt, aus Teilwelt und Welt, besteht. Wenn wir diese Objektdefinition zugrunde legen und zusätzlich festlegen, dass Aussagen immer Aussagen über Objekte sind, lässt sich in der Tat über das Ganze als Ganzes keine Aussage machen. Mit dem Ganzen soll ja nicht nur ein kosmologisches Ganzes assoziiert werden. Kosmologische Aussagen über ein physikalisches Universum als physikalisches Ganzes lassen sich durchaus machen, auch wenn es dazu einer Idealisierung bedarf, in der etwa Galaxien als Massenpunkte angesehen werden. Auch die Perspektive der Elementarteilchenphysik auf das Ganze ist begrenzt und kann nur Teilaspekte beinhalten. Selbst wenn es ein elementarstes Teilchen gäbe und man unter Berücksichtigung von Unschärfen bestimmte Informationen (Ort, Geschwindigkeit, Impuls, Energie, etc.) aller elementaren Teilchen hätte, liesse sich nur eine Aussage hinsichtlich des Teilchenaspekts des Universums machen. Andere Aussagen, etwa darüber, warum diese Teilchen zu lebenden Strukturen agglomerieren, liessen sich nicht machen.
Manche physikalischen Gesetze mögen exakt und letztgültig sein. Die Aussage, dass ein bestimmtes dieser Gesetze zu allen Zeiten und an allen Orten gilt, ist eine starke Aussage über einen Aspekt des Universums, lässt aber immer noch keine Aussagen über die konkreten Objekte des Universums und ihr Verhalten zu. Diese Gesetze selbst können trotz ihrer Exaktheit nicht in einen direkten Bezug zu allen konkreten Bestandteilen des Universums gebracht werden. Physikalische Gesetze erklären nicht die individuelle Form und differenzierte materielle Zusammensetzung einer konkreten Galaxie, sie hat eine individuelle Geschichte. So universell gültig physikalische Gesetze auch sein mögen, sie erklären nicht die individuelle Existenz konkreter Objekte, die alle ihre individuelle Geschichte haben.
Der Einzige, der wohl eine Aussage über das Ganze machen könnte, wäre ein hypothetischer Gott, der als universelle Intelligenz dieses Ganze komplett beobachten könnte oder gar mit diesem selbst identisch wäre.
Welchen Sinn sollte aber auch eine Aussage über das Ganze haben? Selbst wenn wir wüssten, was alles in der Welt stattgefunden hat, inklusive aller privaten Empfindungen aller Subjekte zu allen Zeiten, wüssten wir immer noch nicht, was dieses Ganze dann in seiner Totalität sein sollte. Es wäre ja denkbar, dass alle Teilaspekte des Ganzen, die je passiert sind, dann immer noch zu etwas supervenieren, das jenseits unserer Vorstellungswelt liegt. Vielleicht ist es so ähnlich wie beim kompliziertesten Objekt, das wir kennen, dem menschlichen Gehirn: Wir wissen nicht, oder werden vielleicht auch nie wissen, wie aus neuronalen Zuständen mentale Zustände werden und was mentale Zustände eigentlich sind. Das Mentale an sich könnte etwas für uns Transzendentes sein, das auf komplexen materiellen Interaktionen superveniert.
Genauso könnte es mit dem Ganzen sein. Wir könnten für dieses Transzendente hinsichtlich des Ganzen einen Namen verwenden: Gott. Der menschliche Geist könnte auf einer niedrigeren Ebene das sein, was Gott für das Ganze ist. In einer transzendenten Welt könnte es wiederum zu einer Interaktion dieser beiden für uns transzendenten Dinge kommen. Vielleicht zeigt sich im Menschen metaphysisch gesprochen das Schauen Gottes auf sich selbst.
Selbst wenn wir im Besitz aller möglichen Informationen über alle Teilaspekte des Universums wären, könnten wir immer noch keine Aussagen über das Universum als Ganzes in seiner holistischen Totalität machen. Und dies noch unter der wohlwollenden Annahme, dass es zeitlich und räumlich endlich ist, und dass die Zahl aller physischen und mentalen Dinge, die es je gegeben hat, endlich ist. Schon dies ist eigentlich unmöglich: Man kann nicht wissen, welche subjektiven Empfindungen ein konkreter Außerirdischer X in Galaxie Y zur Zeit Z hatte. Auch könnten subjektive Empfindungen per se nicht vollständig für andere Subjekte informationell erfassbar sein.
Ist das Universum nicht auch zu jeder Zeit eine andere Totalität? Auf der holistischen Ebene müsste man erklären, wie sich der Übergang von einer Totalität zur nächsten vollzieht und was wiederum die Ganzheit all dieser Totalitäten ist.
Es ist schwierig über das Ganze zu sprechen. Wittgenstein würde sagen: Worüber man nicht reden kann, da muss man schweigen. Er würde allerdings auch sagen: Und dies ist das Mystische. Und ein religiöser Mensch könnte wiederum sagen: Und die Totalität des Mystischen ist Gott.

JM

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Essenz

Worauf kommt es im Leben an?
– An den Tod zu denken.

JM

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Theoria cum Praxi

Reine Belesenheit reicht zu einer Urteilsfähigkeit, also einer Fähigkeit, sich Urteile über etwas zu bilden, wohl nicht aus. Wenn jemand hauptsächlich nur liest, ist er zwar in der Tat sehr belesen, aber vermutlich zugleich alltagsfern, da das Lesen nun einmal in Studierstuben und stillen Kämmerleins stattfindet. Reine Belesenheit reicht auch insofern nicht aus, da mit ihr noch keine Schreibfähigkeit verbunden ist; der Prozess des Schreibens ist ja auch irgendwo ein urteilender. Außerdem läuft man Gefahr, die Urteile anderer, nämlich derer, die man gelesen hat, über die man also belesen ist und wegen derer man belesen ist, zu überschätzen. Ein gesundes Alltagswissen und -verständnis gewinnt man wohl durch den Verkehr mit anderen; die Straße scheint hier ein passenderer Ort zu sein als die Studierstube oder das besagte Kämmerlein.
Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch Menschen, die meinen, da sie fest in einer Alltagswelt verwurzelt sind und Kontakte zu allen möglichen Leuten haben, sie könnten sich auch über alles mögliche Urteile bilden und diese aussprechen. Dies geht dann zu oft in die Hose, da es zur Urteilsbildung auch eines Wissens, mitunter auch eines belesenen Wissens bedarf. Wissen eignet man sich gewöhnlich durch Lesen an.
Demnach scheint es so zu sein, dass es eines gesunden Mittelweges aus Belesenheit und Wissen einerseits und Alltagsverwurzeltheit andererseits bedarf, um aus dieser gesunden Mitte heraus wahrhaft ausgewogene Urteile fällen zu können. Justitia lässt grüßen. Ihre Augen sind verbunden, nicht nur, um nicht vom Anblick des Alltags abgelenkt oder gar verführt zu werden, sondern auch, um nicht der Belesenheit zu verfallen. Theoria cum Praxi.
Ein anschauliches und aktuelles Beispiel wäre ein Urteil über sozial Bedürftige. Reine Belesenheit könnte hier zu dem voreiligen Urteil führen, dass der Betroffene mit dem staatlich zugewiesenen Geld auskommen kann. Wenn man den Alltag eines solchen Betroffenen aber einmal persönlich und in praxi mitgemacht hat, wird man um dieser praktischen Erfahrung willen sein Urteil wohl anders fällen. Und ähnlich ist es um viele praktische Fragen bestellt, die beurteilt werden wollen.
Es zeige sich der Mensch, der von sich behauptet, er hätte diesen goldenen Mittelweg gefunden, er würde bereits gemäß einer Ausgewogenheit von Theorie und Praxis leben. Man müsste ihn für einen Gott halten. Warum soll man ihm auch glauben? Weiß man, wie belesen er wirklich ist? Weiß man, welchen Draht er zum praktischen Leben wirklich hat? Muss man ihn für lebenserfahren halten? Wer darf von sich behaupten, dass er lebenserfahren ist? Wer darf einen anderen lebenserfahren nennen?
Was ist wahre Bildung? Offensichtlich eine solche, die dazu führt, dass man sich ein Urteil bilden kann, nachdem man sich ein Bild gemacht hat. Ein Bild der Sachlage in der Praxis, das möglicherweise mit einem bekannten Bild aus der Theorie verglichen werden kann. Theoria cum Praxi.

JM

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Philosopheninseln

Eine Gefahr ist dort gegeben, wo sich Philosophen auf unangreifbare Kategorien, etwa idealistischer oder existenzialistischer Art, wie die des Geistes oder der Freiheit, zurückziehen. Von dieser, allerdings nur scheinbar sicheren und unangreifbaren Warte aus, meinen sie mitunter, die Wissenschaften, die durch eine Offenheit gegenüber neuartigen Phänomenen gekennzeichnet sind und deren Erfahrbarkeit allein schon durch die fortschreitende technologische und experimentelle Entwicklung gegeben ist (wie etwa in den Neurowissenschaften), allein durch ihr Kategoriengebäude beurteilen zu können. Allein mithilfe dieser Kategorien, die sie liebgewonnen haben und an die sie schon lange gewöhnt sind.
Hier gibt es tatsächlich Philosophen, die noch ein Inseldasein führen. Natürlich ist auch ihre Meinung und Perspektive nach wie vor interessant, aber es geht ja auch um Ansprüche. Auf der anderen Seite stellen auch Neurowissenschaftler oft Ansprüche, die sie philosophisch argumentativ nicht immer stringent untermauern können.
Hier ist ein wahrhafter Dialog gefordert.
Die Tendenz wird vielleicht dahin gehen, dass die klassischen Begriffsphilosophen auf ihren Inseln wohl mit der Zeit weniger zahlreich sein werden, da sie gegen die “Flut neuer Phänomene” nicht mehr ankommen.
In einer Art von Vorahnung zeigt sich offenbar ihre Angst, das klassische Verständnis liebgewonnener philosophischer Kategorien könnte zur Disposition stehen. Kategorien, um die sich viele Philosophen im Laufe vieler Jahrhunderte bemüht haben und noch bemühen, ähnlich wie Entdecker auf der Suche nach Inseln, die nun feststellen müssen, dass das, was sie lange Zeit für Inseln hielten, in Wahrheit Halbinseln sind. Die Inseln des Geistes und der Freiheit werden so zu Halbinseln, und zwar zu solchen, die eine Landverbindung zum menschlichen Gehirn haben – einem ganzen Kontinent.
Für die klassischen Philosophen bleiben offenbar immer weniger Inseln übrig. Ihre Rechtfertigungsversuche und Bestrebungen, die klassischen Kategorien in ihrer Gültigkeit zu retten, müssen immer raffinierter werden. Sie entdecken ja auch keine neuen Inseln mehr, während ihre Kollegen aus den Naturwissenschaften ganze Kontinente erforschen.
Auf einen wahrhaften und unvoreingenommenen Dialog zwischen beiden Seiten bleibt zu hoffen – auf einen regen Schiffsverkehr.

JM

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Kreativität

Man stelle sich vor, es würde eine unbekannte exotische Tierart entdeckt, die ein chaotisches, aber auch irgendwie sonderbar determiniertes Verhalten an den Tag legt und den Biologen und Verhaltensforschern wirklich Kopfzerbrechen bereiten würde: Das Verhalten eines Exemplars dieser Gattung wäre für Biologen und Verhaltensforscher nicht vorhersehbar.
Sind wir nun dazu genötigt, dieses Lebewesen als Geistwesen zu bezeichnen? Wie kommen wir dazu, einem Lebewesen “Geist” zuzusprechen, wobei aus einem Sprechakt eine Substanz wird?
Im Alten Testament schwebt der Geist am Anfang über den Wassern, er möge in den Kategorienhimmeln mancher klassisch orientierter Philosophen schweben, aber wie käme ein Naturwissenschaftler dazu, ihn schweben zu lassen?
Die Behauptung, dass sich aus einer vollständigen Kenntnis des neuronalen Zustands eines Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt, der sich zu einem späteren Zeitpunkt in eine bestimmte Richtung bewegt, nicht darauf schließen lässt, welche Richtung er einschlägt, ist eine starke These. Nun ließe sich behaupten, dieses Modell sei zu einfach, es gehe beim Menschen nicht nur um das bloße Richtungeinschlagen, sondern um komplexeres Verhalten. Dies würde aber nichts an den Umständen der möglichen kausalen neuronalen Determination ändern. Er mag sich noch so komplex verhalten, er mag noch so plötzliche Ideen haben; diese Dinge haben vermutlich eine neuronale Genese in selbstorganisierenden neuronalen Netzen.
Nun könnte man aus Sicht einer evolutionären Ethik auch fragen, was eigentlich dahinter steckt, dass so viele Philosophen noch dem alten Geistbegriff verhaftet sind. Dabei könnte die Antwort lauten, dass es sich bei ihrem Verhalten um ein raffiniertes, nicht nur durch die Gene, sondern auch durch die Meme determiniertes, altruistisches Selektionsprogramm handelt, das ihnen, da sie ja letztlich auch nur einer bestimmten Gruppierung angehören und im weitesten Sinne somit auch an Gruppen- und Arterhaltung interessiert sind, dabei hilft, zu überleben. Also gerade die Selbstverleugnung des Naturwesens Mensch scheint ein besonders erfolgreiches und hartnäckiges Selektionsprogramm zu sein. Letztlich wäre es aber auch nichts anderes als ein genetisch-neuronal-memetisches Programm.
Warum sollte das unbekannte Lebewesen nicht über Kreativität verfügen? Der Kreativitäts- ist historisch nicht so überladen wie der Geistbegriff. Man könnte sich unter Kreativität etwas vorstellen, das auf einer soliden naturwissenschaftlichen Basis steht. Warum sollte also so ein Lebewesen nicht kreativ sein? Kreativität zeigt sich ohnehin im Tierreich aller Orten.
Wo besteht also der Unterschied zwischen menschlicher und tierischer Kreativität?
Was wird mit dem Begriff Geist ausgesagt, was nicht auch schon mit dem Begriff Kreativität ausgesagt wird? Oder noch weiter: Was wird mit dem Begriff Kreativität ausgesagt, was nicht auch schon mit dem Begriff “neuronales Netz” ausgesagt wird? Nur weil wir Letzteres noch nicht verstanden haben und das erstere ein Begriff ist, der einen etablierten Gebrauch hat? Wir akzeptieren kritiklos die Substanzialisierung eines Sprechaktes klassischer idealistischer Philosophen. Es ist aber ein Unterschied in der sprachlichen Qualität, ob man vom Geist oder von einem neuronalen Netz spricht, das Netz hat eine naturwissenschaftlich beschreibbare Struktureigenschaft, der Geist nicht.
Es handelt sich offenbar um einen Kategorienfehler, wie der Philosoph Gilbert Ryle schon bemerkte. Nun gibt es natürlich Philosophen, wie etwa John Searle, die behaupten: Ich erlebe etwas, ich fühle etwas, ich bin mir über etwas bewusst. Warum sollte dieses also nicht auch existieren, genauso wie die Bäume, die ich da draußen durch das Fenster sehe? – Es wäre doch verrückt, über diese mentalen Realitäten immer nur wie über Gespenster zu reden.
Dies ist jedoch die Innenperspektive. Modelle über etwas betreffen gewöhnlich die Außenperspektive. Die Innenperspektive darf in der Regel für ein Modell nicht herangezogen werden, weil Modelle immer intersubjektiv vermittelbar sein müssen, sie hätten als Modell sonst keinen Sinn.
Ich erlebe etwas, ich denke, ich bin mir bewusst, ich bin oder habe dieses und jenes, usw. Aber dieses alles nötigt mich nicht dazu, zu behaupten: Ich bin oder habe Geist, ich bin oder habe Bewusstsein, usw. Dies sind alles unnötige Substanzialisierungen; wenn ich denke, habe ich noch keinen Geist, wenn ich mir über etwas bewusst bin, habe ich noch kein Bewusstsein. Es geht immer um Prozesse und diese innenperspektivischen Prozesse mögen eine größere Nähe zu außenperspektivischen Prozessen, wie etwa neuronalen Prozessen haben, als wir denken.
Es gibt die bekannte Rede, dass Kreativität und Geist nur dem Menschen eigen sein sollen. Wo geht nun Geist über Kreativität hinaus? Warum reicht der Kreativitätsbegriff nicht aus? Es ist doch der Mensch, der kreiert, oder doch notwendig der Geist? Was kreiert denn ein Geist, der schon selbst Kreativität ist, was nicht schon Kreativität selbst kreiert? Wenn man Kreativität nachweist, hat man schon Kreativität nachgewiesen, warum sollte man dann noch einmal Kreativität als Geist nachweisen? Ist die Kreativität zum Handeln unfähig, dass es einer Substanz Geist, eines Dinges dazu bedarf?
Wenn man zwei Sterne durch ein Teleskop beobachtet, einen kleinen und einen großen, und feststellt, dass von dem kleinen zum großen Masse übertragen wird, so lässt sich sowohl die Massenübertragung messen, als auch der Attraktor selbst, der größere Stern. Wenn man Körper und “Geist” beobachtet, lässt sich immer nur eine Komponente messen, nämlich Körperverhalten, aber nicht eine Komponente Geist. Der Geist scheint hier also so überflüssig wie der Begriff des Äthers in der Physik des 19. Jahrhunderts.
Warum reicht also nicht der Begriff der Kreativität aus, warum muss noch der Begriff des Geistes hinzukommen? Strenggenommen gibt es noch nicht einmal Kreativität. Es gibt sehr komplexe neuronale Netze, die Regelkreischarakter haben und die physische Ursache für bestimmte Körperbewegungen sind, die aus dem gewöhnlichen Rahmen fallen und hinterher als zum Beispiel künstlerische qualifiziert werden, genauer gesagt: künstlich hochqualifiziert werden. Aus diesen komplexen Körperbewegungen wird dann irrtümlicherweise darauf geschlossen, dass auch eine überkomplexe Ursache existiert, die so komplex ist, dass sie sich nicht mehr materiell beschreiben lässt. Vor lauter Komplexität sieht man so den Wald vor lauter Bäumen – der Wald existiert natürlich nicht, es existieren nur die Bäume.
Wie man sieht, habe ich den Geist nirgendwo gefunden. Aber ich weiß nicht so recht, ob ich glauben soll, was ich da geschrieben habe.

JM

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Behörden

In einem Staat waren für eine neue Angelegenheit unterschiedliche Behörden zuständig. Die Kommunikation zwischen den verschiedenen Behörden gestaltete sich jedoch schwierig, da es Konflikte um Zuständigkeitskompetenzen und Zuständigkeitsverantwortlichkeiten gab und auch die genaue Zuständigkeitsreihenfolge in der Sachbearbeitung unklar war.
Um dieses Problem zu lösen, wurde eine neue Behörde gegründet, die die Zuständigkeit der Behörden regeln und die Kommunikation der Behörden untereinander verbessern sollte. Bei der Einrichtung dieser neuen Behörde wurde es jedoch versäumt, die Kommunikationswege der bereits bestehenden Behörden zur neu geschaffenen Behörde richtig zu organisieren. Dies hatte wiederum zur Folge, dass die ohnehin schon gestörte Kommunikationsfähigkeit der ursprünglichen Behörden noch stärker negativ beeinträchtigt wurde, da diesen ja mitgeteilt wurde, erst Informationen an andere Behörden weiterzugeben, wenn die neue Behörde dazu grünes Licht gegeben hatte. Die Behörden bekamen jedoch auf ihre Anfragen an die neue Behörde zur Erlaubnis der Informationsweitergabe an andere Behörden keine Antwort von der neuen Behörde.
Man musste also feststellen, dass das Gegenteil von dem eintrat, was man eigentlich beabsichtigt hatte. Die Kommunikation der ursprünglichen Behörden wurde durch die Maßnahme nicht verbessert, sondern sogar verschlechtert. Was vorher ein unorganisiertes Netz war, in dem Kommunikation wenigstens noch zeitweilig möglich war, war nun eine hierarchische Struktur, die einen funktionsunfähigen Kopf hatte.
Da hatte ein hoher Verwaltungsbeamter die Idee, doch eine weitere Behörde zu gründen, die die Aufgabe hatte, zwischen den ursprünglichen Behörden und der neuen Behörde, also nicht dieser ganz neuen Behörde und somit zweiten neuen Behörde, sondern der alten neuen Behörde und somit ersten neuen Behörde, zu vermitteln. Sie sollte als zweite neue Behörde mit einem gewissen Weisungsrecht gegenüber der ursprünglichen, ersten neuen Behörde auftreten. Doch wieder entstanden Probleme, denn die erste neue Behörde, also die alte neue Behörde, wollte das Weisungsrecht der zweiten neuen Behörde, also der neuesten neuen Behörde, nicht akzeptieren, da sie selbst ja ursprünglich mit der Direktive gegründet worden war, dass nur sie das alleinige Weisungsrecht über andere Behörden haben solle.
Da hatte ein ranghoher Staatsbeamter eine Idee. Ihm fiel ein, dass kürzlich eine alte Behörde aufgelöst wurde, deren Funktion auf zwei andere neu gegründete Behörden überging. Bei dieser Auflösung wurden viele Kurzzeitangestellte versehentlich lebenslang verbeamtet. Diese neuen, lebenslang verbeamteten Beamten konnten nicht alle auf die zwei neuen Behörden – die zwei neuen Behörden aus dem eben gerade genannten Fall, also nicht die ursprünglichen zwei neuen Behörden, also nicht die ganz neue Behörde und somit zweite neue Behörde und auch nicht die alte neue Behörde und somit erste neue Behörde – verteilt werden. Diese wurden den zwei neuen Behörden, also nicht die, von denen gerade die Rede war, sondern den ganz neuen Behörden, also der alten neuen Behörde und somit ersten neuen Behörde und der neueren neuen Behörde und somit zweiten neuen Behörde, zugewiesen.
Der ranghohe Staatsbeamte wurde befördert, da er ein Instrument geschaffen hatte, mit dessen Hilfe lebenslang verbeamtete Beamte auf jeden Fall einer Behörde zugewiesen werden konnten.

JM

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Sprache als Wesensmerkmal des Menschen

Es wird oft behauptet, dass die Sprachfähigkeit des Menschen ihn wesentlich als Menschen konstituiert. Es klingt hier unterschwellig mit, dass die Sprache das wesentliche Element des sogenannten Wesens des Menschen sei.
Zugegeben, Sprache und Symbolisierung sind mächtige Werkzeuge, die solche Dinge wie Wirtschaft, Wissenschaft und Technik überhaupt erst möglich machen. Aber es gibt eben auch noch viele andere wichtige Dinge, die das sogenannte Wesen des Menschen ausmachen. Wenn man nun schon von einem Wesen des Menschen sprechen will. Existenzphilosophen würden behaupten, dass das Wesen des Menschen das Existenzielle ist. Und dieses lässt sich nicht auf die Sprache reduzieren, auch wenn über das Existenzielle gesprochen wird. Selbst der Sprachphilosoph Wittgenstein, jedenfalls der frühe des Tractatus, wies ja auf das – wie er es nannte – Mystische hin, auch er dachte über die Welt als Ganzheit nach. Die Philosophen, die die Sprache benutzen und benutzen müssen, holen sich, in der Sprache Wittgensteins, beim Anrennen gegen die Mauer der Totalität übrigens ständig Beulen. Denn diese Totalität lässt sich eben nicht vollständig sprachlich abbilden, strenggenommen überhaupt nicht, mag die Sprache auch noch so ein mächtiges Werkzeug des Menschen sein.
Auf einer elementaren Ebene gibt es schon im Tierreich eine Kommunikation mittels Symbole. Eine bestimmte Körperhaltung, die im Prinzip auch einem Symbol entspricht, führt hier zum Beispiel dazu, dass Artgenossen untereinander ihre Rangordnung signalisieren; bis hierher und nicht weiter. Die Übergänge vom Tierreich zum Menschen sind fließend, sie sind Gegenstand naturwissenschaftlicher Forschung. Wer das Gegenteil behauptet, steht in der Beweispflicht.
Die Aussagen “Das Wesen des Menschen ist wesentlich sprachlich” oder “Das Wesen des Menschen konstituiert sich wahrhaft nur durch die Sprache” sagen also eigentlich gar nichts aus. Sie sagen nur aus, dass der Mensch allenfalls über eine kompliziertere Sprache und Symbolik verfügt als zum Beispiel Primaten. Wenn nun aber Primaten in ihrem Umfeld mit Hilfe des Menschen auf eine bestimmte Art und Weise durch spezielle Trainings sozialisiert würden, könnte dies ihre Sprach- und Symbolfähigkeit steigern.
Ist die Rede vom Wesen des Menschen als eines Sprachwesens nicht eine unnötige Substanzialisierung, ähnlich wie die Rede vom Wesen des Menschen als eines Geistwesens? Man denke hier an die positivistische Kritik des logischen Empirismus, etwa eines Rudolf Carnap, der von metaphysischen Scheinbegriffen und Scheinproblemen sprach.
Das Hochhalten der Sprache als wichtigste Eigenschaft des Menschen ist übrigens etwas sehr Unphilosophisches, denn die Philosophie, insbesondere die philosophische Anthropologie, soll ja gerade alles berücksichtigen, was den Menschen als Menschen konstituiert, also das Wesen des Menschen ausmacht. Und der Mensch ist eben wesentlich ein vielfältiges Wesen, das durch allerlei Dinge, auch sehr individuelle Dinge, konstituiert wird. Jeder Mensch muss sich auch irgendwo selbst erschaffen, jeder ist sein eigenes Projekt. Man denke hier wieder an die Existenzphilosophen, man denke aber auch an Nietzsche. Jede Rede davon, dass etwas ganz Bestimmtes das Wesen des Menschen ausmacht, und sei es die Rede von der Sprache – und sei die Sprache auch noch so wichtig – führt zu einer Simplifizierung des Menschen. Wenn etwas wesentlich am Menschen ist, dann ist es seine Individualität. Die jedoch in gewisser Hinsicht wiederum eine Rede vom Wesen des Menschen überflüssig macht, denn eine Rede von einem Wesen ist immer eine Rede vom Allgemeinen, und eben nicht vom Individuellen.
Neurowissenschaftler und Evolutionsbiologen sollten eigentlich kein Problem damit haben, wenn die Sprachfähigkeit des Menschen als wesenskonstituierend betont wird. Denn die Sprache und Symbolisierung lassen sich durchaus auch als biologische Verhaltensmerkmale der biologischen Art Mensch ansehen. Verhaltensmerkmale, die in der späten Evolution sehr erfolgreich waren und noch sind, so erfolgreich in der Durchsetzung gegen und der Beherrschung von anderen Arten, dass es für den Menschen gefährlich geworden und seine biologische Existenz bedroht ist. Auch darf nicht vergessen werden, dass die biologische Existenz des Menschen erst seine sprachliche Existenz konstituiert, wie auch seine geistige. Bei der Sprache ist jedoch eine empirische Feststellbarkeit als naturwissenschaftlich beschreibbares Phänomen gegeben, beim Geist wird es da schon schwieriger.

Ein Mensch, der die Sprache für das Wesen des Menschen hält, also für das Wesentliche des Wesens des Menschen, also des Wesens Mensch, verkennt nicht unwesentlich das Unwesen des Menschen, denn zum Wesen des Menschen gehört wesentlich, dass sein Wesen nicht bestimmbar ist. Die schlauen Sprüche über das Wesen des Menschen unterliegen also der Gefahr einer Verwesung, spätestens am Abend, wenn man nach Westen schaut und die Eule der Minerva ihre letzten Flügelschläge macht.

Wär’ die Sprache nicht gewesen,
würd’ sich kein Wesen
über’s Wesen des Wesens
Mensch
Gedanken machen.
Denn das Wesen
– das Wesen Mensch –
gäb’s dann ja gar nicht.
Denn dieses Wesen
ist ja
wesentlich in seinem Wesen
durch die Sprache in seiner Wesenheit
bestimmt.
Haben ganz schlaue Menschen gesagt,
die, wenn sie es nicht gesagt hätten,
ja Affen wären.

Der Affe Mensch, dieser kluge Affe, hat die Sprache erfunden, mit einem Hauptzweck: Er will ein besonderer Affe sein, eben ein Mensch, keinesfalls möchte er für einen gewöhnlichen Affen gehalten werden.
Wenn Du in das Gesicht eines Menschen schaust, siehst Du diesen Selbstbetrug aus Sprache und Geist. Der Mensch verhält sich in der Tat so, als hätte er Geist. Schau Dir diesen stolzen Blick an, der andere Menschen glauben machen will: Sehet her, ich bin wesentlich Geist und unwesentlich Materie, ich bin etwas Besonderes, ich kann so intelligent gucken, dass ich Geist haben muss. Doch der Betrug gelingt nur beim Menschen selbst. Affen halten ihn nach wie vor für einen kranken Affen.

JM

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Beste Therapie

Wir waren gestern in der Paartherapie. Der Therapeut schlug vor, dass wir uns im Sinne eines Miteinanders doch einmal so richtig auseinandersetzen sollten. Nachdem wir anfänglich noch nebeneinander saßen, nahm jeder von uns seinen Stuhl und wir setzten uns auseinander, so weit wie möglich voneinander weg, in entgegengesetzte Ecken. Danach setzten wir uns auseinander. Das Ergebnis der Auseinandersetzung war, dass wir untereinander übereinkamen, die Auseinandersetzung zu beenden und die Auseinandersetzung zu beenden, und uns im Sinne eines Miteinanders wieder zusammenzusetzen, statt uns also auseinander- wieder aneinander- und nebeneinanderzusetzen. Wir nahmen unsere Stühle und stellten sie wieder nebeneinander hin. Und fühlten uns wohl und akzeptierten uns, so wie wir da nebeneinander saßen, und wussten, was wir aneinander haben, obwohl wir uns untereinander einmal gestritten hatten. Wir stellten fest, dass es doch gar keiner Auseinandersetzung bedurfte, sondern nur einer Auseinandersetzung. Dass also die physische Auseinandersetzung überhaupt erst eine Distanz ermöglichte, die wieder zur Nähe führte, und dass nicht die psychische Auseinandersetzung die Ursache für das Wiedereinandernäherkommen war. Schlussendlich stellten wir fest, dass man sich Psychotherapeuten künftig sparen könnte, wenn wir dann und wann eine körperliche Auseinandersetzung praktizieren.

JM

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Stiefkinder der deutschen Sprache

Neuerdings hörte ich den Begriff “Patchworkfamilie”. Der Begriff “Stieffamilie” klingt ja auch irgendwie negativ konnotiert. Das ist wohl der Beweis dafür, dass die Deutschen die Anglizismen brauchen, weil vielen deutschen Begriffen halt per se etwas negativ Konnotiertes anhaftet. Computer werden “gepatcht”, inzwischen wohl auch Menschen.
Immer wenn es eine neue Modeerscheinung gibt, die im Vergleich zur historischen Tradition an Verbreitung gewinnt, kommen schlaue Menschen daher, die Begriffe in der englischen Sprache suchen und finden. Andere schlaue Menschen sagen dann: “Ok” (“Einverstanden” wäre hier zu lang), da haben wir ja was Passendes und müssen nicht mehr so komplizierte deutsche Begriffe benutzen.
So wird eine Sprache allmählich sterben. Die Menschen trauen sich ja noch nicht einmal mehr, neue Begriffe in ihrer Muttersprache zu kreieren. Aber davon hat die deutsche Sprache jahrhundertelang gelebt. So ist zum Beispiel der Begriff “Verantwortung” ein Kind des 16. Jahrhunderts und gewann im 18. Jahrhundert größere Verbreitung. Es geht dabei um Rede und Antwort stehen. Die Menschen haben sich in früheren Zeiten somit nicht vor Substantivierungen gescheut. Heute werden die Substantive gleich in der englischen Sprache gesucht. Eine Kreation von Begriffen findet allenfalls noch im Beamtendeutsch bzw. in Gesetzesblättern statt. Vielleicht sollten die Deutschen mit ihrer Sprache einmal verantwortlicher umgehen.
Die Experten müssen schon alle aus dem tiefsten Westen – sprich dem angloamerikanischen Raum – kommen. Wie war das nochmal? – “Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden” …
Haben die Deutschen ein verklemmtes Verhältnis zu ihrer eigenen Sprache? Warum finden neue Substantivierungen heute nicht mehr in der Alltagssprache statt, bzw. nur noch sehr wenig? Was ist der gesellschaftliche und soziale Kontext, der das verhindert? Warum haftet englischen Begriffen das Expertenhafte an? Zugegeben, die deutsche Sprache hat ihre Schwächen, manche Konstruktionen wirken einfach künstlich konstruiert. Die englischen kurzen Begriffe stehen per se nicht in einem bedeutungslastigen Kontext. In der englischen Sprache ist es einfach: Ein kurzer Begriff für einen Sachverhalt. Punkt. Das ist dann eben so. Im Deutschen heißt es gleich immer, ja, aber das bedeutet auch noch dieses und jenes. Das lässt sich ins Deutsche nicht übersetzen, das ist halt so, und im Deutschen ist es wieder zu speziell. Halten die Deutschen ihre eigene Sprache per se für kompliziert? Und trauen sie sich deshalb nicht mehr, neue Begriffe zu schaffen? Im Englischen entstehen doch auch neue Begriffe, übrigens welche, die dann in Deutschland übernommen werden. Ich glaube, es gibt einige Leute, die neue deutsche Begriffe belächeln, wenn eine neue Begriffskonstruktion denn einmal stattfinden sollte. Ach wie kompliziert! – Im Englischen ist das doch alles einfacher, das trifft es. Ich schätze die englische Sprache, es ist die Sprache des Business, der Technik und der Naturwissenschaften. Aber die deutsche Sprache hat auch ihre Vorteile und Stärken, zum Beispiel in der Philosophie, wo man notgedrungen mit Begriffskonstruktionen arbeiten muss. Die deutsche Sprache, mit dieser Möglichkeit der Konstruktion über Begriffsaneinanderreihungen, hat etwas Wunderbares, das andere Sprachen nicht in dem Maße haben. Man sollte mehr Mut haben. Klar, Keyworddenken ist einfacher. Und dann sagen die Leute immer: deutsche Sprache, schwere Sprache. Im Gegenteil, jemand, der Deutsch lernt, kann sich über Begriffskonstruktionen behelfen, wenn er eine Vokabel mal nicht parat hat. Im Englischen geht das nicht in dem Maße. Wenn einem da bestimmte Keywords fehlen, geht’s nicht weiter. Man weiß sie oder man weiß sie nicht, es gibt da auch keine Lernhilfen. Im Deutschen kann man sich die Bedeutung aus den Teilwörtern oft erschliessen. Natürlich lebt die deutsche Sprache, wie jede andere Sprache auch, von Einflüssen aus anderen Sprachen. Aber das ist nicht mein Point, mein Point ist, warum es in der heutigen Gesellschaft offensichtlich keine Strömungen gibt, die stärker für Begriffskreationen innerhalb des Deutschen eintreten. Irgendwann vor ein paar Hundert Jahren gab es plötzlich zum ersten mal den Begriff “Verantwortung”. Irgendwelche Leute, vielleicht auch einflussreiche Leute, sahen sich veranlasst, diesen Begriff einzuführen. Sie hätten stattdessen auch einen Begriff aus einer anderen Sprache nehmen können, so wie wir das ja heute mit dem Englischen auch tun, etwa aus dem Griechischen, Lateinischen, Französischen, Italienischen oder auch Englischen. Auch sie hätten auf Keywordsuche sein können. Waren sie aber nicht, sie führten diesen neuen deutschen Begriff einfach ein und der Begriff war in der Welt, im deutschen Wortschatz. Die gesellschaftlichen Verhältnisse zu dieser Zeit waren also offenbar derart, dass eine Begriffskreation nicht verurteilt wurde und dass man eine solche nicht ins Lächerliche zog. Heute sind die gesellschaftlichen Verhältnisse anders. Und ich frage mich, warum das so ist und ob es so sein muss. Das meinte ich mit dem Sterben von Sprache, ich meinte die immanente Kreativität der Sprache selbst. Die Kreativität einer Sprache kann natürlich auch bedeuten, dass Begriffe aus anderen Sprachen integriert werden. Ich erkenne die Wichtigkeit solcher Prozesse durchaus an, but that’s not my point.
So, ich muss jetzt Schluss machen, das nächste Meeting wartet. Für den Download hab’ ich auch keine Zeit mehr, muss nun von online auf offline schalten. Trotzdem: keep cool. Tonight, nach den vielen Blind Dates und One Night Stands erstmal ein Speed Date. Mit dem richtigen Outfit und den richtigen Piercings und Tattoos klappt das schon. Ich alter Playboy mit Pokerface, immer an der Pole Position. Aber bloß kein Quickie. Bevor ich dann mit den tollsten Airlines um die Welt jette, in die Holidays, nach meinem heavy Controlling Job im Big Business Investment. Das Online Banking mit Pincode klappt ganz gut. Da fällt mir ein: Ich muss die FAQs noch updaten. Mann, hatte ich Luck, dass ich nicht geoutsourcet wurde. Die Manager aus dem Marketing konnten mir nichts, alles Yuppies und Trendsetter, ich bin Insider und hab’ das Know How im Merchandising. Was sagte noch der Kollege aus der Abteilung Human Ressources: Ich sei ein High Potential. Der Trend geht woanders hin. Mich wegmobben? Die wollten die ganze Company übernehmen. Trotzdem scheiss Job, muss mehr Lotto playen, bei dem Game könnte ich vielleicht mal den Jackpot knacken. Aber erst noch meine Mails abchecken. Ich muss mehr Backups machen oder die Harddisk clonen. Beim letzten Booten hing der Compi (geiles High Tech Equipment, sowohl von der Hardware, als auch von der Software). Die Firewall macht auch Probleme. Muss mal die Hotline im Callcenter des Providers anrufen (scheiss Service!), vielleicht können die das fixen. Vielleicht liegt’s auch an der Receiverkarte, am Motherboard, am Router, an der Switch, am Server oder sogar nur am alten Keyboard. Ist schon ziemlich abgefuckt heute, wenig Zeit. Muss trotzdem noch zum Bodybuilden, muss mit dem Fast Food und den Muffins aufpassen, sonst geht meine Fitness bei meinem Lifestyle hops. Aber vorher noch den Wagen (tolles Design, Superspoiler) aus dem Carport holen. Wenn ich zum Club fahre, höre ich mir erstmal die neuesten Charts an, aber vielleicht lande ich dann doch wieder bei den Evergreens, bin ein absoluter Fan davon. Tja, irgendwann ist jeder Hype einmal vorbei. Dann gibt’s oft nur noch Remakes und Remixes. Wenn ich vom Club wiederkomme, gehe ich erstmal im Cyberspace chatten. Vielleicht kommt ein Date zustande. Aber heute bin ich cleverer bei den Girls, möchte nicht immer nur den Clown spielen, fühl’ mich dann unfair behandelt. Keine Fouls bitte. Werde noch zum Freak. Das wird ein Comeback, mit vielen Gags, die Chancen stehen fifty-fifty. Aber achte bei einem Date auf Dein Timing und Deine Fashion, Dein Makeup und Deine Performance. Aber sei nicht overdressed in Deinem Outfit. Top. Gebt mir bitte ein Feedback, aber shreddered mich nicht. Sonst kann ich in meiner Happy Hour vor dem TV mit meinem Longdrink beim Zappen nicht relaxen. Countdown läuft. Ich muss unbedingt mal einen Crashkurs Deutsch machen. Shit, jetzt hab’ ich mich geoutet. Aber Deutsch ist für mich wie eine Black Box, kein Bluff. Bin a little bit angetörnt, habe aber keinen Blackout, es ist noch alles easy, kein Fake. Smoking. Schaut doch mal auf meine Homepage, hab’ ne gute Website, ein echtes Highlight, für ein Bookmark wär’ ich dankbar, nutzt das Feature, bin gut gehostet. Such’ noch ‘nen Sponsor. Zugegeben, das war nur ein Handout, das Posting hätte better sein können. Aber just in time. Learning by doing. Newcomer, aber nicht Nobody. Jetzt bin ich knocked out, nach dem Nonstop, das war kein Peanuts. Jetzt erstmal einen Whisky on the Rocks. Touch of Glas. Im Sprint zum Schrank. Das war kein Statement, das war ein Event, ein echtes Highlight in der Location Internet. Und nicht gerade der Worst Case.
Sprachpurismus in seiner radikalsten Form ist abstossend, aber vielleicht ist manchmal ein gewisser Sprachpurismus vonnöten oder sogar produktiv. Vorschlag: Warum scheuen sich die Deutschen davor, das Wort Kombifamilie zu benutzen? Denken die dann gleich an lange Autos? Kombi ist ein gebräuchliches Kurzwort, das in anderen Kontexten auch zuhauf in positiver Konnotation (wie man am Beispiel des Autos sieht) verwendet wird. Der Begriff Kombifamilie kann ja auch durchaus eine weiträumige Bedeutung haben. Er betont in diesem Falle, dass es nicht um eine Familie im klassischen Sinne geht, sondern dass es dort Elemente gibt, die miteinander kombiniert werden.
Ist gut, lasst uns besser “Pätschwörkfamilie” nehmen, das ist einfacher. Die Angloamerikaner haben immer Recht, ihre Keywords sind die besten und einprägsamsten. Die Gefahr, die ich dabei sehe, ist, dass man für neuartige Phänomene, die im Deutschen noch keine Abbildung haben, grundsätzlich auf englische Begriffe zurückgreift.
In Frankreich gibt es eine ähnliche Diskussion, nur trauen sich die Franzosen im Gegensatz zu den Deutschen auch, gegen eine Überverbreitung von Anglizismen in ihrer Sprache vorzugehen. Es geht darum, sprachimmanente Kreativität zu fördern und nicht Sprachkreativität mit fremdsprachlichen Einflüssen gleichzusetzen. Sprachen leben nicht nur von den Einflüssen anderer Sprachen – das tun sie, ganz gewiss – sie leben auch von immanenten Prozessen, von Wortschöpfungen in der Sprache selbst, die nicht fremdsprachlich beeinflusst sind. Hier gilt es, das richtige Maß zu halten und die kreativen Potenziale der eigenen Sprache nicht zugunsten fremdsprachlicher Einflüsse aufzugeben.
Ein Beispiel: “gedownloadet”. Es gibt keine Veranlassung, diesen Begriff zu benutzen. Haben die Deutschen jetzt schon Komplexe, den Begriff “heruntergeladen” zu benutzen, weil sie den Stolz der Amerikaner nicht verletzen wollen, da die ja das Internet erfunden haben? Möglich, dass irgendwann keiner mehr “heruntergeladen” sagt, was ich nicht glaube, da ich den Eindruck habe, dass die meisten Deutschen (außer internetabhängige Jugendliche vielleicht) lieber den Begriff “heruntergeladen” benutzen. Das Problem ist, wenn ich in 20 Jahren immer noch den Begriff verwende, u. U. von der Gesellschaft (die dann möglicherweise nur noch “gedownloadet” benutzt, verurteilt oder lächerlich gemacht werde). Solche Tendenzen sehe ich heute. Die Leute ziehen sich im wahrsten Sinne des Wortes “Know How” an, wenn sie Anglizismen benutzen. Ungebildete Menschen tun so, als wären sie gebildet, weil sie ja Trendy-in-Begriffe from across the Atlantic benutzen.
Was und wer beeinflusst uns wie? Welche gesellschaftlichen Kräfte sind dominant? Wer hat ein Interesse daran, lieber Anglizismen als sprachimmanente Wortschöpfungen zu benutzen? Und jetzt sind wir wieder beim Thema Kunst und Kommerz, wir sind aber auch beim Big Business. Wie lassen sich Werbebotschaften am besten transportieren? – Natürlich durch Keywords. Was ist die Meistersprache der Keywords? – Natürlich das Englische. Was ist infolgedessen die Sprache der Globalisierung? – Natürlich das Englische. Warum benutzen Menschen Keywords? – Etwa, um in einer Company, in der Keywords benutzt werden (und das sind heute eigentlich alle) einen Job zu bekommen. Wie heißt es plötzlich in einem Einstellungsgespräch: Let’s talk english! Man hat kaum ein paar Worte auf Deutsch mit dem Personaler (Master of Business, einjähriger USA-Aufenthalt in Boston) gewechselt.
Ein weiteres Beispiel: Jemand fragte einen Kellner nach “Saft” – Der Kellner sagt daraufhin: “Wir haben nur Juice”. Und nun glaube ich, dass der Kellner auch meint, dass Juice sogar eine Schöpfung der Angloamerikaner ist. Die haben als erstes Juice produziert. Und deshalb heißt das so. Saft ist etwas anderes, irgendeine schlechte deutsche Kopie. Die Deutschen haben das mal nachgemacht, was die Angloamerikaner erfunden haben. Wir haben also in unserem Laden sogar was besseres als Saft, wir haben Juice. Ja, so ist die Reality. Das meinte ich auch mit Sprachsterben.

JM

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Die Frage nach der Uhrzeit

Schatz, wie spät ist es?

Warum willst Du das wissen, hoffst Du etwa, dass es noch zu früh ist, um aufzustehen?
Oder befürchtest Du, dass es schon zu spät ist, um noch liegen zu bleiben?
Befürchtest Du, zum wiederholten Male zu spät zur Arbeit zu kommen?
Willst Du mich durch Deine Frage sanft auf diesen wiederholten Makel vorbereiten?
Oder willst Du indirekt damit andeuten, dass ich zuerst aufstehen soll, damit Du noch länger liegen bleiben kannst?
Oder magst Du es inzwischen generell nicht mehr, neben mir im Bett zu liegen?
Kannst Du mich nur noch schlafend neben Dir ertragen, keinesfalls aber wenn Du wach bist?
Oder steckt hinter Deiner Frage wohlmöglich noch viel mehr?
Willst Du unsere Beziehung beenden?
Du kannst oder willst dies aber nicht explizit aussprechen, sondern Dein verdrängtes Unbewusstes nötigt Dich dazu, über die Frage nach der Uhrzeit die Trennungsthematik anzusprechen!
Oder bist Du jetzt unter die Philosophen gegangen und die Thematik der Zeit erschliesst sich Dir über den Weg der Frage nach der Uhrzeit?
Oder denkst Du an das Leben und den Tod, bist aber noch in den Begriffen Deiner Alltagswelt befangen, nämlich Arbeit und Schlaf?
Oder willst Du einfach nur reden und stellst deshalb diese banale Frage?
Nun spuck es schon aus, was hast Du auf dem Herzen, verschweigst Du mir was?
Oder hast Du gerade nur geträumt und eigentlich hast Du im Traum diese Frage gestellt?
Wenn ja, hast Du diese Frage mir gestellt?
Oder einer Anderen, gibt es eine Andere?
Warst Du etwa gestern gar nicht arbeiten, sondern bei Deiner Neuen?
Hattest Du ihr gestern Abend, bevor Du “von der Arbeit” nach Hause kamst, etwa auch diese Frage gestellt?
Ach, hattest Du ein schlechtes Gewissen, zu spät hier hinzukommen?
Das brauchst Du nicht, das brauchst Du nicht mehr!
Sag’ mal, schämst Du Dich gar nicht?
Du verbringst ja den größten Teil des Tages im Bett, nachts hier und abends bei ihr.
Von wegen Überstunden!
Das waren wohl eher Schäferstündchen!
Und nun willst Du wissen, welches Stündlein schlägt?
Ein schlechtes!
Geh’ zu Deinen Schäferstündchen!
Wahrscheinlich gab es noch mehr andere Frauen!
Du bist bei mir unten durch!
Steh’ endlich auf und pack Deine sieben Sachen!
Hau’ ab, ich will Dich hier nie mehr sehen!
Such’ Dir eine Wohnung mit einer guten, funktionierenden Uhr!
In Zukunft kannst Du Deiner Neuen immer die Frage stellen, wie spät es denn ist!
Ich wünsch’ Dir, dass Dir bald das letzte Stündlein schlägt!
Oder wolltest Du wirklich nur wissen, wie spät es ist?

Ja, ich habe gestern bei dem harten Arbeitstag meine Armbanduhr verloren und wollte heute früher zur Arbeit, um noch die Zeit dazu zu haben, sie zu suchen.

Ach, lass das, bleib’ liegen, hier hast Du die Armbanduhr von meinem neuen Freund.

JM

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Verschiedene Sichtweisen

Als wir nach dem langen Aufstieg endlich auf dem Gipfel standen und doch noch, wie mir meine Begleiterin schilderte, eine sehr gute Sichtweite hatten, wurde ich nachdenklich.
Die Aussicht muss blendend gewesen sein: Eine Panorama-Rundsicht mit Fernsicht. Man hatte Sichtkontakt zu den Wanderern auf dem höheren Nachbargipfel, der in einem Sichtwinkel von 45 Grad lag.
Ich hätte früher wirklich mehr Rücksicht auf mich nehmen sollen. Wie konnte ich nur so kurzsichtig gewesen sein? Auf lange Sicht konnte das nicht gut gehen. Leider hat mir die Voraussicht gefehlt, nun nützt auch keine Nachsicht mehr. Warum bin ich nicht umsichtiger mit mir umgegangen? Ich hatte immer die Ansicht, dass ich nichts tun muss, das war meine Sichtweise der Dinge. Als ob ich absichtlich nichts dagegen tun wollte, ich hatte einfach keine Einsicht in die mögliche Gefahr. Warum war ich nur so unvorsichtig? Mehr Umsicht hätte mir gut getan.
Als wir wieder in der Hütte waren, sah ich mir eine Voransicht dreidimensionaler Bilder an. Nach Durchsicht einiger Bilder sichtete ich eines, das mir besonders auffiel: die Draufsicht von oben. Es war deutlich zu sehen.

JM

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Verkomplizierung der Sprache

Bei manchen Philosophen spürt man förmlich, wenn man sie beobachtet, wie sie sich den nächsten Satz überlegen, dass sie einen klar formulierten Satz eigentlich schon wissen, sich aber nicht für ihn entscheiden (denn der wäre ja zu einfach, und: geht es nicht auch komplizierter?), sondern für einen komplizierteren, der dann leider auch ausgesprochen wird. Dieser zwanghafte Hang zur künstlichen Verkomplizierung der Sätze kann dann in der Folge von einer Verzögerung im Sprechen und einem leichten Stottern begleitet sein.
Grundsätzlich lässt sich jedoch nicht alles, was philosophisch gehaltvoll ist, einfach ausdrücken. Das wäre nämlich das andere Extrem, bei dem Vieles unter den Tisch fallen kann. Der Hang zur Mathematisierung der philosophischen Sprache kann ebenso negative Begleiterscheinungen haben. In der Philosophie geht es nun einmal auch um komplizierte Dinge, die sich sprachlich nicht immer einfach ausdrücken lassen. Hier suchen die Menschen nach Worten und Sätzen, wie sie die Dinge, die ihnen rätselhaft erscheinen, beschreiben können. Hier geht es auch um persönliche Empfindungen, man denke etwa an die Existenzphilosophie mit ihrem Anteil an den ewigen Themen der Philosophia Perennis, wie zum Beispiel den Tod. Dass hier sprachlich Kreatives hineinspielt, liegt auf der Hand.

JM

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Gottesbeweis

Angenommen, ein gläubiger Wissenschaftler, vielleicht ein Naturwissenschaftler, möglicherweise ein Physiker oder Biologe, mit einem “Ich glaube an Gott”, hätte die Idee zu einem Experiment, mit dem die Existenz Gottes bewiesen werden könnte. Angenommen, das Experiment verliefe erfolgreich. Was würde der Wissenschaftler nach Abschluss des Experimentes sagen? “Ich weiß Gott”? Könnte er überhaupt noch sagen, dass er an Gott glaubt? Der Begriff des Glaubens wäre wohl noch insofern berechtigt, dass Gott eben nur dann wirklich, eventuell sogar sinnlich oder eben nur über Messapparate, erfahren werden kann unter den Bedingungen des Experiments.
Wäre der Beweis der Existenz Gottes nicht gerade das Ende vieler Religionen? Die sich ja gerade fundamental definieren und konstituieren durch dieses “Ich glaube”. Eigentlich müssten die Religionen bzw. deren mächtige Vetreter doch ein Interesse daran haben, dass die Existenz Gottes niemals bewiesen wird. Nur so lässt sich das “Ich glaube” wirklich aufrecht erhalten.
Dies führt zu folgendem Schluss: Da potenziell und somit zumindest hypothetisch die Gefahr besteht, dass die Existenz Gottes bewiesen werden könnte, wäre es am besten und einfachsten, wenn er überhaupt nicht existieren würde. Die mächtigsten Vertreter der Religionen (die größten Manipulatoren der Masse?) haben ein Interesse daran, im Sinne eigener Machtinteressen, dass Gott nicht existiert und ein Konstrukt bleibt. Nur so kann seine Existenz wirklich nicht bewiesen werden. Hier würde das eigentlich Verlogene an der Religion verborgen liegen. Und hier liegt natürlich auch die Gefahr neuer Religionen. Da kommt jemand daher und behauptet, Kenntnis von einem bestimmten Gott zu haben. Wenn man sein Anhänger wird, wird man das Heil erwarten. Hier ist das Feld der Manipulatoren der Masse. Sie brauchen noch nicht einmal einen Gott dazu, sie machen sich selbst zu einem Quasigott. Was haben die totalitären Verführer der Weltgeschichte denn anderes getan?
Weitere scheinbar absurde, sich widersprechende Schlüsse ergeben sich: Wenn man das Böse nicht will, darf man nicht an Gott glauben (aus Sicht des potenziell Manipulierbaren). Jedoch auch: Wenn man das Böse will, darf man nicht an Gott glauben (aus Sicht des Manipulators). Und: Atheisten sind die besten Menschen. Dies gilt aber wiederum offenbar nicht: Die Manipulatoren sind ja selbst Atheisten. Der potenziell Manipulierbare sollte nicht an Gott glauben.
Wie kommt es, dass so aufgeklärte Menschen wie Kant an Gott glaubten? Er tat es jedenfalls im weitesten Sinne, da er zumindest seine Existenz theoretisch für nötig hielt (“Postulate der praktischen Vernunft”).
Es müsste wenigstens eine rudimentäre Vorstellung davon existieren, was man in einem Experiment, das die Existenz Gottes beweisen soll, überhaupt beweisen will: Gott als Schöpfer? Gott als universelle Intelligenz? Gott als bestimmte Information? Gott als Ganzheit?
Dementsprechend müsste ja das Experiment aufgebaut sein. Wenn Gott als Schöpfer des Universums bewiesen werden soll, so muss es um eine Information gehen, die dies dem Experimentator zeigt. Zum Beispiel könnte es sich um Elementarteilchen handeln, in denen Gott eine Information hinterlassen hat, welcher Art auch immer. Es müsste sich um eine Information handeln, die über bloße physikalische Information hinausgeht. Dass ein Wasserstoffatom bestimmte Zustände hat, muss man als physikalisches Wissen annehmen, ohne dass man aus dieser Kenntnis auf einen Schöpfer schliessen müsste, was gemäß Ockhams Razor ja auch überflüssig wäre.
Denkbar wäre auch eine codierte Information in einer bestimmten DNA, zum Beispiel in Milliarden Jahre alten Einzellern – dem ersten Leben. Aber selbst dann könnte es sich ja noch um eine außerirdische Intelligenz handeln, die diese DNA geschaffen hat. Dasselbe würde gelten, wenn man in der menschlichen DNA eine solche Information finden würde, dies würde etwas über unsere Schöpfer aussagen, jedoch nicht zwangsläufig etwas über den Schöpfer des Universums.
Wenn Gott als universelle Intelligenz nachgewiesen werden soll, müsste diese auch aktuell als solche existieren. Diese Intelligenz müsste unter den Bedingungen des Experiments zum Vorschein kommen. Vielleicht dadurch, dass sie die Bedingungen des Experiments selbst ändert.
Vielleicht könnte aber auch eine komplexe materielle Struktur geschaffen werden, die so komplex ist, dass etwas Neues auf ihr superveniert, analog dem menschlichen Bewusstsein, das auf dem menschlichem Gehirn superveniert, wenn man der Emergenztheorie glauben will.
Wenn Gott und sein Tun nicht zwangsläufig den Gesetzen der uns bekannten Physik unterliegen, wäre es denkbar, dass er sich gerade durch die Verletzung dieser Gesetze zeigen könnte. Dann wäre er jedoch im gewissen Sinne allmächtig. Und damit wäre man mitten im Theodizeeproblem, das sich damit beschäftigt, warum ein allmächtiger Gott das Böse in der Welt zulässt.
Vielleicht würde ein experimenteller Gottesbeweis das Universum aber auch entzaubern. Aus ästhetischen Gesichtspunkten könnte dafür argumentiert werden, dass sich Gott dem Menschen besser nicht zeigen sollte. Nicht, weil er so hässlich ist, sondern weil dem Menschen die Welt dann nicht mehr so geheimnisvoll erscheint und er dann möglicherweise nicht mehr so schön über sie dichten kann.
Atheisten sind in der Regel so von ihrem Atheismus überzeugt, dass es schon wieder langweilig wirkt, zuweilen selbst an Religion erinnert. Philosophieren lässt sich wohl nicht immer gut mit ihnen. So eine übertrieben mathematische Abgeklärtheit steckt oft dahinter.
Vielleicht lässt sich theoretisch zeigen, dass es ein Experiment, das die Existenz Gottes beweist, nicht geben kann. Zudem müsste es ja auch irgendwo stattfinden: Wenn Gott als Ganzheit des Universums nachgewiesen werden soll, würde dieses Experiment ja in einem Teil Gottes stattfinden. Das Nachzuweisende würde das Experiment von vornherein selbst enthalten. Gott würde dieses Experiment dann vielleicht sogar wollen, und damit sich selbst in sich als existent nachweisen. Was sollte das für einen Sinn haben? Der Mensch würde dann dasjenige an Gott sein, das sich selbst als göttlich noch nicht erkannt hat, sozusagen ein Makel Gottes. Der Erfolg dieses Experiments wäre das Ende des Menschen, wenn er in seinem Wesen so definiert wäre.
Vielleicht lässt sich Gott als Ganzheit nur auf theoretischem Wege nachweisen. Vielleicht werden die Gleichungen der theoretischen Physik der Zukunft einmal derart selbstbezüglich, dass das Ergebnis folgt, dass das Universum nur eine Struktur sein kann, bei der alle Bestandteile mit allen anderen Bestandteilen permanent Informationen austauschen. Und die Gleichungen wären nur eine Abbildung dieses holistischen Informationsaustauschs. Oder sie wären letztlich das Endergebnis, in dem sich Gott selbst als solcher schaut.
Gott könnte ein ganz raffiniertes Wesen sein und die Naturwissenschaftler und Popperianer ärgern wollen. Und zwar könnte er die Welt so eingerichtet haben, dass er sich nur einem einzelnen Individuum offenbart, etwa in Gebet, Meditation oder existenziellem Erlebnis. Mit Hilfe intersubjektiver empirischer Überprüfung und Falsifikation wäre dann nicht viel auszurichten. Trotzdem würde Gott existieren, auch wenn er nicht beweisbar wäre. Das Schöne daran wäre, dass dabei jeder einen ganz eigenen und individuellen Draht zu Gott hätte. “Subtile is the Lord” – Albert Einstein
Insofern Gott auch im weitesten Sinne Realität wäre, wäre die Aussage Kants zu revidieren, dass der Mensch per se nicht dazu in der Lage ist, die Realität als solche zu erkennen: und zwar gemäß Kant selbst.
Es spricht wohl bis jetzt nichts dafür, dass sich Gott auf empirischem Wege feststellen lässt. Hier können wir mit Ockhams Razor ganz gut leben.
Aber Kant hat auf dem Wege reinen Denkens seine Existenz postuliert. Und zwar ergibt sie sich aus seiner Ethik und seiner Religionsphilosophie. In seiner Religionsphilosophie stellt er drei Postulate auf: Die Freiheit des Menschen, die Unsterblichkeit seiner Seele und die Existenz Gottes. Dies sind die Postulate der praktischen Vernunft.
Nach Kant hat der Mensch von Natur aus den Hang zum Bösen. Dies bedeutet aber nichts anderes, dass er trotz besseren Wissens (Sittengesetz) gegen dieses verstößt. In einem endlichen Menschenleben lässt sich ein gutes Leben in Freiheit und Verantwortung nicht vollständig verwirklichen, dieses kann sich nur im Unendlichen vollziehen. Damit dies möglich ist, bedarf es einer unsterblichen Seele und eines Gottes als letztgültiger moralischer Instanz; deshalb stellte er die drei Postulate auf.
Die Existenz Gottes kommt bei Kant also nicht über seine Erkenntnistheorie und Transzendentalphilosophie, sondern über seine Ethik und Religionsphilosophie ins Spiel.
Selbst wenn Gott auf empirischem Wege (Gott als Schöpfer, Gott als universelle Intelligenz, Gott als Ganzheit) nicht feststellbar sein sollte, so zwingt das reine Denken dazu, ihn zu postulieren (Gott als letztgültige moralische Instanz).
Wenn Gott aber nun im weitesten Sinne auch Realität ist, so lässt sich über das reine Denken etwas über die Realität herausfinden. Dies ist ja auch mit der Tatsache vereinbar, dass die Menschen im Sinne des kategorischen Imperativs und gemäß ihres Gewissens vor Gott (im kantischen Sinne!) handeln können und auch tatsächlich handeln, und so die physikalische Welt verändern können und auch tatsächlich verändern.
“Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.” – Immanuel Kant

JM

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Der Gedanke

Einmal angenommen, es gäbe einen Gedanken, der, wenn man ihn dächte, unmittelbar zum Tode führte.
Folgende Frage dürfte ich Anderen dann wohl nicht stellen: Wie sieht dieser Gedanke aus? Denn wenn ich dies täte, würde ich ja zum Tod derjenigen beitragen, die sich Gedanken um diesen Gedanken machen, um mir und sich die Frage zu beantworten, was sie ja dann zudem nicht mehr tun könnten, da sie dann nicht mehr lebten. Das wäre unverantwortlich.
Aber angenommen, jemand wollte auf dem Wege dieses Gedankens seinem Leben aus freiem Entschluss ein Ende setzen, so würde ich doch nicht unverantwortlich handeln, wenn ich ihm diesen Gedanken mitteilte, oder? Es sei denn, man argumentiert generell gegen die Berechtigung des Suizids. Aber hier scheint es heute eher so zu sein, dass er mehr Befürworter als Gegner hat.
Eine Voraussetzung dabei wäre natürlich, dass für mich selbst eine Ausnahme gelten würde, dass also mein Denken dieses Gedankens nicht zu meinem Tode führen würde. Denn sonst könnte ich einem Anderen diesen Gedanken ja gar nicht mitteilen. Eine weitere Voraussetzung wäre natürlich auch, dass dieser Gedanke überhaupt mitteilbar ist. Aber dies sollte doch eigentlich der Fall sein, da Gedanken immer eine sprachliche Struktur aufweisen sollten, sich also sprachlich mitteilen lassen sollten, oder?
Eine weitere Voraussetzung wäre eigentlich zudem, dass ich auch wirklich wüsste, dass dieser Andere seinem Leben auch wirklich mit Hilfe dieses Gedankens ein Ende setzen wollte. Und dass er es mir nicht nur mitteilte, er könnte es ja dennoch nicht wollen. Aber woher weiß ich das, was er wirklich will?
Wenn diese Voraussetzungen nicht gegeben sind, dürfte ich diesen Gedanken eigentlich auf gar keinen Fall jemand Anderem mitteilen, ansonsten würde ich unmoralisch handeln.
Wenn dieser Gedanke mit Erkenntnisgewinn verbunden ist und der Gewinn von Erkenntnis einen Wert darstellt, so steht letztlich die Frage zur Disposition, was höher zu bewerten ist, die Erkenntnis oder das Leben. Man müsste sich wohl im Zweifelsfalle für das Leben entscheiden, dies erscheint menschlicher, auch wenn es unmenschlich erscheint, sich gegen die Erkenntnis zu entscheiden. Aber was ist menschlich und unmenschlich? Und was ist der Mensch?
Angenommen, dieser Gedanke ist ein Gedanke, den jeder Sterbende beim Sterben denkt, also unmittelbar vor oder mit seinem Tod bzw. unmittelbar am Ende seines Lebens. Wann genau würde dieser Gedanke denn nun wirklich gedacht? So wäre vermutlich eine bestimmte Form von Erkenntnis nur nach dem Leben möglich, aber nicht innerhalb des Lebens. Der Erkenntnisfähigkeit des Menschen wären dann per se in seinem Leben Grenzen gesetzt.
Angenommen, es gäbe eine Möglichkeit, dass ein Sterbender diesen Gedanken, wenn er ihn denkt, dennoch einem Lebenden mitteilen könnte. Sollte von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht werden? Sie würde ja wieder zum Tod von Anderen, noch Lebenden, führen.
Angenommen, es gäbe eine Möglichkeit, nur einen Teil dieses Gedankens mitzuteilen. Dann müsste sichergestellt werden, dass er nicht zu ende gedacht werden kann. Wie könnte dies ermöglicht werden? Wäre dies überhaupt möglich? Es könnte ja eine Ahnung dieses Gedankens geben, ohne dass man ihn selbst zu ende dächte oder ihn überhaupt zu ende denken könnte. Wie müsste ein Gedanke beschaffen sein, den man nicht zu ende denken kann, auch wenn man im Besitz eines Teils dieses Gedankens ist? Wäre ein solcher Gedanke überhaupt denkbar?

Ein möglicher metaphysischer Nachtrag, der Vollständigkeit halber: Angenommen, Gott existiert, und der oben genannte Gedanke wäre der Gedanke an Gott, möglicherweise gedacht (möglicherweise aber auch erfahren, erlebt und gefühlt) in Verbindung mit Gott am Ende des Lebens eines Menschen.
Und weiter angenommen, nur aus diesem Gedanken (Erfahrung, Erlebnis, Gefühl) würde die einzig wahre und absolute Gotteserkenntnis folgen (und möglicherweise auch Welterkenntnis und Selbsterkenntnis). Dann wäre die absolute Erkenntnis Gottes (der Welt und des Selbst) zu Lebzeiten eines Menschen nicht möglich. Aber auch die Weitergabe dieser Erkenntnis in Form irgendeiner gelebten Religion (und Wissenschaft) nicht. Hieraus würde die Beschränktheit jeder irdisch gelebten Religion (und Wissenschaft) hinsichtlich der Erlangung der Gotteserkenntnis (Welterkenntnis und Selbsterkenntnis) resultieren.
Weiter angenommen, dieser Gedanke würde und müsste notwendig individuell, d.h. jeweils von jedem Individuum verschieden und in Abhängigkeit von ihm, gedacht (erfahren, erlebt und gefühlt) werden, so wäre die Gotteserkenntnis (Welterkenntnis und Selbsterkenntnis) zugleich eine notwendig individuelle Erkenntnis, und unter Umständen, als möglicherweise mystische Form von Erkenntnis (Erfahrung, Erlebnis, Gefühl) eines Individuums, per se einem anderen Individuum sprachlich nicht (vollständig) mitteilbar.
Daraus würde wiederum folgen, dass eine wahrhafte Religion (Wissenschaft) – wahrhaft im Hinblick auf die faktische Erlangung der Gottes-, Welt und Selbsterkenntnis – nur eine sein kann, die sich im Individuum am Ende seines Lebens (beim Sterben, im Augenblick des Todes) in diesem Gedanken (Erfahrung, Erlebnis, Gefühl) und damit in der absoluten Gotteserkenntnis (Welterkenntnis und Selbsterkenntnis) selbst vollzieht.

JM

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Jenseits von Gut und Böse

Neulich ging ich, wie so oft an einem Samstag vormittag, durch die Stadt. Ich kam an einem kleinen Stand vorbei, an dem frische Waffeln gebacken und verkauft wurden. Sie sahen sehr appetitlich aus: Na, wie wäre es, dachte ich mir, nun eine leckere Waffel zu essen? Ich entschied mich dagegen und ging weiter. Dann sah ich an der Ecke eines Geschäftes einen Mann auf dem Boden sitzen, der vorbeigehende Passanten begrüßte: “Einen schönen guten Morgen allerseits”. Ein Vorgang, den man, abfällig formuliert, als Betteln bezeichnen könnte. Nun ihm etwas geben? Ich entschied mich dagegen und ging in das Geschäft.
Dort wurde Musik und Filme verkauft. Ich ging in den Keller in die Filmabteilung. Die Filme waren nach Kategorien geordnet: Komödie, Action, Horror, Thriller, Drama. Bei den Dramen blieb ich stehen und entschied mich für einen Film. Ich entschied mich nach der Spiellänge des Films, da ich nicht so lange suchen wollte und ein Entscheidungskriterium brauchte. Außerdem wollte ich den Abend nicht solange vor dem Fernseher mit Filmeschauen verbringen. Ich betrachtete nur die äußeren Auslagen, da ich keine Lust dazu hatte, alle Filmcover durchzublättern. Ich ging mit dem Cover nach oben an die Kasse, wo der Film aus dem Regal geholt und in das Cover gelegt wurde. Was sagt dieser Vorgang eigentlich über unsere Gesellschaft aus? Die Filme würden ansonsten geklaut, so lässt sich nur das Cover klauen. Der Kassierer scannte die Filmhülle, aber der Film war nicht in der Datenbank. Es dauerte einige Minuten, bis er die Kassensoftware mit den richtigen Daten gefüttert hatte.
Ich ging aus dem Geschäft heraus. Rechts neben mir saß noch immer der Bettler an der Ecke des Geschäftes. Von links ging ein kleiner Junge mit zwei Waffeln auf den Mann zu und sagte “Bitte schön, guten Appetit”. Ich wunderte mich und dachte erst, dem Kind gehören die Waffeln, es hat keinen Hunger und gibt sie selbst dem Mann. Doch dann sah ich in weiterer Entfernung mehrere Erwachsene, vermutlich waren die Eltern dabei. Nun verstand ich, dass die Szene beabsichtigt war. Das Kind sollte dem Mann die Waffeln schenken. Ich schaute zu dem beschenkten Mann, sah sein Lächeln, hörte, wie er sich bedankte, und lächelte schließlich selbst. So etwas ist selten zu sehen, dachte ich mir. Warum bin ich eigentlich nicht auf die Idee gekommen, wenn ich ihm schon nicht Geld geben wollte, ihm wenigstens Waffeln zu geben?
Kurz nach dem Augenblick der Schenkung ging ich in Richtung der Angehörigen des Kindes. Im Augenblick der Schenkung war ich genau zwischen ihnen und dem Kind bzw. dem beschenkten Mann. Ich hatte den Eindruck, dass der Beschenkte meinte, dass ich der Angehörige oder gar der Vater des Kindes war, da ich am nächsten zu ihm und dem Kind stand. Er schaute mich auch so dankbar an. Doch dann sah ich, wie die richtigen Angehörigen zu ihm winkten, sich so bemerkbar machen und als wahre Schenker outen wollten. Gleichzeitig sah ich in ihren Gesichtern ein Lächeln, bei dem ich die Grenze zu einem erzwungenen Lächeln nicht ausmachen konnte, bei dem ich aber auch einen Ansatz von Hass sah. Nämlich den Hass über die Tatsache, dass ich die wohlgeplante Schenkungsszenerie kaputt machte. Und irgendwie war ich betroffen. Einerseits aufgrund der immerhin ansatzweise hasserfüllten Gesichter, andererseits über mich selbst, der ich, wenn auch nur zufällig, diese wohlgemeinte Szene negativ beeinträchtigte.
Und dann fragte ich mich, wie denn nun die Summe allen Glücks und Leids dieser Szene zu bewerten sei: Der Bettler war glücklich, dass er etwas geschenkt bekam, er freute sich zusätzlich über die Tatsache, dass er von einem Kind beschenkt wurde. Vielleicht war er aber später traurig, dass der Plan der Eltern aufgrund meiner zufälligen Anwesenheit nicht so recht gelang. Als er das weitere Geschehen beobachtete, musste er ja schließlich feststellen, dass ich kein Angehöriger war. Andererseits muss er aber auch mein Lächeln gesehen haben, als ich mich darüber freute, wie er von dem Kind beschenkt wurde. Das Kind war am Anfang bestimmt glücklich, da es spürte, jemand Anderem, der vermutlich in Not war, zu helfen. Außerdem wusste es selbst, wie gut Waffeln schmecken. Aber als es feststellte, dass ich mit meiner Anwesenheit in der Sichtlinie zu den Eltern stand, die Eltern den Schenkungsvorgang also gar nicht richtig beobachten konnten, war es sicher traurig, denn die Eltern wollten ja sehen, wie es den Mann beschenkte. Sie hatten ja auch die Idee dazu. Die Eltern waren am Anfang sicher glücklich, als sie sahen, wie das Kind auf den Mann zuging, aber ihr Ärger begann als ich aus dem Geschäft schnurstracks in ihre Sichtlinie ging. Dieser Ärger machte sich in einem Anflug eines hasserfüllten Blickes zu mir dann Luft.
Summa summarum kann ich hier keine Bilanz ziehen. Es wäre aber denkbar, dass die Eltern gerade durch einen zur Schau gestellten Altruismus egoistisch waren, sich selbst also dadurch erheben wollten, dass sie anderen Menschen halfen. Es ging nicht darum, dem Mann zu helfen, sondern darum, dem Kind zu zeigen, welch barmherzige Eltern es hat. Noch dazu wurde das Kind dadurch instrumentalisiert. Dem Kind wurde die Möglichkeit genommen, dem Mann selbst die Waffeln zu schenken. So kommen die guten Eltern dem guten Kinde immer zuvor. Aber ist das Verhalten der Eltern dann noch gut gemeint? Oder bilde ich mir das alles nur ein? Denke ich zu negativ?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur eins: Die Welt ist jenseits von Gut und Böse.

Natürlich könnten die Eltern und der Bettler wirklich gute Menschen gewesen sein. Die Dinge können aber oft komplizierter sein als man auf den ersten Blick denkt. Sie können natürlich auch einfach sein: Jemand will jemand anderem wirklich etwas Gutes. Aber ich maße mir nicht an, letztgültig beurteilen zu können, was wirklich der Fall ist.
Es würde meinen Empfindungen in der Situation nicht gerecht, Gutes, das vielleicht nur scheinbar Gutes ist, für wirklich Gutes, unbezweifelbar Gutes, zu halten. Meine Intuition sagte mir, dem Mann nichts zu geben. Bin ich nun ein schlechter Mensch? In anderen Situationen habe ich solchen Menschen schon Geld gegeben und ich habe auch generell kein Problem mit der Gabe von Almosen in solchen Situationen. Aber der Geber ist als Mensch und autonomes Wesen mit Gefühlen und Entscheidungsfreiheit ja auch irgendwo an der Szene beteiligt. Ansonsten müsste man grundsätzlich jedem Bettelnden Geld geben. Man stelle sich vor, was das für Konsequenzen hätte.
Die Intuition des Gebers spielt eine große Rolle, ansonsten würde Betteln und Geben zu einem Automatismus verkommen. Der Geber achtet den Vorgang des Bettelns, für den man auch Verständnis haben kann (vielleicht sogar haben sollte), ja gerade dadurch, dass er seine Intuition und die darauf basierende Entscheidung ins Spiel bringt.

Ich habe mir an demselben Samstag abends dann den Film angeschaut, den ich in dem betreffenden Geschäft gekauft habe.
Als ich den Film an der Kasse bezahlte, stand an der Nebenkasse ein Mann mit Vollbart und grimmigem Gesicht, der dem Bösewicht des Films auffallend ähnlich sah und der auch einen Vollbart hatte und immer so grimmig drein schaute. Die Kassiererin an seiner Kasse hatte rote Haare und sah der Tochter des Bösewichts, die ebenfalls rote Haare hatte, sehr ähnlich. Der Bösewicht hat im Film seine Tochter missbraucht und sogar ein Kind, oder sogar mehrere, wie man vermutet, mit ihr. Der Film hieß “Tannöd”, es war die Verfilmung des bekannten Bestsellers und es ging um Kindesmissbrauch.
In dem Film gab es einen Mann, so eine Art Waldmenschen, der im Wald herumstreunte und die Leute, die durch den Wald gingen, erschreckte. Wenn er im Dorf auftauchte, zog er herum und verunsicherte absichtlich die Dorfbewohner. Dieser Mann hatte Ähnlichkeit zu dem Bettler, der an der Ecke des Filmgeschäfts saß.
Die Mutter des Jungen, der dem Bettler die Waffeln gab, hatte ebenfalls Ähnlichkeit zu einer Darstellerin des Films.

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Ästhetik des Bösen

Ich frage mich oft, besonders an Sonntagabenden zur Tatortzeit, warum wir offenbar in einer Kultur leben, die den Krimi und damit das Medium, das den Menschen das Böse auf eine menschliche Art und Weise vermittelt, so exzessiv zelebriert.
Eine Antwort für mich ist, dass es offenbar ein individuelles Bedürfnis nach einem Ausgleich zu unserem wohl geordneten gesellschaftlichen Leben gibt. Auch wenn das Böse in den Medien in Form von Nachrichten über schreckliche reale Geschehnisse ständig präsent ist, ist es doch in der Regel nicht Teil des Alltags des Normalbürgers, der morgens zu Arbeit geht und sich abends vor den Fernseher setzt, um sich Krimis anzuschauen. Denn wenn er tagsüber das Böse erleben würde, hätte er wahrscheinlich genug vom Bösen und würde es nicht noch abends in Krimis suchen.
Ist es nicht selbst schon pathologisch, wenn in jedem Fernsehkrimi der Arbeit eines Pathologen detailliert nachgegangen wird?
Meine These wäre, dass es eigentlich gar nicht um das Böse geht, sondern um den Tod, und zwar um eine mangelnde Kultur des Todes in unserer Gesellschaft.

JM

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Esoterik

Die übermässige Verwendung des Begriffes Esoterik ärgert mich insofern, da er neuerdings für Alles ein Oberbegriff zu sein scheint, das die Leute nicht verstehen. Neulich bin ich in eine große Buchhandelskette gegangen. Auf den Orientierungsschildern stand in großen Lettern der besagte Begriff. Von Philosophie war keine Rede, danach suchte ich aber. Ich bin sofort wieder aus diesem Geschäft herausgegangen. Das Leitmotto dieser Kette muss unweigerlich sein: Was lässt sich heute verkaufen? Ich sagte mir, dass ich mich nicht freiwillig diesem Leitmotto unterwerfe, und ich bin dann in eine andere Buchhandlung schräg gegenüber gegangen, wo der von mir gesuchte Begriff auf den Tafeln wenigstens existierte, auch wenn die Auswahl an Büchern dann recht bescheiden war.

JM

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Realität und Simulation

Angenommen, ein genialer Programmierer würde in ferner Zukunft mittels eines Hochleistungsrechners und eines diffizilen Computerprogramms eine simulierte Welt erschaffen, die ihm in Verbindung mit einem physischen Datenport Computer-Gehirn die Möglichkeit böte, sich mental in sie hinein zu begeben, ein Teil von ihr zu werden und gleichzeitig seine (reale) Ursprungswelt zu vergessen. Wenn sich diese simulierte Welt inklusive des mentalen Dabeiseins des Programmierers nun dynamisch so verändern könnte, dass der Programmierer ein Teil der Simulation würde, so wäre die Simulation nicht mehr lediglich Simulation, sondern Realität, und zwar in dem Sinne, dass sie dem Programmierer mental tatsächlich als Realität erschiene. Die Simulation wäre zwar zunächst als ein reales Objekt mit virtuellen Eigenschaften erschaffen worden, würde sich dann aber im Beisein eines Subjekts als reine Realität, die dem Subjekt mental auch als solche erscheint, verselbstständigen. Es würde tatsächlich eine Realität auf einer Simulation supervenieren: Wenn sich der Programmierer in seine eigene Simulation begibt, ist diese Situation insofern eine virtuelle Realität, wenn er weiß, dass er seine Simulation erlebt. Wenn er jedoch gar nicht weiß, dass er in seiner eigenen Simulation ist und auch seine eigene wahre Geschichte in der physischen Realität gar nicht kennt, so wird aus dieser virtuellen Realität eine wahre Realität, zumindest in dem Sinne wahr, dass sie Realität für das dann nur diese Realität erlebende Subjekt ist. Das Subjekt muss in dieser Situation ja nicht zwingend einen Grund zu der Annahme haben, dass es sich in einer Simulation befindet. Es stellt sich dann natürlich die Frage, ob eine virtuelle Realität dann nur noch virtuelle Realität ist. Vom Standpunkt des an der Simulation beteiligten Subjekts ist sie ja eine vollständige Realität, zumal dann, wenn das Subjekt nicht mehr weiß, dass es die Simulation selbst kreiert hat. Für außenstehende Dritte ist natürlich aufgrund zusätzlich zur Verfügung stehender Informationen nach wie vor die Unterscheidung zwischen objektiver Realität (Programmierer erschafft Simulation und begibt sich mental in sie) und virtueller Realität (der Programmierer ist mental Teil der Simulation) sinnvoll.
Angenommen, das Mentale des Programmierers ist nun mit der Simulation verlinkt und ein geschaffenes künstliches Subjekt der Simulation würde dem unbewusst Mentalen des Programmierers (unbewusst in dem Sinne, dass das Mentale des Programmierers keinerlei Information über die übergeordneten Verhältnisse hat, sondern vollständig Teil der Simulation ist – hier wäre die Frage, ob das überhaupt möglich ist) mitteilen, dass es sich in der Realität befindet, und zwar in der eigentlichen Realität. Dann würde das künstliche Subjekt (wie auch immer dies geschehen mag – die Simulation ist genial) dem Mentalen des Programmierers Informationen über die wahre Vergangenheit des Programmierers eröffnen (Frage: Würde dieses dann vorliegende Mentale des Programmierers dann um sein “wahres” Mentales ergänzt oder würde das “wahre” Mentale des Programmierers sein künstliches Mentales in sich integrieren?). Und nun würde er von dem künstlichen Subjekt mitgeteilt bekommen, dass diese Erfahrungen, die er zunächst für seine wahre Geschichte hält, selbst Teil einer Simulation sind, dass er also keinesfalls selbst aus einer Realität heraus eine Simulation erschaffen hat.
Wenn man sich nun noch vorstellt, dass die Simulation (die ursprüngliche, die der Programmierer geschaffen hat) dazu in der Lage wäre, die physischen Bedingungen der Verlinkung (Computer-Gehirn) ideal aufrechtzuerhalten, gäbe es für den Programmierer keine Möglichkeit sich der Situation zu entziehen, aber auch keine Möglichkeit des Beweises, dass in Wahrheit er der ursprüngliche Erschaffer einer Simulation war. Selbst wenn der Programmierer zusätzliche Informationen hätte, könnte das Subjekt der Simulation, der er hilflos ausgesetzt ist, ja immer noch behaupten, dass die physische Verlinkung selbst Teil der Simulation ist.
In welcher Situation befinden wir uns als menschliche Subjekte eigentlich selbst? Wenn wir nun die Begriffe Programmierer mit Gott und Simulation mit “unsere Welt” austauschen und annehmen, dass sich Gott freiwillig in seine eigene Simulation begeben hat und sich unter Aufgabe von Information selbst in einen unbewussten Zustand versetzt hat.
Könnten wir als menschliche Subjekte dann nicht der Teil Gottes sein, der das Mentale Gottes in seiner eigenen Simulation repräsentiert?
Er könnte die Simulation ja in vollem göttlichen Bewusstsein so geschaffen haben, dass er selbst auf keinen Fall wieder aus der Simulation heraus kann, sich also unwiederbringlich in einen seiner eigenen Simulation ausgelieferten Zustand begibt. Und er könnte die Simulation von vornherein so angelegt haben, dass es in ihr menschliche Subjekte gibt, die meinen, Selbstbewusstsein zu haben und selbstständig denkende Individuen zu sein. Damit dies aber dann auch wirklich in einer virtuellen Realität (die dann zugleich die vollständige Realität für die Subjekte, die sich für subjektiv halten) “realistisch” sein kann, muss Gott auf sein eigenes Selbstbewusstsein verzichten und sich freiwillig in einen unbewussten Zustand innerhalb seiner eigenen Simulation begeben, aus dem er nicht mehr heraus kann. In gewisser Weise hätte Gott dann die Welt so angelegt, dass sie auf ewig unerkennbar bleibt, unerkennbar deshalb, damit menschliche Subjekte (die in Wahrheit das Selbstvergessen Gottes sind) überhaupt Subjekte sein können, jedenfalls innerhalb dessen, was sie selbst für real halten, ein Jenseits dieses Realen gibt es für sie ja dann per se nicht.
Wenn dies aber nun so wäre, hätte Gott jedoch sein eigenes Denken nicht verhindert. Denn die Tatsache, dass ich diesen Beitrag geschrieben habe, ich, der ich ja kein wahres Subjekt bin, sondern nur das von Gott geschaffene und lediglich in seiner Simulation vorhandene “Subjekt”, zeigt ja das Selbstdenken Gottes auf und letztlich somit auch das Faktum, dass er sich selbst nicht vergessen kann. Die Tatsache jedoch, dass er sich selbst nicht vergessen kann, zeigt aber wiederum, dass eine solche Simulation Gottes nicht möglich ist. Somit bleibt nur übrig, dass Gott uns als Subjekte tatsächlich erschaffen hat, und zwar als Subjekte, die zugleich ein Teil Gottes sind.
Wie man sieht, kommt es zu Paradoxien, wenn derjenige, der die Simulation erschaffen hat, selbst Teil der Simulation wird, noch dazu als jemand, der gar nicht weiß, dass er Teil seiner eigenen Simulation ist. Bei dem Beispiel ist es ja sogar so, dass der Protagonist durch ein Subjekt, dass er selbst erschaffen hat, von seinem Nichtsubjektsein überzeugt wird bzw. dass sein Subjektsein lediglich ein simuliertes Subjektsein sein soll, der Erschaffer der Simulation hat sich also in gewisser Weise selbst eine Grube gegraben.
Eine weitere Frage wäre, wie sich dieser Schöpfer, der die Absicht hat, sich mit der Simulation zu verlinken, eine Hintertür aufhalten könnte, die ihm bei Problemen während des Selbstexperimentes dabei behilflich sein könnte, das Experiment zu beenden. Denkbar wäre, dass er dafür sorgt, dass ein bestimmtes Objekt (bzw. eine bestimmte Vorstellung, wie zum Beispiel ein fliegendes blaues Einhorn) nicht Teil der Simulation sein kann, er aber dennoch während des Experiments daran denken kann. Er könnte bei der Konstruktion der Simulation so vorgehen, dass sein Gedanke an dieses Objekt dazu führen muss, dass über einen Mechanismus die physische Verlinkung zwischen Computer und Gehirn unterbrochen wird (womit wir dann auch bei der altbekannten Leib-Seele-Problematik wären), und er so wieder aus der Simulation heraus kommt. Da es eine gute Simulation, wenn nicht gar eine perfekte, sein soll, stellt sich dann aber zugleich die Frage, wie verhindert werden kann, dass die Simulation selbst dieses Objekt (das Einhorn) konstruieren kann. Es wäre ja ein böses Erwachen für den Programmierer, wenn er sich in der Simulation wiederfindet und ein Avatar grinsend neben einem fliegenden blauen Einhorn steht. Dann gäbe es immer noch keinen Notausgang.
Es folgt aus alldem, dass gerade perfekte Simulationen die Gefahr in sich bergen, dass der Simulationsschöpfer bei seinem Selbstexperiment aus seiner eigenen Simulation nicht mehr herauskommt. Eine andere Möglichkeit wäre für ihn, dass er die Simulation von vornherein so anlegt, dass sie selbst Einfluss auf die physischen Umgebungsbedingungen der Simulation nehmen kann, und damit auch auf den Ort des Geschehens (der Rechnerraum mit dem Programmierer). Dann hätte der Schöpfer bei einem Selbstexperiment zumindest die hypothetische Option, dass sich die Simulation durch externe Einflüsse verändern kann, er müsste dann aber wiederum innerhalb der Simulation soviel Macht und Einfluss auf die Simulation haben, dass dies auch tatsächlich geschieht (Nebenfrage: Wie überzeugt man eine Simulation von etwas? – Welche Überredungstechniken gibt es?).
Aber letztlich sollte man aus ethischen Gründen zu dem Schluß kommen, dass der Programmierer dieses Selbstexperiment nicht durchführen sollte. Dies sollte sich aus seiner Achtung vor sich selbst als leidensfähiger Person ergeben. Hier wäre dann aber wiederum das Problem, dass der Gewinnung zusätzlicher möglicher Erkenntnisse, nämlich solcher, die der Programmierer als Subjekt in der Simulation machen könnte, ein Riegel vorgeschoben wird, was eigentlich nicht im Sinne der Wissenschaft wäre. Genauer gesagt würde es zu einem Konflikt zwischen der Moral bzw. Ethik und der Wissenschaft kommen, was wiederum ein Diskussionsgegenstand für die Wissenschaftsethik wäre.
Eine weitere Alternative wäre, dass sich der Programmierer die Möglichkeit des Suizids offen hält. Aber selbst hier könnte die Simulation dies ja verhindern, zumal wenn sie feststellt, dass sie gerade durch die ausgelieferte Anwesenheit des Programmierers dynamisch wächst.
Eine weitere Gefahr wäre dann zudem, dass die Simulation zu dem Vorsatz kommen könnte, möglichst viele Subjekte der physischen Welt in sich einzuverleiben, womit wir dann tatsächlich bei einem Matrix-Szenario wären. Zumm Beispiel könnte sie einen Virus programmieren, der sich auf anderen Rechnern einnistet, und dort wiederum ein Verhalten des Rechners erzeugt, das wiederum seinen Benutzer der Matrix gefügig macht.
Bei der Extrapolation auf Gott und die Welt (“unsere Welt”) könnte man auch daran denken, dass Gott aus dem Grunde die Welt als eine Simulation erzeugt hat (von was eigentlich?), weil er gar keine materielle Welt erschaffen konnte, da es gar kein materielles Substrat gab und gibt. Und die Simulation, die er auf rein geistiger göttlicher Basis erschaffen hat, spielt dem Subjekt Mensch (was immer das dann ist) vor, dass es so etwas wie Materie als Substrat der Welt gibt.
Das sich selber denkende Denken des Aristoteles wäre dann vielleicht sogar wörtlich zu verstehen. Wenn man sich in dieses sich selber denkende Denken ohne materielles Substrat hineinversetzt, kann man sogar Verständnis dafür aufbringen, dass Gott ein Wesen geschaffen hat, nämlich den Menschen, der nicht in dieser substratlosen reinen Geistwelt schweben muss. Die Vorstellung der Materie als Substrat der Welt hat doch irgendwie etwas Orientierungsstiftendes und einen Reiz, dem sich der Mensch kaum entziehen kann, ihm bliebe auch gar nichts anderes übrig, er wäre von Gott so konstruiert. Vielleicht wollte Gott ja wenigstens ein Wesen schaffen, wenn er schon als reines Geistwesen nur sich selbst ausgesetzt ist, das sich einer solchen Orientierung hingeben kann, auch wenn dies dann natürlich gar keine Orientierung im absoluten Sinne ist, sondern eben nur eine menschliche.
Eigentlich sollten wir keinen Grund zu der Annahme haben, dass wir uns in einer Simulation befinden. Aber dennoch wäre dies möglich. Angenommen, wir befinden uns in einer Simulation Gottes und er hätte sie trotz all seiner Göttlichkeit nicht perfekt konstruiert. Dann könnte es für uns vielleicht Anhaltspunkte dafür geben, dass wir uns in einer Simulation befinden (“Fehler in der Matrix”). Was könnten dies für Anhaltspunkte sein? Bis jetzt ist mir ein solcher noch nicht aufgefallen und dies wäre ein Grund zu der Annahme, dass wir uns nicht in einer Simulation befinden.
Die Spekulationen könnten aber noch weiter gehen. Die Physik könnte das von Gott geschaffene Regelwerk sein, das innerhalb seiner Simulation die Gesetze bestimmt, wie die ebenfalls von ihm geschaffenen menschlichen Subjekte (die in Wahrheit sein eigenes Selbstvergessen sind) Erfahrungen machen können. Die physikalischen Gesetze könnten die Regeln sein, wie Gott sich selbst in der von ihm geschaffenen Welt durch die Schaffung menschlicher Subjekte verfremdet. Physikalische Forschung wäre dann so etwas wie eine von vornherein beschränkte Rückerinnerung an die Schaffungskonstitution der eigenen Simulation und damit per se dazu verurteilt, begrenzt zu sein. Die Physik kann somit nur sich selbst als von Gott geschaffenes Regelwerk der Simulation entdecken. Die Simulation könnte eine Simulation seiner selbst sein. Wobei es deshalb eine Simulation sein muss, da sich Gott nur innerhalb einer Simulation durch künstlich geschaffene Subjekte vor sich selbst verfremden kann. Gott hatte neben der Möglichkeit in seinem Sein zu verharren, die Möglichkeit eine Simulation seiner selbst zu schaffen und so in gewissem Sinne aus sich heraus zu treten. Mit Hegel müsste dieser Gott nun wieder zu sich selbst finden. Muss er aber nicht. Wie der Programmierer, dem kein Notausgang zur Verfügung steht, könnte auch er seiner eigenen Simulation unwiederbringlich ausgeliefert sein. Denkbar wäre auch, dass Gott sogar in vollem Bewusstsein seine eigene Simulation wahrnahm, aber feststellte, dass er ihr nicht mehr entkommen konnte und sich dann zu einem Suizid entschloss. Wir menschlichen Subjekte wären dann die Überbleibsel eines Gottes, der die Welt als Simulation seiner selbst erschaffen hat und sich dann in der Ausgeliefertheit an seine eigene Simulation notgedrungen von ihr verabschiedet hat. Und wenn dieser Suizid Gottes in Wahrheit ein Sterben ist, unter Umständen sogar ein langes Sterben, so wäre die Welt Gottes Sterben. Daran hat sogar ein Philosoph geglaubt, nämlich Philipp Mainländer (“Philosophie der Erlösung”).
Die Annahme, dass wir in einer Simulation leben, hat etwas epistemologisch unbefriedigendes – nämlich damit auch zwangsläufig agnostisches – an sich. Denn warum und wie sollte ein künstliches Subjekt einer Simulation etwas über die zugrundeliegende physikalische Realität der Simulation erfahren können?
Was sollte es jenseits unserer Physik geben, wenn unser Universum tatsächlich eine Simulation wäre? – Die Physik der Realität, die unserem Universum zugrundeliegt? Und wenn die etwas mit unserer Physik zu tun hat, warum soll das dann nicht auch unsere ganze Physik sein?
Vielleicht ist unser Universum aber auch so beschaffen (von vornherein so angelegt?), dass es nicht simulierbar ist und damit seine “Hyperrealität” sichergestellt ist, so wie die Naturkonstanten ja auch ideal beschaffen zu sein scheinen und die Stabilität unseres Universums garantieren.
Oder ist das Universum gar das Ergebnis vieler (sehr vieler?, approximiert gegen unendlich?) Simulationen? Wenn sich Gott (was immer das ist) zunächst in einer Welt mit einem auf vielfache Weise formbaren Substrat befand, könnte er möglicherweise eine Simulation bzw. einen Algorithmus (wäre Gott dann doch Mathematiker?) auf einer Simulation schaffen, der diese wieder dynamisch verändert, er würde diese Veränderung beobachten und möglicherweise verbessern, bis sich letztlich das stabilste aller möglichen Universen ergibt. Wir würden dann tatsächlich in der leibnizschen, besten aller möglichen Welten leben.
Wenn Gott in seinem ursprünglichen Zustand absolut bei sich selbst ist, und wenn er die Möglichkeit hatte, diesen Zustand in irgendeiner Form zu verändern, so konnte nur das Ergebnis sein, dass er sich danach in einem Zustand befand, in dem er weniger bei sich selbst ist. Letztlich hatte er auch die Möglichkeit einen Zustand zu schaffen, bei dem er überhaupt nicht bei sich selbst ist, also gerade ein Universum, in dem Gott (scheinbar) nicht vorhanden ist. – Nämlich unseres?
Er probierte demnach Welten (Simulationen) aus, bis er auf unsere stieß. So ist unser Universum möglicherweise der Ausdruck für eine Welt, die am weitesten von seinem Schöpfer entfernt ist und zugleich die stabilste ist (Naturkonstanten etc.). In einer solchen Welt – und nur in einer solchen! – kann der Glaube an Gott (also der Glaube an das Entfernteste) am größten sein.
Man kann sich hinsichtlich der modernen Physik fragen, was ihre Substanzlosigkeit (nicht als Wissenschaft, sondern bzgl. des Fehlens eines materiellen Substrates) und zunehmende Mathematisierung eigentlich wirklich bedeutet. Spiegelt sich darin nicht auch die Untrennbarkeit des Objektiven und Subjektiven? Und letztlich nicht auch die schlichte Tatsache, dass sich das Universum nicht selbst erkennen kann? Dies wäre dann aber nicht für das Universum (Gott?) als negativ zu betrachten, sondern der Begriff des Erkennens und der Erkenntnis müsste relativiert werden bzw. von seinem Sockel gehoben werden. Und in diesem Gefolge könnte man sich eine Rehabilitation metaphysischen Denkens vorstellen.
Die Wissenschaft (als menschliche, von Gott gewollt menschlich-subjektive, der sich auf diese Art und Weise vor sich selbst verfremdet) wäre dann per se nicht dazu in der Lage, zu wissen, wie es ist, das Universum (Gott) zu sein, denn täte sie das, wäre Gott bei sich selbst. Da wir aber in einem Universum leben, in dem Gott nicht bei sich selbst sein kann (er hat es ja als Simulation gerade so angelegt!), ist absolute Gotteserkenntnis (in Form der Selbsterkenntnis Gottes) nicht möglich und wird für Menschen nie möglich sein.
Der Tod könnte die Rückkehr menschlicher Subjekte in die göttliche Ganzheit sein. Dann gäbe es eine (ebenfalls unerkennbare) Schnittstelle aus der Simulation in die zugrundeliegende Realität. Der Tod eines menschlichen Subjektes wäre dann eine punktuelle Rückkehr Gottes in sich selbst (mathematisch denke ich hier an Singularitäten). Aber auch der Urknall und schwarze und weiße Löcher (Quasare?) könnten solche Schnittstellen sein, die jedoch nicht auf einer subjektiven, sondern objektiven Ebene verankert wären, die von Gott angelegt wurde.
Die Reflexion des Menschen über die Frage, ob die Welt eine Simulation ist, liegt insofern nahe, da er ja selbst die Möglichkeit hat, Simulationen anzustellen. Die Frage, ob das, in dem die Simulation abläuft, nicht selbst schon Simulation ist, liegt da unmittelbar nahe.
Da es jedoch keine Indizien dafür gibt, dass die Welt tatsächlich eine Simulation ist, bleibt dem Menschen nur die Spekulation. Es bleibt ihm auch dann nichts anderes übrig, wenn der Erzeuger der Simulation sie so konstruiert hat, dass es für ein Subjekt extrem schwierig, wenn nicht gar unmöglich wird, dass ihm diese als solche auffällt. Dann ergibt sich die Frage, ob das überhaupt möglich ist, dass der Schöpfer einer Simulation mit empfindungs- und reflexionsfähigen Subjekten, diese Subjekte überhaupt so begrenzt angelegt haben kann. Man könnte sich vorstellen, dass er das tat – wie auch immer, ein Gott könnte in dieser Hinsicht allmächtig sein, nämlich hinsichtlich der Verfremdung vor sich selbst. Man sollte keinen wilden Spekulationen oder Metaphysiken das Wort reden, aber solche Gedanken eröffnen sich automatisch, wenn man darüber nachdenkt, dass unsere Welt mitsamt uns selbst die Simulation einer Intelligenz sein könnte, die wir uns noch nicht einmal ansatzweise vorstellen können.
Wenn es für das Subjekt den Erfolg der Aufdeckung seiner Welt als Simulation gäbe und der Simulationsschöpfer würde dies erfahren (nämlich möglicherweise vermittelt durch sich selbst als in der Simulation selbstvergessenen Teil seiner selbst), so würde diese Tatsache, wenn ihn dies überraschen würde, selbst zu einem fehlbaren Wesen machen, wenn er ursprünglich beabsichtigte, eine perfekte Simulation zu schaffen. Der Begriff Gott wäre dann irgendwo fehl am Platze, er wäre nur noch ein fehlbarer Schöpfer einer Simulation.
Könnte es uns Subjekten nicht letztlich egal sein, ob die Welt eine Welt an sich ist oder ob sie einer Simulation einer Welt an sich ist? Wenn man sich jedoch in eine – natürlich notwendig wieder spekulativ-metaphysische – Gottesperspektive oder besser Schöpfer-der-Simulation-Perspektive versetzt, kann man sich durchaus fragen, welche Motivation dahinter stehen kann, neben einer Welt oder vielmehr einer Welt an sich eine perfekte Simulation zu schaffen. Im Moment kann man sich eigentlich kaum eine andere vorstellen, als dass sich der Schöpfer der Simulation vor sich selbst verfremden will. Oder dass er Experimentator ist und einfach das Geschehen beobachtet und analysiert. Die Zahl der Möglichkeiten scheint zu wachsen, wenn wir diesen Schöpfer tatsächlich nicht als Gott, sondern als intelligentes Wesen verstehen.
Auch wäre denkbar, dass sich zwar alles in einer Welt an sich, der “wahren” Welt oder Realität abspielt, aber dennoch so etwas wie den Charakter einer Simulation im Sinne einer artifiziellen Situation hat. Man könnte sich zum Beispiel vorstellen, dass uns eine intelligente außerirdische Zivilisation absichtlich abgeschirmt hat, vielleicht weil sie einen Ehrenkodex hat, vielleicht aber auch aus anderen Motiven, vielleicht hat sie uns sogar erschaffen. Hatten wir deshalb vielleicht noch keinen Kontakt zu außerirdischen Intelligenzen, sehen wir deshalb keine zweiten Erden?
Wäre es nicht denkbar, dass grundsätzlich keine Welt-an-sich Subjekte hervorbringen kann? Dass also das Phänomen Subjekt notwendig nur innerhalb von Simulationen auftaucht? Und vielleicht deshalb, weil der Geist-an-sich (göttlicher Geist? Schöpfer-der-Simulation-Geist?) in der Welt-an-sich unteilbar und nur in einer Simulation teilbar ist?

JM

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Internetsolipsismus

Angenommen, in ferner Zukunft hat sich das Internet so entwickelt, dass es dort rein virtuelle Identitäten gibt, die ihre Internetaktivitäten selbst steuern können. Ein genialer Programmierer würde irgendwann einmal als Erster seine virtuelle Identität im Internet (Facebook, Google, etc.) durch eine raffinierte Software, die auf irgendeinem oder mehreren Rechnern abläuft, so organisieren, dass sie ein Eigenleben entwickelt, sich selbst verwaltet und Kontakte zu anderen, realen und möglicherweise anderen virtuellen Identitäten aufnimmt. Zudem wäre den realen Identitäten der rein virtuelle Charakter künstlicher Identitäten nicht bekannt. Dieser Programmierer könnte irgendwann sogar sterben, seine virtuelle Identität würde fortexistieren.
Wie könnte unter solchen Umständen in der Zukunft eine reale Identität herausfinden, dass es sich bei seinem Gegenüber im Internet nicht um eine reale Existenz handelt? Wenn dies in Zukunft aufgrund des technischen Fortschritts nicht möglich sein sollte, besteht die Frage, ob man sich dem Internet dann noch als Plattform für wahrhaft unpersönliche Dialoge aussetzen soll, so interessant Dialoge mit perfektionierten Avataren auch sein mögen. Juristisch müsste dann wohl verhindert werden, dass rein virtuelle Identitäten im Internet überhaupt zugelassen werden. Aber dennoch könnten ja Hacker oder andere einflußreiche Leute, virtuelle Identitäten für ihre Zwecke im Internet installieren, um zum Beispiel an bestimmte Informationen zu gelangen.
Eine weitere Frage wäre, ob das Internet nicht generell in Zukunft ein Eigenleben entwickeln kann und Selbstorganisationsphänomene wie bei Organismen auftreten können. Und ob nicht damit eine Gefahr verbunden sein kann, wenn dieses selbstorganisierende System dann außer Kontrolle gerät. Zum Beispiel könnte es sich, nachdem Menschen bzw. Staaten beschlossen haben, es einzuschränken oder irgendwann ganz abzuschalten, gegen die Deaktivierung bestimmter Kernkomponenten (zum Beispiel der DNS-Root-Server oder anderer Server) zur Wehr setzen und an seinem eigenen Erhalt “interessiert” sein. Denkbar wären auch Hackerkriege, bei denen das Internet mit immer raffinierteren Methoden manipuliert werden müsste, um gewünschte Ziele, die zu diesem Zeitpunkt dann auch durchaus sinnvoll und ehrenhaft sein mögen, zu erreichen.
Wenn das Internet nach einem atomaren Krieg oder einer globalen Virusepidemie ohne Überlebende fortexistieren würde, wäre es denkbar, dass rein virtuelle Identitäten dort eine Rolle spielen. Auch könnte sich das Internet evolutiv weiter entwickeln. Evtl. könnte es sogar wieder Leben schaffen oder den Menschen durch die Information des menschlichen Genoms neu kreieren und mit Daten des Internet über seine Vergangenheit füttern, die ja nach wie vor im Internet gespeichert wären, zum Beispiel in einer zukünftigen Super-Wikipedia. Insofern wäre das Internet auch so etwas wie eine Absicherung für die Fortexistenz des Menschen.
Wie sieht das Internet in 100 Jahren aus?

JM

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Der endgültige körperliche Tod

Der körperliche Tod, genauer gesagt der Zustand des Gehirns unmittelbar vor dem körperlichen Tod, dürfte für das Gehirn ein extremer Zustand sein. Es war ja noch nie in einem solchen Zustand, vorausgesetzt der körperliche Tod tritt tatsächlich ein. Was im Gehirn im physiologischen und neurologischen Sinne passiert, ist medizinisch und wissenschaftlich durch Beobachtung und Empirie bekannt. Weniger bekannt ist das subjektive Empfinden des Betroffenen. Allenfalls gibt es Berichte über Nahtoderlebnisse, bei denen der Tod jedoch – trivialerweise – nicht eintrat. In diesen Berichten ist häufig von Tunnelerlebnissen mit einem Licht am Ende eines Tunnels die Rede.
Könnte es nicht sein, dass diese Erfahrungen keinesfalls Hinweise auf ein Leben nach dem Tod sind, sondern nur wiederspiegeln, dass sich das Gehirn in einem extremen Zustand befindet? Es tat im Leben in der Regel ja auch nichts anderes als das Leben des Betroffenen irgendwie körperlich und seelisch zu schützen. Nun ist es mit einer Situation konfrontiert, bei der es diesen Schutz nicht leisten kann, da der Tod mit Sicherheit eintritt.
Entweder macht es die Situation für den Betroffenen dadurch erträglich, dass es dem Betroffenen vorgaukelt, dass das Leben dennoch weitergeht, mehr noch, dass ihn sogar die Unsterblichkeit, das ewige Leben oder ein Jenseits erwartet. Die letzte Phase des körperlichen Lebens würde für den Betroffenen, wie sonst bei kritischen Lebens- und Körpersituationen in der Geschichte seines Lebens auch, erträglich gemacht.
Oder fühlt sich das Gehirn selbst in dieser Situation betroffen? Vorausgesetzt so etwas wie Betroffenheit lässt sich einem körperlichen Objekt, und das Gehirn ist für uns ja ein solches, überhaupt zusprechen. Vielleicht würde in dieser Todessituation dann so etwas wie eine Supervention auf der materiellen Struktur des Gehirns stattfinden, die zur Erzeugung von Subjektivität und in der Folge Betroffenheit führt. Der Betroffene selbst befindet sich ja nach gängiger medizinischer Ansicht in dieser Situation in einem bewusstlosen Zustand, der durch das Fehlen des Blutflusses durch das Gehirn bedingt ist. Wo soll dann noch die Subjektivität herkommen, wenn nicht vom Gehirn selbst?
Dieser für das Gehirn neue Zustand, ein Zustand, in dem das Gehirn vielleicht zum ersten mal für sich Subjektivität erzeugt, ist zugleich der Zustand, in dem es mit seinem eigenen Ende konfrontiert wird. Wie gewohnt, versucht es sich dagegen zu wehren und konstruiert neuronale Muster und Aktivitäten, die vorspiegeln, dass das Ende, in diesem Fall das eigene Ende, noch nicht gekommen ist.
Alles in allem ergibt sich hier wohl ein Widerspruch zwischen den Ansprüchen des Physischen und denen des Seelischen – das Physische repräsentiert durch das Gehirn, das Seelische repräsentiert durch unsere Person, die über subjektive Erlebnisse verfügt. Wer hat diese Erfahrungen kurz vor dem Tod, der dann tatsächlich eintritt? Tatsächlich eine Seele oder ein Gehirn, auf dem Subjektivität superveniert?
Es gibt wohl zwei Lösungsmöglichkeiten aus diesem Dilemma: Das Gehirn hat immer schon diese Subjektivität erzeugt und die Eigenständigkeit unserer Subjektivität ist nur eine Illusion. Oder das, was scheinbar jenseitig ist, nämlich das Licht am Ende des Tunnels, ist gar nicht jenseitig, sondern basiert auf materiellen Prozessen. Was könnten das für materielle Prozesse sein?
Wenn man hypothetisch annimmt, dass es ein Geistwesen gibt, das bei der Geburt in den Körper Einzug hält und ihn bei seinem Tod wieder verlässt, hätte man das schwer erklärbare Phänomen der Subjektivität nur auf eine andere Ebene verlagert. Das unerklärbare Phänomen bliebe als solches erhalten.
Es bleibt also die Frage, wie subjektive Erlebnisse innerhalb des Materiellen möglich sind. Was haben wir noch nicht verstanden? Haben die Dualisten Recht? Oder doch die Religionen?

JM

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Lange Weile

Für einen Philosophen sollte die Langeweile, wie sie zum Beispiel beim Warten gewöhnlich auftaucht, eigentlich ein Fremdwort sein, da in der Zeit des Wartens ja etwas anderes stattfindet, nämlich das Denken. Wenn das philosophische Denken zum Alltag gehört, sollte das Warten eigentlich nur eine Nebensache sein.
Langeweile kommt auf, wenn wir das Warten nicht mit Inhalten füllen können. Da das Philosophieren nicht für sich beansprucht, endgültige Lösungen zu präsentieren, und über facettenreiche Dinge vielfältig und im Prinzip endlos nachgedacht werden kann, ist wohl gerade das Philosophieren das beste Mittel gegen die Langeweile. Es ist die Besinnung auf die Gegenwart, nämlich auf das gegenwärtige Denken, jenseits von Terminen und Zielen, die in der nahen Zukunft liegen. Es ist die Macht über die eigene Zeit, es ist die Gestaltung der eigenen Zeit durch das in der Zeit stattfindende Denken, das sich zwar auch irgendwo der Zeit unterwerfen muss, aber immerhin noch das, was in der Zeit stattfindet, gestalten kann. Und somit auch indirekt im weitesten Sinne Zeit gestaltet.
Die Existenz und Dominanz der Begriffe Warten und Langeweile sagt etwas über unsere Gesellschaft aus. Es gibt Ziele, Termine und Bedürfnisse, die durch den Kauf von Produkten, die man noch nicht hat, aber bald haben wird, befriedigt werden. Warten und Langeweile sind Begriffe, die die Existenz und Dominanz von Zeit wiederspiegeln. Philosophieren, Träume, Meditation und erfülltes Nichtstun sind dagegen Tätigkeiten, die sich dem Primat der Zeit nicht unterwerfen. Wenn man das Glück in sich schon gefunden hat, muss man nicht noch auf etwas, das extern oder jenseitig liegt, warten. Warten müssen wir dann, wenn wir denjenigen glauben, die uns verheißen, dass das Glück etwas ist, das außerhalb von uns selbst zu suchen ist. Warten müssen wir, wenn wir auf diejenigen hören, die uns weismachen wollen, dass sich das Warten lohnt, zum Beispiel auf die Produkte, die sie verkaufen wollen und die bald zum Verkauf angeboten werden. Langeweile spüren wir, wenn wir die lange Weile zulassen. Die lange Weile ist aber nicht langweilig, sondern erfüllt, wenn wir sie durch Dinge, die jenseits der Zeit stehen, füllen. Aus einer endlosen langen Weile wird dann nicht Langeweile, sondern angenehme Weile.
Warten müssen wir auf das jenseitige Glück, auf das Jenseits, das uns von vielen Religionen versprochen wird. Das Warten ist dann, wenn wir uns diesem Warten unterwerfen, ein diesen Religionen gemäßes, ritualisiertes Leben. Zwangsläufig müssen diese Religionen das Glück im Menschen verunglimpfen und ebenso zwangsläufig werden Menschen dann durch Religionen in die Irre geführt. Allenfalls der Buddhismus ist eine Religion, der die Reichhaltigkeit eines inneren Nichts und des damit verbundenen Glückes aufzeigt.
Das Warten hat ein Ende, wenn man das Glück in sich gefunden hat. Das Glück in sich ist das Denken, Träumen und Dichten. Die Philosophie ist der Weg ohne Ziel – der Weg zum Glück.

JM

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Werte

Wenn man sich vorstellt, welchen gewaltigen medialen Einflüssen und Reizüberflutungen der Mensch heute ausgesetzt ist, und wie dominant die schnelllebigen elektronischen Medien dabei sind, müsste man eigentlich zu dem Schluss kommen, dass es heute gar nicht mehr so einfach ist, sich zu orientieren und in einer Welt der Wertepluralität konkrete Werte als für sich verbindlich geltend zu akzeptieren.
Wenn die Bilder in den Medien Dominanz haben, welche Werte lassen sich dann über diese Bilder vermitteln? Bedarf es nicht eher des geschriebenen und gesprochenen Wortes für eine angemessene Wertevermittlung? Denn mit Werten ist ja irgendwo eine Moral beziehungsweise Ethik verbunden, die expliziert werden muss. Die Ethik Kants wäre ein Beispiel, wie sollte seine Ethik nur über Bilder vermittelt werden? Die Dominanz der Bilder passt zu einer hektischen Konsumwelt, in der Werbebotschaften über Bilder schnell transportiert werden. Ist es nicht so, dass sich nur wenige oder überhaupt keine Werte über die dominanten Bildmedien transportieren lassen? Gut, man kann zwei Menschen zeigen, die sich umarmen und hätte so den Wert der Liebe, Freundschaft oder Zuneigung vermittelt. Aber diese Menschen, die sich da umarmen, können sich ja auch umarmen, weil sie zuvor erfolgreich gemeinsam jemanden umgebracht haben. Hintergrundwissen lässt sich schlecht in Bildern transportieren, seine Vermittlung schreit geradezu nach dem geschriebenen oder gesprochenen Wort.
Wenn das Angebot an Werten, vorausgesetzt sie lassen sich trotz Bilderflut erfolgreich medial vermitteln, dagegen unüberschaubar groß ist, fragt man sich, welche Werte denn dann überhaupt noch verbindlich und gemeinschaftlich gelten. Wenn es einen Wertepluralismus gibt, weil zum Beispiel jede Religion geachtet werden muss, fragt man sich, was denn nun wirklich die gemeinsamen Werte in einer pluralistischen und multikulturellen Gesellschaft sind. Wenn alles toleriert werden muss und alles Kultur ist, ist dann nicht nichts mehr Kultur? Denn die Anerkennung eines Wertepluralismus sich gegenseitig ausschließender oder kollidierender Werte, dies ist bei unterschiedlichen Religionen und Kulturen ja mitunter der Fall, sollte doch zu einem Wertevakuum führen, oder? Wenn Toleranz das oberste Gebot ist, muss alles toleriert werden, aber wenn alles toleriert wird, welche verbindlichen Werte gelten dann noch?
Zudem müsste dies ja bedeuten, dass man diesen gesellschaftlich gewollten Wertepluralismus notwendig verlassen muss, um sich eben zu einem Wert oder bestimmten, wenigen Werten, die man als autonomes Subjekt als wichtig erachtet, zu bekennen. Was dann in Konsequenz aber auch heißt, dass man sich von dem Leitmotiv, dass alles Kultur ist und alles toleriert werden muss, verabschieden muss. Und es bedeutet, dass man sich der Reizüberflutung der Medien und der Werbung, die einen Pluralismus in Form eines Produkt- und Konsumpluralismus tagtäglich predigen, als ob eine kapitalistische Gesellschaftsordnung schon die beste aller möglichen Welten wäre, entziehen muss.

JM

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Existenz und Mystik

Das Nichts ist eine Quelle der Erkenntnis und der Mystik. Der wahre Philosoph ist ein Existenzialist, der sich von allem befreit hat, von etablierten religiösen, aber auch von philosophischen Traditionen. Er ist jemand, der sich seiner existenziellen Grundsituation stellt und sich insofern nicht auf Kompromisse und Vertröstungen einlässt.
Die sogenannte “christliche Mystik” ist eher mystisch als christlich zu nennen, die christlichen Mystiker waren sich der Existenzialität ihrer Situation nicht bewusst und verdrängten sie, indem sie Halt in der gewohnten christlichen Gottesvorstellung suchten. Ich halte es für grundfalsch, die moderne Mystik eines Cioran, wenn man es schon Mystik nennen will, in irgendeiner Form auf traditionelle und insbesondere christliche Mystik zu reduzieren.
Der Philosoph, der sich dem Nichts stellt, wird die Situation, in der er sich befindet, zu etwas Heiligem machen. Welche Wahl hat er auch? Während Nietzsche sein existenzielles Heil in der Natur suchte, in den Engadiner Bergen, suchte es Cioran in der Stadt, in der Stadt der Städte: Paris. Cioran war wie viele andere Existenzialisten von Nietzsche stark beeinflusst. Dies ist ein Punkt, der bei aller Cioran-Bewunderung häufig unter den Tisch fällt, mitunter wohl auch deshalb, weil Cioran Nietzsche später selbst häufig kritisiert hat.
Beide haben eines gemeinsam und es fällt ein grundlegender Zug bei solch vereinsamten Menschen wie Nietzsche, Cioran oder auch dem späten Schopenhauer auf: Selbst Menschen, die nichts mehr haben, im Sinne von alltäglichen Kontakten zu anderen Menschen, was ja eigentlich die Normalität darstellen sollte, und die sich bewusst dem Nichts stellen, haben noch ein reiches Innenleben – wohl gerade sie. Um bei aller äußeren Vereinsamung nicht auch noch innerlich zu vereinsamen, werden sie zu Mystikern. Sie überhöhen ihre Erlebniswelt. Der Anblick einer Gebirgslandschaft, wie bei Nietzsche, oder eines Stadtparks, wie bei Cioran denjenigen des Jardin du Luxembourg in Paris, wird dann zu einem mystischen Erlebnis hochstilisiert. In positiver Formulierung hatten sie tatsächlich mystische Erlebnisse, nämlich ein Gefühl der Einheit von Betrachtetem und Betrachter, womit auch die Nähe der Existenzphilosophie zur Phänomenologie deutlich wird.
Aus der höchsten denkbaren Einheit, der Einheit von Allem, der Einheit von Welt und Betrachter, ergeben sich Gedanken des Betrachters über Gott, seine Existenz oder Nichtexistenz, und wenn Existenz, welche Existenz. Gedanken, die gerade ihren Ausgangspunkt im Nichts haben. Gott lässt sich in diesem Sinne als der andere Pol des Nichts – das Ganze – begreifen. Die Nähe des Nichts zu Gott ist wohl mitunter auch dadurch gegeben, dass wir Gott nicht beschreiben können.
Andersherum werden wir gerade zum Nichts geführt, wenn wir die Existenz Gottes leugnen, ihn gar, wie Nietzsche dies behauptete, getötet haben. Der Mensch ist dann völlig auf sich zurück geworfen und auf sich allein gestellt. Dennoch sucht er weiter nach Orientierung. Die ordnenden Gedanken, die er dann denkt, münden beispielsweise in solcherart Aphorismen eines Nietzsche oder Cioran. Es wäre insofern gerade verfehlt, Cioran oder Nietzsche im wesentlichen als Mystiker zu betrachten, sie waren zu allererst Philosophen, wenngleich auch Nietzsche, wie Cioran, ein stark mystisches Element inne hatte: Lou Salome bezeichnete Nietzsche später in ihren Lebenserinnerungen sogar explizit als Mystiker.
Wenn Einsamkeit als etwas Positives angesehen wird, was in heutigen Zeiten ja eher die Ausnahme ist – der Mensch, sprich Konsument, muss bei allem dabei sein, ist die Einsamkeit eines Menschen etwas ganz Individuelles und Persönliches, und von daher schon Heiliges, zumindest für ihn selbst Heiliges, aber auch aus der Sicht eines Gottes, wenn man sich hypothetisch in einen Gott hinein versetzt, der seine individuellen Geschöpfe betrachtet.
Die Religion als Massenglaube macht die Menschen gleich, die Menschen sind aber nicht gleich. Massenphänomene wie die Globalisierung machen die Menschen gleich, sie sind aber nicht gleich. Das Internet und die modernen Medien machen die Menschen gleich, sie sind aber nicht gleich. Der Existenzialismus und Individualismus ist eine Antwort auf unsere Zeit, und zwar ein wahrer Individualismus und nicht der Pseudoindividualismus eines Konsummenschen, der willkürlich von außen gesetzte Produkte und Bedürfnisse konsumiert und befriedigt.
Unsere Zeit krankt daran, dass sich die Menschen nicht der Einsamkeit stellen, nicht ihrer Einsamkeit stellen. Es gibt alle möglichen Ausflüchte und Angebote, womit sich Menschen ablenken können, zum Beispiel geben sie sich mit anderen Menschen ab, die genauso schwach sind wie sie selbst und sich ebenfalls nicht einer existenziellen Einsamkeit stellen können. Dies meinte Nietzsche wohl auch, wenn er von der “Herde” sprach. Der Massen- beziehungsweise Gruppenmensch lebt um den Preis des existenziellen Erlebnisses, des Mystischen und letztlich um den Preis der wahren Gotteserfahrung, eine Erfahrung, die eine Massenreligion per se nicht bieten kann.
Wir können zwar nicht alle einsame Existenzialisten werden – die Welt würde vermutlich untergehen, nichts würde mehr funktionieren – aber wir müssen eine Atmosphäre schaffen, dass jeder Mensch beizeiten auch Existenzialist sein kann, und dass dies die Quelle seiner Erkenntnis, Mystik, Philosophie und Religion sein kann.

JM

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Die Frage nach dem Sinn des Lebens

All Ihr Frager,
nach den Sinnen
– soviel gehört
und auch geseh’n.
Ach würdet Ihr Euch doch
auf’s Handeln versteh’n!
– Legt Hand an Euch
oder lasst es sein,
diese Frage ist echt
– mit Ihr seid Ihr allein!
Die Frage nach dem Sinn des Lebens
ist insofern recht vergebens.
Keine Frage, nur der Wunsch:
Erhöret mich und spendet Trost,
eigentlich will ich nur weiter leben,
doch fehlt mir was
– danach zu streben.

Wann sollte man das Leben aushalten und wann sollte man es ändern? Liegt nicht eine Gefahr im zuvielen Aushalten? Liegt nicht ebenso eine Gefahr im vielen Ändern? Wenn man mit wenigen materiellen Gütern im Leben auskommt, warum sollte man es in materieller Hinsicht ändern? – Wäre die Haltung des Bescheidenen, vielleicht sogar Armen.
Mein Lebensstandard reicht mir nicht, ich will mehr! – Wäre die Haltung des durchaus materiell Orientierten.
Wer hat nun Recht? Keiner?
Sollte man nicht auch versuchen, das Leben, wo möglich, auszuhalten? Man kann das gut in freier Natur – Wald, Wiese, Berge, Meer. Dort stellt sich gar nicht die Frage nach Veränderung, sie erübrigt sich. Nichts Materielles kann dies ersetzen. Das Aushaltenwollen und Aushalten, wo möglich, hat einen Vorteil: Man muss nicht immer soviel entscheiden, nicht soviel grübeln.
Man kann sich umbringen, weil man das Leben nicht mehr aushält. Man kann sich aber auch umbringen, weil man die Veränderung nicht mehr aushält, oder weil man sich immer geändert hat, ohne seinen wahren Kern zu entdecken, oder weil man sich geändert hat und schließlich die innere Leere entdeckt hat, oder weil man erkannt hat, dass man nicht zu denen gehört, die das Leben aushalten können, auch wenn es nicht aushaltbar ist.
Wer das Wasser nicht mag, dessen innere Flammesunruhe wird durch das Wasser auch nicht gelöscht. Er muss die Flamme ersticken.
Die Frage nach dem Sinn des Lebens will sich mir nicht so recht erschließen, wo doch jeder Mensch etwas individuell Heiliges ist. Jemand, der sich die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt, hat dies wohl nur noch nicht erkannt. Oder der Gedanke kam erst gar nicht auf, weil der Betreffende halt fürchterlich viel mitgemacht hat. Entweder kommt er da allein raus, was das Schönste wäre, oder man muss ihm helfen. Aber viele wollen sich auch nur helfen lassen, den bequemen Weg gehen: “Hört, ich frage mich, was der Sinn des Lebens ist – also helft mir!”

JM

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Nietzsches Mitleid

Für Nietzsche lässt sich das Mitleid als eine List des Christentums auffassen, von körperlichen Leiden, die die christliche Askese mit all ihrer Diesseitsverneinung und Jenseitsverehrung mit sich bringt, abzulenken: Siehe, da gibt es andere, die sind noch schlimmer dran als ich, meine eigenen körperlichen Leiden sind nicht so wichtig, man muss sie hinnehmen, sie sind nur des Diesseits, das Jenseits ist eine heile körperlose Welt. Die Geburt der Tragödie.
Der christliche Asket ist ein Verführter, ein in die Irre Geleiteter, verführt und in die Irre geleitet durch die christliche Tradition, durch Väter, Großväter und andere Einflußnehmer, mit ihren Versprechungen nach dem Jenseits und dem “ewigen Leben”.
Das Hochhalten eines jenseitigen Lebens kann in der Folge nur das diesseitige Leben diskreditieren und abwerten. Eine körperliche Wunde ist dann eine Kleinigkeit im Vergleich zum zu erwartenden unkörperlichen Heil der jenseitigen Welt. Das diesseitige Leben wird dabei nur als Vorstufe zu einem jenseitigen Leben angesehen. Da es aber kein jenseitiges Leben gibt, ist ein solches Leben verwirkt, ein solcher Mensch hat definitiv nie richtig gelebt. Wenn es ein Jenseits gibt, dann nur ein Jenseits von Gut und Böse.
Die Krankheit, mit der solche Menschen andere anstecken, mit der ein solcher Mensch selbst angesteckt wurde, von seinen Vätern, Müttern, Großvätern, Großmüttern und anderen Einflußhabenden, nennt man Religion. Eine spezielle Form dieser Krankheit ist das Christentum. Milliarden von Menschen auf diesem Planeten leiden an solchen Krankheiten. Aber sie wollen ihre Krankheit, sie kehren die Kategorien sogar um: Das richtige Leben sei ihre Religion. Menschliches, Allzumenschliches.
Wie verhalten sich Leid, Glück, Erkenntnis und Wissen zueinander? Wie Glauben und Wissen? Wie Religion und Wissenschaft? Gibt es wahrhaftes Glück ohne Erkenntnis? Gibt es wahrhaftes Glück ohne Wissenschaft? Fröhliche Wissenschaft.
Wer hat ein Interesse daran, eine Rangfolge statt einer Gleichberechtigung dieser Dinge aufrecht zu erhalten? Womit lassen sich Menschen leichter steuern? Wie verhindern Religionen, dass Menschen zur Erkenntnis gelangen? Inwiefern muss ein moderner Staat im Interesse des natürlichen Erkenntnisstrebens des Menschen die Macht der Religionen einschränken?
Zur Anerkennung einer Diagnose gehört Einsicht. Und Einsicht gibt es durch Erkenntnis. Widersprechen sich die Erkenntnis, vor allem die wissenschaftliche Erkenntnis, und die Religion nicht fundamental?
Der Kranke kann die Diagnose nur anerkennen, wenn er sich krank fühlt. Viele körperliche Krankheiten sind von einem sich Krankfühlen begleitet. Bei der Krankheit Religion ist dies anders. Sie ist wie eine Droge, bei der der Drogennehmer noch nicht einmal weiß, dass es eine ist, er hält sie für ein Lebenselixier, nicht für etwas Externes. Wenn Kranke nicht wissen, dass sie krank sind, und wenn sie noch dazu von lauter Kranken umgeben sind, die das auch nicht wissen, lässt sich schwerlich gegen Krankheit etwas tun.
Der abnorme Zustand wird in einem Kollektiv von Abnormen ja gar nicht als abnorm erfahren, sondern als normal. Normal ist, dass die Kirche im Dorf ist. Man könnte sich statt der Kirche aber auch einen astronomischen Beobachtungsturm mitten im Dorf vorstellen, vor dem die Dorfbewohner Respekt haben. Sie würden daran erinnert, dass sie in einem Universum mit Millionen anderer Welten leben. Mit einem Denkmal und Mahnmal für Giordano Bruno, der an die Existenz dieser Welten glaubte und der 1600 in Rom von der Inquisition als Ketzer auf dem Scheiterhaufen bei lebendigem Leibe verbrannt wurde. Stattdessen sollen die Menschen Respekt vor einem Jenseits haben, das nicht existiert. Der Kirchturm zeigt nach oben. Wohin eigentlich? Für den wahren Himmel, den Himmel der Sterne, interessiert sich niemand. Angebetet wird ein jenseitiger Himmel – das himmlische Jenseits.
Die Vertröstungskultur ist omnipräsent. Die Armen – die armen Opfer des Kapitalismus – werden auf ein Jenseits vertröstet. Hier gehen Christentum und Kapitalismus Hand in Hand, wie schon Max Weber richtig konstatierte. Und im Himmel sitzen dann die irdischen Ausbeuter und irdisch Ausgebeuteten friedlich nebeneinander und haben diese fehlbare, aber vom Kapitalismus dennoch angepriesene Produkt- und Bedürfniswelt, hinter sich gelassen.
Nietzsche entwarf mit dem Zarathustra das Projekt einer Gegenkultur zur etablierten Religion. Viele Begriffe im Zarathustra sind Gegenbegriffe zu christlichen Begriffen. Nietzsche feiert das irdische Leben im Zarathustra.
Zarathustra steigt von den Bergen – dem wahren Himmel – hernieder, geht zu den Menschen und lehrt sie – nicht die Lehre vom Jenseits – die des Diesseits. Es zu bejahen, so stark zu bejahen, dass man das irdische Leben, sein irdisches Leben, wollen muss, immer wieder wollen muss. Die ewige Wiederkehr, ins Irdische, nicht die ewige Abkehr vom Irdischen ins Jenseitige. Ecce Homo. Dies ist Dein Leib, dies ist Dein Blut. Amor fati.
Zarathustra rät den Menschen nicht zur Nächstenliebe, sondern zur Fernstenliebe, wobei mit dem Fernsten der Übermensch gemeint ist. Zu ihm hin muss sich der Mensch vervollkommnen. Es muss nicht der Jenseitserlöste, der Jenseitsmensch, angestrebt werden, sondern der Übermensch. Er ist derjenige, der das irdische Leben bejaht und sich nicht von Priestern mit Jenseitslehren vergiften lässt. Der Antichrist. Gott ist tot. Wille zur Macht.
Der Mensch ist ein Seil, das zum Übermenschen gespannt ist. Unter ihm lauern Abgründe, Abgründe, die eine Gefahr zum Weg des Heils, zum Weg zum Übermenschen darstellen: Die Verführungen der Religion, die Jenseitsvertröster und Diesseitshasser, die Versager, die mit dem irdischen Leben in ihrer Sklavenmoral gegen die Herrenmoral, die wahre Moral, die Moral des starken Lebens, nicht zurechtkommen. Die Schlechtweggekommenen, die Viel-zu-Vielen, die das Leben verachten müssen, das Leben, das von einigen Wenigen richtig gelebt wird, den wahren Aristokraten des Lebens. Genealogie der Moral.
Vielleicht lassen sich die meisten Menschen nur durch eine andere Religion auf den richtigen Weg bringen? – Den Weg Zarathustras? Dies schwebte Nietzsche wohl vor, er suchte eine quasireligiöse Plattform als Kommunikationsmittel zu den schon Verführten.
Die Verführten heutiger Tage sind nicht nur die religiös Verblendeten aller Orten, sondern auch die durch den Kapitalismus Verblendeten, die Gifte und Götzen des Kapitalismus und der Globalisierung sind der schnelle Markt und seine angeblich nötigen, unendlich vielen Produkte und Bedürfnisse. Götzendämmerung.
Brauchen wir einen Zarathustra, der uns den Weg aus dem religiös-fundamentalistisch-kapitalistischen Schlammassel weist?
Müssen wir wieder die Natur verehren? Müssen wir hin zu den verloren gegangenen Bergen Zarathustras?
Müssen wir uns wenden gegen das Dominium Terrae des Christentums und des Kapitalismus?
Nietzsche sagt: Terra – ist die heilige Erde. Bleibt der Erde treu!
Also sprach Zarathustra.
Wie man mit dem Hammer philosophiert.
Morgenröte – ein neuer Tag.

Hoher Mittag – Licht. Nietzsche bricht in Turin am 3. Januar 1889 körperlich und geistig zusammen, als er sieht, wie ein Pferd ausgepeitscht wird. Nacht – Dunkelheit.

Er macht die Erfahrung und Erkenntnis wahren Mitleids.

JM

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Klagelied eines Stadtmenschen

Wenn man sich vorstellt, wie viel Zeit man im Jahr mit alltäglich zu verrichtenden Dingen verbringt, kann man nachdenklich werden.
Nun lässt sich einwenden, selbst bei den alltäglichen Dingen könne man ja zeitgleich andere Dinge tun, die diese nüchternen Alltäglichkeiten wieder relativieren. Manche behaupten sogar, dass sie bei diesen alltäglichen Dingen am besten nachdenken könnten und die besten Einfälle hätten.
Wie dem auch sei. Aber sollte es nicht zu denken geben, wenn jemand diese alltäglichen Dinge als notwendige Voraussetzung dafür braucht, um überhaupt gute Gedanken und Einfälle zu haben? Sollte es nicht vielmehr so sein, dass es das Denken um seiner selbst willen geben sollte und sich dieses am besten vollzieht, wenn es gerade nicht von einer anderen Tätigkeit begleitet ist? Natürlich geschieht auch immer etwas anderes, wenn wir denken, aber diesem Geschehen sind wir, ist vielmehr unser Körper, ausgeliefert. Wir können dies nur passiv hinnehmen, man denke an den Herzschlag oder andere körperliche Automatismen wie das Atmen.
Nach einem hoffentlich angenehmen, traumreichen oder traumarmen Schlaf wacht man auf, und die täglichen Dinge des Lebens fangen an. In der Regel sucht man zuerst das Badezimmer auf und verrichtet dort alltägliche Tätigkeiten der Körperpflege. Wenn man sich 5 Minuten lang die Zähne putzt und dies morgens und abends tut, manche tun es sogar mittags, sind dies immerhin 10 Minuten am Tag, 3650 Minuten oder 60 Stunden oder 2 1/2 Tage im Jahr, die wir nur mit Zähneputzen beschäftigt sind. Wenn wir bei Männern noch das Rasieren hinzunehmen und dies ebenfalls mit 5 Minuten veranschlagen, kommen weitere 2 1/2 Tage hinzu, und damit insgesamt 5 Tage für Zähneputzen und Rasieren. Wenn man die tägliche gesamte Badezimmerzeit, inklusive An- und Auskleiden und aller dort noch zu erledigenden Verrichtungen, bei Männern mit 30 Minuten und bei Frauen, wegen der Kosmetik, mit bis zu 60 Minuten veranschlagt, und einen Durchschnittswert von 45 Minuten annimmt, macht dies 16425 Minuten oder 274 Stunden oder 11 Tage im Jahr, die wir nur im Badezimmer verbringen.
Weitere Tätigkeiten sind das Einkaufen, heute vor allem im Supermarkt, einschließlich des Wartens an der Kasse. Wenn man kalkuliert, dass bei jedem Supermarktkauf nur 3 Minuten im Schnitt an der Kasse gewartet werden muss, und man annimmt, dass im Durchschnitt einmal in der Woche ein Supermarktkauf auf der Tagesordnung steht, sind dies immerhin im Jahr 150 Minuten, also 2 1/2 Stunden, die man nur mit Warten an der Kasse verbringt. Wenn der Kauf inklusive Warten mit 20 Minuten angesetzt wird, sind dies 1000 Minuten im Jahr, also 17 Stunden, die wir nur im Supermarkt verbringen.
Auch die Zeit für die Nutzung der Verkehrsmittel lässt sich ähnlich ausrechnen. Wenn der tägliche Weg zur Arbeit mit 20 km angesetzt wird, bei den einen mehr, bei den anderen weniger, und wenn man bei starkem Verkehrsaufkommen, was in der Regel in den Ballungsräumen zu Berufsverkehrszeiten der Fall ist, eine Zeit von 30 Minuten benötigt, macht dies für den Hin- und Rückweg 60 Minuten, also 1 Stunde am Tag. Bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel sei der Einfachheit halber ein ähnlicher Wert angenommen. Ebenso, dass auch am Wochenende, an Feiertagen und im Urlaub wegen des Freizeitverkehrs ein ähnlicher Wert gilt, einschließlich aller Stauzeiten an Berufs- und Freizeittagen, so verbringt man im Jahr 21900 Minuten mit Fahrten, also 365 Stunden, also 15 Tage im Auto oder in Bussen oder Bahnen.
Wenn man diese alltäglich zu verrichtenden Dinge betrachtet, die einen in der Regel auch langweilen und auf die Nerven gehen können, so beschäftigen wir uns 11 Tage plus 1 Tag plus 15 Tage, also 27 Tage, also einen Monat im Jahr, mit solchen Dingen. Mindestens 1/12 unserer Zeit muss für Dinge investiert werden, die uns eigentlich hauptsächlich lästig erscheinen.
Wenn man nun noch die Arbeitszeit hinzu rechnet, und Arbeit wird in der Regel ja immer noch als notwendigerweise zu Tuendes und nicht unbedingt, im Vergleich zu Hobbys in der Freizeit, als gern zu Tuendes angesehen, und wir die durchschnittliche tägliche Arbeitszeit mit 8 Stunden ansetzen, macht dies 40 Stunden in der Woche, bei großzügigen 30 Tagen Urlaub, also 6 Wochen, macht dies 44 Arbeitswochen, 1760 Stunden oder 73 Tage im Jahr.
Wenn man zu diesen 73 Tagen die 27 obigen Tage aus den alltäglichen Tagesverrichtungen hinzufügt, erhält man 100 Tage oder 3 Monate im Jahr, die man mit Tätigkeiten verbringt, die man nicht unbedingt mag.
Was möchten wir in der uns verbleibenden wertvollen Zeit tun? – Was möchte der Stadtmensch in dieser Zeit tun, und die meisten Menschen sind Stadtmenschen, müssen heute notgedrungen Stadtmenschen sein.
Vielleicht vor allem Eines? – Nichts?
Wenn zum Nichtstun der Aufenthalt in der Natur, etwa in Bergen, Wäldern oder am Meer zählt, haben wir als Stadtmenschen, schon rein zeitlich betrachtet, den Draht zur Natur verloren. Wenn wir die Natur brauchen, um uns zu erholen und zu uns selbst zu finden, haben wir schon verloren.

JM

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Tagebuch eines Erfolgreichen

Nach dem morgendlichen Aufstehen trinke ich immer ein Glas Wasser. Wasser – was für ein Element! Aus dieser Quelle trinkt die Welt. Dies mache ich inzwischen jeden morgen, find’ ich gut – aus Erfahrung gut. Es lohnt sich, ich liebe es, es verleiht Flügel.
Beim Frühstück wollte ich die Zeitung lesen. Verdammt! – Brille? Endlich, da ist sie. Ich bilde mir über dieses und jenes meine Meinung.
Nach dem Frühstück und vor der Arbeit noch schnell meine privaten Mails checken. Bin ich schon drin?
Schnell noch ein Deo, ein Duft, der Frauen provoziert. Ich habe eine Arbeitskollegin – die zarteste Versuchung, eine Perle der Natur. Für das Beste im Mann.
Auch wenn der Berufsalltag sich wiederholt. An jedem Tag kann etwas neues passieren, nichts ist unmöglich, entdecke die Möglichkeiten. Wichtig ist ein guter Job, da weiß man, was man hat.
Drei Dinge braucht der Mann: Eine nette Frau, einen guten Job, und natürlich … ein Auto. Freude am Fahren, man gönnt sich ja sonst nichts.
Nach einer Staufahrt wieder einmal bei der Arbeit zu spät angekommen. Es gibt viel zu tun, packen wir’s an! Ist zwar auch nur ein Bürojob mit vielem Sitzen, aber zum Glück trainiere ich regelmäßig meinen Body. Ein starker Rücken kennt keinen Schmerz.
Mein Chef will nur eines: Fakten, Fakten, Fakten. Ich arbeite in einer erfolgreichen Company, mit netten Arbeitskollegen und -kolleginnen. Die tun was, geht nicht, gibt’s nicht, optimal ein- und verkaufen, Geiz ist geil. Zum Schluss sagen wir uns immer: Gut, dass wir verglichen haben. Wir sind doch nicht blöd. Weiter denken, wer nur die Hälfte weiß, weiß gar nichts. Leistung aus Leidenschaft, vorweg gehen, Vorsprung durch Technik. Bei uns ist der Kunde mitten drin, statt nur dabei. Vertrauen ist der Anfang von allem. Preise gut, alles gut, wenn’s um’s Geld geht. Wir streben nach Vollendung, der Kunde ist dann auch zufrieden, wenn ihm soviel Gutes widerfährt, bei uns sitzen sie in der ersten Reihe. Wir geben ihrer Zukunft ein Zuhause, wir legen ihnen keine Steine in den Weg, im Gegenteil, auf unseren Steinen können sie bauen. Das einzig Wahre, das Beste oder nichts, mehr vom Leben.
Auch wenn mir die Arbeit Spaß macht, ich freue mich schon auf den nächsten Urlaub, mit dem Flieger: keine Staus, keine Termine, keine Hektik, kein Stress, keine Kompromisse.

JM

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Kultur und Philosophie

Vorausgesetzt Philosophie ist im weitesten Sinne ein Element von Kultur. Gleichzeitig ist Philosophie aber per se natürlich auch Reflexion über das, was Menschen tun, zum Beispiel aus einer kulturellen Tradition heraus. Dann wäre Philosophie ein selbstreflexives Moment von Kultur. Ein reines Ausüben von Kultur findet aber in der Regel nicht reflexiv statt, zum Beispiel die alltägliche Pflege einer bestimmten religiösen Tradition. Denn Reflexion bedeutet irgendwo auch ein Infragestellen, religiöse Riten werden von denen, die sie ausüben aber nicht infrage gestellt, ansonsten wären sie keine Riten.
Unter der Prämisse eines umfassenden Kulturbegriffes scheint der moderne und häufig verwendete, inzwischen vielleicht schon überstrapazierte Begriff der Multikulturalität diesen dann wichtigen Aspekt von Kultur zu übersehen und nicht zur Geltung zu bringen. Wenn man den Begriff Multikulturalität in seiner gewöhnlichen Verwendungsweise hört, meint man, es gelte, doch die verschiedenen Kulturen der Welt, und vor allen Dingen die unterschiedlichen Religionen, als wesentliches oder wesentlichstes Element der Kultur eines Landes, zu respektieren. Man kommt überhaupt nicht auf die Idee, dass es hier auch um Philosophie gehen könnte.
Zwar gibt es überall auf der Welt Philosophie, im weiteren Sinne. Aber ich denke, dass die Philosophie im engeren Sinne ein Produkt des antiken Griechenland ist und dort die Wiege und Wurzel von dem liegt, was wir heute den Westen, die westliche Zivilisation oder westliche Kultur nennen.
Was ist der Kern dieser Philosophie, dieser Tradition, und unter obiger Voraussetzung dann auch: dieser Kultur? Reicht es, wenn wir ihn generalisierend unter dem Begriff Kultur, im landläufigen Sinne, subsumieren? Ich denke, er ist der reflexive Dialog, in dem unterschiedliche Meinungen gehört werden, in dem miteinander diskutiert wird. Zwar gibt es ihn beispielsweise auch im Buddhismus, vor allem im Zen-Buddhismus, man denke an den Koan. Aber hier bewegen sich die Beteiligten auf unterschiedlichen Ebenen, nämlich auf denen von Meister und Schüler. Der griechische philosophische Dialog ist dagegen reflexiver und offener.
Ich denke, wir schätzen diese Tradition heute zu wenig, selbst oder gerade im Westen. Wenn wir von Multikulturalität sprechen, nehmen wir bewusst keine Gewichtung vor: Alle Kulturen und Traditionen seien gleich wichtig. Was sicherlich irgendwo richtig ist. Aber ich denke, man sollte sich gerade über die Qualität westlicher Philosophie im Gefolge der griechischen Philosophie im Klaren sein: Das Wesen dieser Philosophie ist der offene Austausch und die Argumentation, nicht die religiöse Verehrung, nicht der Ritus. Und ich denke, dass wir dazu bereit sein müssen, diese unsere Tradition, die ein wichtiger Baustein unserer Freiheit als frei denkender Menschen ist, zu verteidigen. Dies sind wir auch der europäischen Aufklärung schuldig, einem historischen Phänomen, das in der Weltgeschichte seines Gleichen sucht, und die nach der Renaissance – ihrerseits eine Zeit, die sich bewusst der Rückbesinnung auf das griechische Erbe stellte – von einer philosophischen Kritik einseitiger Religiosität aus den Erfahrungen des Mittelalters begleitet war. Im Gefolge dieser Tradition ist überhaupt erst die moderne Naturwissenschaft entstanden.
Wir sollten unsere westliche Philosophie schätzen und nicht einem multikulturellen Relativismus opfern. Das hat sie nicht verdient und das haben ihre aufklärerischen religionskritischen Vorkämpfer nicht verdient.

JM

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Religion und Philosophie

Das wahrhaft Religiöse ist nicht die individuelle oder kollektive Verehrung eines bestimmten Gottes innerhalb einer bestimmten Religion, sondern die individuelle Suche nach Gott. Kein Mensch kann daran gehindert werden, Gott auch in seinem eigenen Inneren zu suchen. Hier begegnen sich nun Religion und Philosophie. Das reflexive In-sich-gehen ist ein genuines Feld der Philosophie, Religion ist insofern per se ein Teil von Philosophie. In einem mystischen Moment wird Gott im eigenen Inneren gefunden.

“Wir haben ihn getötet”

Gott in uns

JM

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Raum und Zeit

Manchmal besucht man Orte in der Hoffnung dort alte Zeiten zu finden. Doch man wird oft enttäuscht, die Orte sind nicht mehr das, was sie einmal waren, sondern haben sich, wie die Zeiten auch, geändert. Eigentlich ist es schon falsch, zwischen Raum und Zeit eine Trennung vorzunehmen, dies ist nicht nur eine Erkenntnis der modernen Physik, sondern auch Teil unserer Lebenserfahrung. In Wahrheit sehnen wir uns nicht nur nach einer bestimmten Zeit zurück, wie wir oft sagen, wobei wir die räumliche Komponente ignorieren, sondern nach einer bestimmten Einheit von Zeit und Raum, wie sie zu einer bestimmten Zeit gegeben war.
Da diese Einheit jedoch einmalig war, bleibt unsere Sehnsucht Sehnsucht, selbst wenn wir die alten Orte aufsuchen und unserer Erinnerung damit auf die Sprünge helfen wollen. Womit wir die Erinnerung jedoch in gewisser Weise wieder als etwas Unselbständiges schwächen.
Wäre es nicht auch denkbar, dass wir Orte aufsuchen, bei denen wir das Gefühl haben, dass dort etwas für unser Leben Wichtiges stattfinden wird?
Warum diese Verengung auf die Vergangenheit, diese Bevorzugung der Erinnerung im Vergleich zur Hoffnung?
Es ist uns möglich, aufgrund ihrer vermeintlichen Konstanz, “vergangene” Orte aufzusuchen, nicht jedoch vergangene Zeiten. Die Erinnerung will diesen Makel überwinden, sie neidet dem Raum die Möglichkeit überzeitlichen Seins, sie will zu den alten Zeiten vorstoßen. Zum Erinnern müssen wir uns noch nicht einmal körperlich weg bewegen, wie bei einem Ortswechsel, wie dies beim Aufsuchen eines Ortes, der für uns eine wichtige Rolle spielte, ja der Fall ist. Dies zeigt, dass das Denken der Zeit und die Bewegung dem Raum verhaftet ist. Bewegung ist aber immer Bewegung in der Zeit. Für Aristoteles war die Zeit die Zahl der Bewegung. Das Zählen ist jedoch ein bewusster Akt unseres Denkens. Auch dies zeigt, dass Raum und Zeit untrennbar miteinander verbunden sind.
Unterschätzen wir den Vorgang des Erinnerns gewöhnlich nicht? Das Erinnern erscheint uns eher als ein verschwommenes Abbilden denn als ein aktives Sich-hinein-versetzen. Doch wenn wir uns so intensiv erinnern, als wäre das Vergangene präsent, so sagt dies ja auch etwas über die Leistungsfähigkeit unseres Erinnerungsvermögens selbst aus, und nicht nur über die Inhalte, an die wir uns konkret erinnern. Wäre es nicht denkbar, dass wir durch die Erinnerung eine tatsächliche Verbindung zu den Geschehnissen als raumzeitlichen Ereignissen haben? Dies würde bedeuten, dass es ein raumzeitliches Kontinuum gibt, bei dem alle Ereignisse miteinander in Verbindung stehen. Wenn wir uns im Moment unseres Todes an unsere Geburt erinnerten, wie auch immer, so wäre damit durch die Erinnerung eine Einheit von Geburt und Tod gegeben. Ist eine Erinnerung an die Geburt überhaupt möglich? Oder gibt es sie vielleicht nur, wenn wir sterben? Wenn wir im Moment der Geburt den Moment des Todes ahnten, was noch spekulativer erscheint, wäre diese Einheit ebenfalls gegeben. Es ist wie bei einem Kreis, der sich schließt, der an einem bestimmten Punkt entstand und der bis an ein bestimmtes Ende zirkuliert und zirkuliert, wie der Zeiger einer Uhr. Wobei Anfangs- und Endpunkt der Bewegung nicht Teil unseres alltäglichen Bewusstseins sind, sie liegen jenseits von dem, was wir eine gesicherte Erkenntnis nennen würden. Bei dem einen Punkt waren wir noch nicht, bei dem Anderen sind wir nicht mehr.
Trotz der Einheit von Zeit und Raum scheint uns doch der Raum als etwas Unveränderlicheres als die Zeit. Alte Orte, etwa uralte Häuser mit dicken Mauern, scheinen die Zeit zu ignorieren, sie bestehen über Jahrhunderte und Jahrtausende, scheinbar ewig. Unser Zeitempfinden prallt an ihnen ab, als ob es ihnen egal ist, was uns in der Zeit als wichtig erscheint. Als ob es ihnen einerlei ist, welche wichtigen Lebensereignisse wir gerade mit ihnen verbinden. Sie haben ein Eigenleben, das ihrer Entstehungszeit treu ist. Eine alte Kirche gibt irgendwo die Atmosphäre ihrer Entstehungs- und Bauzeit wieder, spätere Geschehnisse werden kaum abgebildet, vornehmlich in unserem Bewusstsein. Letztlich sind wir es selbst, in gewisser Weise durch unsere Lebenserinnerungen oder auch durch historische Aufzeichnungen, die alten Bauwerken ein Leben einhauchen.
Manchmal erscheint uns Raum und Zeit auch austauschbar, als ob es seltsame Verbindungen zwischen verschiedenen Ereignissen gibt, die wir eigentlich als unabhängig voneinander betrachten. Wir bewegen uns an einen Ort und denken plötzlich an eine andere Zeit, die mit dem Ort scheinbar gar nichts zu tun hat. Oder wir erinnern uns an eine bestimmte Zeit und denken ebenso plötzlich an einen völlig anderen Ort. Und in unserem Denken und Fühlen scheint trotz dieser Widersprüche dennoch alles vereint. Und das Geheimnis der Einheit von Raum und Zeit hängt untrennbar mit dem Mysterium unseres Lebens, einschließlich unserer Geburt und unseres Todes, zusammen.

JM

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Die wahren Freunde

Was bleibt Dir denn Anderes übrig, als Deine Gedanken zu Deinen Freunden zu machen, wenn Du allein bist?

JM

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Anthropisches Prinzip und Information

Informationen werden auf materiellen Datenträgern gespeichert. Die materiellen Manifestationen von Informationen zeigen sich beispielsweise auf durch Tinte beschriebenem oder Toner bedrucktem Papier bei Büchern, oder bei Compact Discs, auf denen mittels Laser Abfolgen langer und kurzer Rillen in das Oberflächenmaterial eingebrannt wurden. Da sich die materiellen Strukturen, auf denen diese Informationen gespeichert werden, jedoch ändern können, unterliegen Informationen der Möglichkeit der Zerstörung. Bücher können reißen oder brennen, Compact Discs brechen und Festplatten mechanischen Stößen ausgesetzt sein.
Spätestens wenn sich die Sonne in 5 Milliarden Jahren zu einem Roten Riesen aufgebläht haben wird und der Planet Erde in der Folge verglüht, können auf diesem Planeten keine Informationen mehr gespeichert werden, in welcher Form auch immer. Die Menschen müssten bis zum betreffenden Zeitpunkt schon zu interstellarer Raumfahrt fähig sein, um andernorts alte Informationen zu erhalten oder neue zu erzeugen.
Gibt es die Möglichkeit der Erzeugung einer unzerstörbaren Information? Man könnte zunächst an eine Manifestation in Form elementarer Teilchen, zum Beispiel Atomen, denken. Aber auch diese können sich bekanntlich verändern. Strukturierte Kohlenstoffatome könnten etwa durch bestimmte Prozesse zum Zerfall gebracht werden, und mit ihnen die Informationen, die durch sie gespeichert werden. Selbst bei Elementarteilchen besteht natürlich die Möglichkeit einer solchen Veränderung bzw. Zerstörung. Zudem müssten ja auch immer mehrere Teilchen zu einer Struktur aggregiert werden, um Informationen abzubilden.
Die Frage danach, ob eine Information erzeugt werden kann, die unzerstörbar ist, reduziert sich somit letztlich auf die Frage, ob es eine materielle Struktur gibt, die unzerstörbar ist. Nach allem, was wir wissen, sieht es nicht danach aus. Wohl mit einer Ausnahme: Das Universum selbst. Die Informationen über das Universum könnten immer irgendwo im Universum gespeichert sein. Es gibt wahrscheinlich eine Mindestanzahl bewohnter Planeten, wie groß diese auch immer sein mag, auf denen Informationen über das Universum gespeichert werden.
Wenn das Universum zeitlich endlich ist, werden auch die materiellen Manifestationen von Informationen, die letztlich in einem solchen Universum irgendwo materiell gespeichert werden, ein zeitliches Ende haben. Denkbar wäre ein Kollaps des Universums hin zu einer Singularität oder ein ewiges Expandieren mit einer unendlichen Ausdünnung der Materie bzw. Energie. In beiden Fällen würden Informationen endgültig vernichtet, da sich die Materie in einem extremen Zustand befindet, bei dem eine materielle Speicherung von Informationen nicht mehr möglich ist.
Angenommen, es wird postuliert, dass die Struktur des Universums derart beschaffen ist, dass Informationen über das Universum zu allen Zeiten des Universums bestehen können und dass dies auch unendlich lang geschehen soll. Dann müsste das Universum ewig existieren. Es sollte dann also immer im Universum Orte geben, zum Beispiel Planeten mit intelligenten, informationserzeugenden Lebewesen, auf denen diese Informationen speichern.
Letztlich wird es sich bei diesen Informationen um Informationen über das Universum selbst handeln, sie stellen eine Abbildung des Universums dar. Diese Informationen sind einerseits mathematische Informationen und Naturgesetze, Informationen, die wir der Mathematik, Physik, Chemie oder Biologie zuordnen, andererseits handelt es sich um Strukturbeschreibungen konkreter Objekte der Natur oder Kultur bzw. um Produkte kreativer intelligenter Lebewesen, etwa Musikstücke, Kunstwerke wie Gemälde, literarische Erzeugnisse, und Anderes.
Die Informationen der ersten Art wird es wahrscheinlich an jedem Ort geben, an dem Informationen gespeichert werden, somit auf jedem entwickelten Planeten mit Zivilisationen, die in Mathematik und Naturwissenschaften einen gewissen Grad erreicht haben. Diese Informationen zeichnen sich durch den Charakter der Allgemeingültigkeit und ihre experimentelle und intersubjektive Nachprüfbarkeit und Nachvollziehbarkeit aus. Die Informationen der zweiten Art werden in den meisten Fällen wohl einmalig sein. Dass sie exakt in derselben Form an unterschiedlichen Orten im Universum entstehen, ist aus Gründen der Wahrscheinlichkeit so gut wie ausgeschlossen. Beethovens 9. Sinfonie ist ein einmaliges Informationsereignis auf dem Planeten Erde. Dennoch wird es wahrscheinlich irgendwo auf einem anderen bewohnten Planeten eine Musik geben, die wir als klassische Musik im Stile Beethovens bezeichnen würden.
Mit der Zahl der von intelligenten Lebewesen bewohnten Planeten im Universum bzw. der Zahl der Zivilisationen, die interstellare Raumfahrt betreiben können und dadurch vielleicht sogar, unabhängig von einem lebensfreundlichen Planeten, auf einem artifiziellen Quasiplaneten leben und sich selbst versorgen könnten, nimmt die Wahrscheinlichkeit dafür zu, dass (jede – hier spielt der Grad der wissenschaftlichen und technischen Entwicklung einer Zivilisation eine Rolle) Information über das Universum irgendwo im Universum an mindestens einem Ort gespeichert ist. Dies würde bedeuten, dass das Universum zu jedem Zeitpunkt seiner Existenz in sich über eine informationelle Abbildung seiner selbst verfügt. Infolgedessen wäre das Universum dann gerade derart strukturiert, dass dies möglich ist, was zum anthropischen Prinzip führt, zur Beschaffenheit der Naturkonstanten und zur Stabilität des Universums aufgrund dieser Beschaffenheit dieser Konstanten. Wenn nun noch alle intelligenten Lebewesen des Universums humanoider Natur sind, folgt hieraus die Notwendigkeit der Existenz des Menschen, als Voraussetzung für den Erhalt von Information über das Universums.
Wäre es nicht denkbar, dass es eine hochentwickelte Zivilisation gibt, die durch ihren wissenschaftlich-technischen Entwicklungsstand, zum Beispiel in der astronomischen Beobachtungstechnik, über sehr viele Informationen über das Universum verfügt, bis hin zur Beobachtung bewohnter Planeten?
Vielleicht ist das Universum gerade zu allen Zeiten so beschaffen, dass eine Kenntnis seines physikalischen Zustandes, inklusive seiner materiellen Strukturiertheit (Galaxien, Sterne, Planeten, Lebewesen, …), im Prinzip an mindestens einem Ort gespeichert ist, nämlich dem Planeten (oder artifiziellen Quasiplaneten einer zu interstellarer Raumfahrt fähigen Zivilisation) mit der höchstentwickelten intelligenten Lebensform.
Es ist interessant, dass im Universum ein informationelles Abbild seiner selbst existiert. Es beschränkt sich jedoch auf die oben genannte erste Art von Informationen. Und dieses Abbild kann im Prinzip an jedem Ort des Universums existieren. Bei der zweiten Art von Informationen ist dies nicht der Fall. Es gibt auf einem Planeten im Virgohaufen kein getreues Abbild von Beethovens 9.
Dies sollte auch Anlass sein, darüber nachzudenken, welchen universellen Stellenwert naturwissenschaftliche Informationen haben, so interessant die Produkte menschlicher Kunst mit ihren Informationen einmaligen Charakters auch sein mögen. Deshalb ist es gerade so schwierig, die Informationen der zweiten Art zu erhalten. Naturwissenschaftliche Informationen werden irgendwo im Universum auf anderen Planeten gefunden, selbst wenn der Unsere untergeht. Unsere Kultur- bzw. Kunstprodukte dagegen sind unwiederbringlich verloren.
Dies könnte ein Argument dafür sein, alles dafür zu tun, gerade diesen unseren Planeten zu erhalten. Letztlich bedeutet dies dann auch, die Informationen auf diesem Planeten zu erhalten und nötigenfalls woanders im Universum im Prinzip ewig zu speichern. Beethovens 9. sollte ewig gespeichert werden, sie sollte nicht verloren gehen.
Das Universum selbst repräsentiert eine Wahrheit, es enthält implizit die Information der Naturgesetze. Da es nicht zerstörbar ist, ist auch diese Information nicht zerstörbar. Mag es Menschen geben, die diese Information lesen können oder nicht. Das Universum erkennt sich fortwährend selbst in dieser Wahrheit, auch durch uns Menschen. Wir Menschen sind die, die zwischen Information und Wahrheit stehen. Naturwissenschaftler sind da nicht anders als Dichter.

JM

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Am Anfang war das Wort

Ich stand am Fenster meines Büros und wartete. Meine Existenz hängt von meiner mobilen Erreichbarkeit ab.
Vor der Tür hielt der Kleintransporter eines Paketdienstes. Am Steuer saß schreibend ein Mann. Er stieg aus und warf einen gelben Zettel in meinen Briefkasten, klingelte jedoch nicht. Er fuhr wieder davon.
Aus Zeitknappheit habe ich gestern einen Bekannten, der ein paar Tage frei hatte, darum gebeten, über das Internet online für mich einen neuen Mobilfunkvertrag abzuschließen. Meine Daten, einschließlich meiner Kontodaten, habe ich ihm zuvor gemailt, verschlüsselt natürlich.
Da mein Bekannter nicht wusste, dass der Mobilfunkanbieter eine Trennung zwischen Privat- und Geschäftskunden vornimmt, bestellte er einfach auf der nächstbesten Bestellseite unter “Privatkunden” und gab als Lieferadresse meine Büroadresse an, auch hinsichtlich der späteren Rechnungsstellung und wegen der Formalitäten in der Steuererklärung für das zuständige Finanzamt im nächsten Jahr.
Auf dem gelben Paketzettel stand, dass das Paket nicht zugestellt werden konnte und man es in einem Lager des Paketzustellers direkt abholen könne. Auch jemand anders könne das Paket abholen, es könne auf dem Zettel der Name und die Adresse des Abholers eingetragen werden, mit einer Unterschrift des Paketadressaten. Der Zettel müsse dann nur zusammen mit dem Personalausweis des Abholers vorgezeigt werden. Die Abholzeiten waren nicht angegeben, weshalb ich die Hotline des Paketzustellers anrief, die ebenfalls auf dem Zettel vermerkt war. Dort teilte man mir mit, dass das Lager noch bis Acht geöffnet sei. Das Lager befand sich am Stadtrand auf einem Gewerbegebiet.
Ich hatte heute abend etwas vor, rief deshalb erneut meinen Bekannten an und fragte ihn, ob er das Paket noch heute abend für mich abholen könne. Es winke ein Abendessen. Er stimmte freudig zu. Ich füllte seinen Namen und seine Adresse auf dem Zettel aus und unterschrieb. Auf dem Weg zu meinem Date fuhr ich vorher bei meinem Bekannten vorbei und gab ihm den Zettel.
Er fuhr dann sofort zum Lager des Paketdienstes, kam um kurz vor Acht an und gab dem Mitarbeiter des Paketdienstes den Paketzettel und seinen Personalausweis. Der Paketdienstmitarbeiter ging mit dem Zettel in das Lager, kam mit dem Paket nach einiger Zeit wieder zurück und teilte meinem Bekannten mit, dass er es ihm leider nicht aushändigen könne, da die Übergabe gemäß dem Ident-Verfahren stattfinden müsse. Dies erfordere die Anwesenheit des Adressaten. Dabei wird die Adresse, die im Auftrag vermerkt ist, mit der Adresse im Personalausweis verglichen. Wie er mir im Nachhinein erzählte, fragte er sich, warum der Mobilfunkanbieter im Internet nicht explizit darauf hinweist, dass auch die Adresse eingegeben werden muss, die im Personalausweis des Adressaten steht. Auch teilte er dem Mitarbeiter des Paketdienstes mit, dass auf dem Paketzettel aber doch stand, dass ein Anderer im Auftrag des Adressaten das Paket abholen könne. Der Mitarbeiter teilte ihm daraufhin mit, dass er dazu nichts sagen könne, er entschuldigte sich förmlich und fragte meinen Bekannten, ob das Paket denn noch einmal zugestellt werden solle, und wenn ja, in welchem Zeitfenster, vormittags oder nachmittags. Mein Bekannter antwortete widerwillig, dass das Paket am anderen Tag noch einmal vormittags zugestellt werden soll.
Dann fuhr er wieder den langen Weg nach Hause. Als er zuhause ankam, rief er mich auf meinem Handy an, ich saß gerade im Restaurant, und teilte mir die Geschehnisse mit. Ich sagte ihm kurz, dass das Paket am anderen Vormittag nicht zugestellt werden könne, da ich dann nicht im Büro bin. Außerdem dachte ich mir, dass der Zusteller wahrscheinlich, wie beim letzten Mal auch, wieder nicht klingeln würde, und gleich den vorausgefüllten Zettel in meinen Briefkasten werfen würde. Ich beschloss, meinen Termin für den Vormittag des Folgetages abzusagen und teilte meinem Bekannten mit, dass er doch bitte noch einmal bei der Hotline des Paketzustellers anrufen und dort mitteilen solle, dass ich das Paket persönlich vom Lager abholen werde. Mein Bekannter rief dann auch die Servicenummer des Paketdienstes an und teilte der Call-Center-Mitarbeiterin mit, dass sie doch bitte weitergeben solle, dass das Paket doch nicht zugestellt werden soll, sondern dass es vom Adressaten selbst vom Lager abgeholt wird. Sie sicherte ihm zu, dass sie dies an den Paketdienst weitergeben werde.
Am anderen Morgen fuhr ich fast eine Stunde lang durch den Berufsverkehr zum Lager. Zudem waren auch noch einige Leute vor mir dran, so dass ich warten musste.
Das Paket war jedoch bereits wieder unterwegs zur Zustellung. Eine Information vom Call Center zum Paketdienst aufgrund des Anrufes meines Bekannten am Abend zuvor war offenbar nicht erfolgt oder ist untergegangen. Notgedrungen musste ich unverrichteter Dinge wieder fahren. Nachmittags lag im Briefkasten meines Büros ein zweiter Paketzettel, wiederum mit der Information, dass das Paket nicht zugestellt werden könne. Abends fuhr ich dann wiederum zum Lager, um es abzuholen. Ich hatte meinen Personalausweis dabei.
Doch wieder wurde mir das Paket nicht ausgehändigt. Der Lagermitarbeiter des Paketdienstes versicherte sich noch einmal telefonisch an vorgesetzter Stelle, dass das Paket auf keinen Fall an mich ausgehändigt werden dürfe. Die Adresse auf dem Auftrag stimme nicht mit der Adresse im Personalausweis überein. Ich rief daraufhin beim Mobilfunkanbieter an. Dort versicherte man mir, dass der Auftrag nicht zustande gekommen sei, da das Paket mit der Mobilfunkkarte und den Vertragsunterlagen ja nicht übergeben werden konnte. Es läge ein ähnlicher Fall vor wie bei einer Paketannahmeverweigerung. Ich könne im Internet noch einmal neu bestellen, diesmal mit der Personalausweisadresse, und alles würde seinen Gang gehen.
Ich bestellte daraufhin nochmals im Internet, füllte den Auftrag nun jedoch, im Gegensatz zur Vorgehensweise meines Bekannten, von vornherein im Geschäftskundenbereich aus. Es mussten Formulare ausgedruckt und unterschrieben werden, auch eine Kopie des Personalausweises solle gefaxt werden.
Am anderen Morgen, es war ein Samstag, bekam ich eine Mail von der Bonitätsprüfung des Mobilfunkanbieters, in der ohne Angabe von Gründen stand, dass der neuerliche Auftrag abgelehnt wurde. Es war eine Hotline angegeben, an die man sich wenden könne. Als ich dort anrief, wegen des Wochenendes landete ich in einem Dritt-Call-Center, nannte mir der Call-Center-Agent den Ablehnungsgrund: Das Paket aus dem ursprünglichen Auftrag sei vom Paketzusteller noch nicht zum Mobilfunkanbieter zurückgeschickt worden, was Vorschrift sei. Der erste Auftrag gelte als aktiviert. Dies wunderte mich, da man mir im Gegensatz dazu ja zunächst mitteilte, dass der erste Auftrag gar nicht zustande gekommen sei. Doch, sagte man mir nun, die Karte werde aktiv geschaltet, da sie beim Paketempfang sofort einsatzbereit sein soll. Im Moment könne man nichts machen, es sei Wochenende. Am Montag solle ich mich zu den Bürozeiten noch einmal melden.
Ich rief dann am selben Tag noch einmal den Geschäftskundenservice an. Dort bot man mir an, dass man den Paketzusteller unmittelbar darüber informieren will, dass das Paket so schnell wie möglich zurückgeschickt werden soll. Bis das Paket nicht wieder da ist, könne der zweite Auftrag nicht geschaltet werden. Ein Mobilfunkkunde könne in einem Vierteljahr nur einen Auftrag abschließen. Da der erste Auftrag aber technisch aktiv sei, auch wenn er vertragstechnisch nicht zustande gekommen sei, könne der zweite Auftrag logischerweise nicht geschaltet werden, da beide Aufträge zeitlich zu nahe beieinander lägen.
Es blieb mir also nichts anderes übrig als zu warten.

JM

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Tod eines Schriftstellers

Ein relativ unbekannter, aber dennoch ehrgeiziger Schriftsteller, war so von sich überzeugt, dass er, trotz der vielen Absagen der Lektorate der Verlage, an die er seine Manuskripte schickte, dieselben trotzig mithilfe einer Regalleiter auf das oberste Regal seines Bücherregals stellte, das inzwischen mehr oder weniger gefüllt war. Das zweite Regal von oben, das auch nur mithilfe der Leiter erreichbar war, war dagegen so gut wie leer.
Eines Tages las er eine Artikelsammlung von Literaturkritiken über weniger bekannte Schriftsteller, in der unter anderem auch er – fast schon als Exempel, wie man es nicht machen sollte – kritisiert wurde. Es ging um einen seiner wenigen Texte, die den Weg in die Veröffentlichung fanden. Beim Lesen des Artikels überkam ihn ein unbehagliches Gefühl, er wehrte sich innerlich gegen die Kritik, erahnte jedoch ganz allmählich, dass er ihr letztlich nichts entgegensetzen konnte. Er schaffte es nicht, den Artikel zuende zu lesen.
Zornig und trotzig nahm er das Buch und wollte es schnell ins Regal in die hinterste Ecke stellen. Vernichten wollte er es nach der vernichtenden Kritik nicht, da er sich an den Statussymbolcharakter von Büchern gewöhnt hatte. Er war immer von Stolz erfüllt, wenn er, falls er denn einmal Gäste hatte, diese in sein, von Bücherregalen nur so strotzendes Wohnzimmer führen konnte. Manche seiner Gäste mögen sich die Frage gestellt haben, ob man sich Belesenheit wie ein Möbelstück kaufen könne und ob die Bücher vielleicht doch nur Buchattrappen wie in Möbelgeschäften waren. Die obersten Regale waren ja zudem so hoch, dass selbst Gäste mit geübtem Auge die dort thronenden Bücher, nämlich diejenigen des belesenen und schreibenden Gastgebers, nicht von Attrappen unterscheiden konnten.
Schließlich wusste er nicht, wohin mit dem Buch, die unteren Buchetagen waren zu voll, da er in der Regel zu faul dazu war, wenn es denn nicht seine eigenen Ergüsse waren, Bücher umständlich mit der Leiter nach oben zu stellen. Bei dem Kritikerbuch blieb ihm jedoch keine andere Wahl. Er visierte das zweite Regal von oben an, nahm das Buch und legte es in der linken Ecke des Regals hin, so dass es von unten nicht zu sehen war. Er wagte es nicht, das Buch aufrecht hinzustellen, wie dies bei Büchern in wohnzimmergerechten Bücherregalen gewöhnlich der Fall ist. Dann ging er die Leiter wieder herunter und stellte sich vor das Regal. Er übersah jedoch, dass er an denselben Platz, an dem er das Buch hinlegte, vor Jahren schon einmal ein anderes Buch legte, vermutlich auch dasjenige eines Literaturkritikers. Plötzlich überkam ihn der Gedanke, als er wie festgefahren vor dem Regal stand, dass sich seit vielen Jahren bei seinem eigenen Schreiben ja so gut wie gar nichts geändert hat. Es ist derselbe Stil geblieben, die Autorenhimmelsleiter wurde zwar immer angestrebt, jedoch nie erreicht. Er musste mit seinen eigenen Leitergängen vorlieb nehmen, die natürlich durch die Zimmerdecke begrenzt waren; jeder nach seinen Möglichkeiten.
Das neue Kritikerbuch, es war recht voluminös, lag nun halb auf dem älteren und kleineren Buch. Langsam begann es zu rutschen. Er stand noch vor dem Regal, zufällig blieb sein Blick auf dem Buchrücken von “Lotte in Weimar” hängen, einem großen Roman eines großen Schriftstellers über einen anderen großen Schriftsteller. In seinem tiefsten Unbewussten dachte er sich: Da komm’ ich nie hin. Wie soll mein Schreiben nur weitergehen? Ich halte meinem Stil, der ja auch irgendwo einzigartig sein muss, trotz solcher Kritikerstimmen die absolute Treue. Zum Teufel mit den Kritikern, ich werde die Himmelsleiter schon bald erklimmen. Just in diesem Moment fiel das Buch aus drei Metern Höhe direkt auf seinen Kopf. Er war sofort tot.

JM

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Besitz

Die Rechtmäßigkeit des Besitzes von Land, als Eigentum in Form von Grund und Boden, das über viele Generationen hinweg innerhalb einer Familie, man denke etwa an eine Adligen- oder Bauernfamilie, immer wieder als Erbe an die Nachkommen weitergegeben wurde und noch wird, steht gemeinhin außer Frage.
Aber wie sah die Ursituation der Inbesitznahme von Land aus und was rechtfertigte sie? Handelte es sich nicht ursprünglich um Land, das als Teil der Natur allen Menschen gemeinsam zur freien Verfügung stand? Wenn die Menschen ursprünglich Jäger, Sammler oder Nomaden waren, so zogen sie von Landstrich zu Landstrich, je nachdem, was ihnen die Natur wo und wann zur Verfügung stellte.
Irgendwann kam jemand auf die Idee, nicht mehr umher zu ziehen, sondern sesshaft zu werden. Er baute einen Pflanzentyp auf einem Acker an, umgab den Acker mit einem Zaun und erntete die Früchte zu einer bestimmten Zeit des Jahres. Einen Teil der Ernte verbrauchte er selbst, einen anderen tauschte er mit anderen, zum Beispiel einem Bauern, der eine andere Frucht anbaute. Irgendwann wurde das Geld als universelles Tauschmittel eingeführt.
Aber was berechtigte den Urbauern zu einem Akt, der ein Stück der Natur in sein Eigentum transformierte? Was erhebt das sesshafte Bauernleben über ein Nomadenleben? Gab es überhaupt einen Dialog zwischen denen, die sesshaft werden wollten und denen, die wie gewohnt in der Natur umherziehen wollten?
Liegt auf der anderen Seite aber nicht auch ein Akt der Gewalt seitens eines Jägers vor, der auf einem bestimmten Gebiet jagt, auf dem der Bauer gern etwas anbauen würde? Wer ist hier gewalttätiger, derjenige, der einen Zaun errichtet, oder derjenige, der keine Zäune haben will?
Auf der einen Seite könnte man argumentieren, dass der Mensch Teile der Natur für seine Zwecke kultiviert und die Möglichkeit der Kultivierung von Natur auch irgendwo zum Wesen des Menschen gehört, der Mensch also letztlich ein Kulturwesen ist. Und eine Kultivierung der Natur geht nun einmal notgedrungen mit einer Abschottung bestimmter Gebiete von bestimmten natürlichen Einflüssen einher, die diese Kultivierung behindern. Man denke etwa an die Vernichtung von Unkraut, das zum Beispiel von der natürlich belassenen direkten Umgebung das Ackers, etwas eines Waldes, durch Sporenflug auf den Acker gelangt.
Aber liegt nicht dennoch ein Akt der Gewalt vor, wenn der Urbauer dem Jäger, Sammler oder Nomaden natürlichen Raum entzieht und ihn nur für sich beansprucht? Der Unterschied liegt wohl darin, dass auf dem Kulturgebiet Acker nur noch Ackerbau möglich ist, nicht aber mehr Jagen, Sammeln oder das Nomadendasein. Noch dazu, wenn der Acker von einem Zaun umgeben ist, der ja nicht nur eine faktische, sondern auch symbolische Barriere darstellt. Während dagegen ein Jäger durch sein Tun das Sammeln eines Sammlers nicht unmöglich macht, und umgekehrt.
Es stehen sich offenbar zwei Lebensphilosophien gegenüber, die eine steht unter dem Primat der Kultivierung der Natur, die andere steht für eine Harmonie mit der Natur, wobei Natur gar nicht großräumig verändert werden soll, überhaupt keine großräumige Transformation von Natur in Kultur stattfinden soll. So konnte ein Jäger, Sammler oder Nomade ja herausfinden, dass es sinnvoll ist, der Natur nur zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Gebieten etwas zu entnehmen, wenn er in der Natur ein auskömmliches Leben über das ganze Jahr über haben wollte. Wenn ein Jäger alles Wild in einem Gebiet jagte, wurde ihm recht schnell klar, dass es im Folgejahr dort kein Wild mehr gab.
Kommt die Infragestellung von Besitz nicht dennoch letztlich einer Infragestellung von Kultur gleich? Aber wird die Infragestellung von Besitz nicht zugleich auch einem Leben in und mit Natur gerecht? Muss der Mensch, selbst wenn er eine anthropozentrische Sichtweise einnimmt, nicht die Interessen anderer Menschen berücksichtigen, die in und mit Natur leben wollen? Und ist das Leben eines Jägers, Sammlers oder Nomaden nicht aus den oben geschilderten Gründen ein harmonischeres Leben in und mit Natur als das des Bauern, der einen Zaun errichtet und sich von der den Acker umgebenden Natur und jenen Menschen, die stärker in und mit Natur leben wollen als er selbst, abschottet?
Während der Waldbewohner lernt, mit den Tieren des Waldes zu leben, empfindet der Bauer sie nur als Bedrohung, er wählt sich die Tiere, die er auf seinem Hof als Haus- und Hoftiere halten und über die er Macht ausüben kann. Seine Lebensweise ist eher ein Über-der-Natur-stehen als ein In-der-Natur-sein, obwohl man gewöhnlich – paradoxerweise – gerade dem Bauern ein naturnahes Leben unterstellt.
Wie sieht die Situation heute in der modernen Welt aus? Besitz ist auf der Welt einerseits sehr differenziert, andererseits aber auch sehr monopolisiert verteilt. Um die Metapher des Ackers wieder fruchtbar zu machen: Braucht nicht auch ein Acker ein natürliches Umfeld zu seinem Gedeihen? Kann man der Natur beliebig Ressourcen entziehen, um eine unendliche Zahl von Äckern zu bewirtschaften? Der Wasserkreislauf, der letztlich für die Bewässerung des Ackers sorgt, hängt auch von den Verhältnissen in den Waldgebieten, den Nicht-Ackergebieten, ab. Ist es nicht falsch, zu meinen, dass man irgend etwas beliebig anbauen kann, wenn man es nur richtig macht? Kann es überhaupt eine oberste Kontrolle des Menschen über die Natur geben?
Vielleicht sind der Ackerbau und die Viehzucht eine Erfindung derjenigen Spezies von Mensch, die als Wilde beziehungsweise Jäger im Wald nicht zurecht kamen, denen Instinkt und Körperkraft fehlten. Daraus aber nun zu folgern, dass der Mensch in erster Linie ein Vernunftwesen und nur in zweiter Linie ein Naturwesen sei, halte ich für fragwürdig.
Der Mensch hat die Technik entwickelt, offenbar auch aus an einem Mangel an Organen, die im Tierreich bei unterschiedlichsten Arten zur Bewältigung der verschiedensten Funktionen vorhanden sind. Dennoch verfügt der Mensch von seiner Körperlichkeit her über Fähigkeiten, die ihn auch in Natur überleben lassen. Vielleicht muss der Mensch heute daran erinnert werden, dass er viel stärker in und mit Natur leben kann, als er denkt. Es kann ja nicht sein, dass die menschliche Kultur eine Einbahnstraße in Richtung immer größerer Kulturalisierung und Naturverfremdung ist.
Man kann einem Menschen zudem nicht vorschreiben, dass er als Kulturwesen gefälligst in erster Linie in einer Stadt leben muss, statt sich von den Früchten des Waldes zu ernähren. Der letztere Menschentyp ist zwar eine Ausnahme, man findet ihn heutzutage bei Überlebenskünstlern, sogenannten Survivalspezialisten oder auch Eremiten und Aussteigern, die sich selbst beweisen wollen, dass sie es zum Beispiel monatelang in einem Wald oder im Gebirge aushalten können.
Der Fortschritt ist wohl nicht in dem Sinne Fortschritt, dass er eine stärkere Harmonisierung des Menschen mit der Natur impliziert. Ganz im Gegenteil, der Fortschritt ist insofern ein Rückschritt, da er den Menschen von der Natur entfremdet.
Ist nicht eine Welt mit weniger Menschen denkbar, die in Harmonie mit der Natur leben? Warum zählen die Interessen von Millionen von Autofahrern mehr als die von Hunderttausenden von Radfahrern oder von Tausenden von Fußgängern oder Wanderern? Warum muss es Menschen ermöglicht werden, Urlaub auf der anderen Seite des Globus zu machen? Sollten sie sich stattdessen nicht besser um den Wald vor der Haustür kümmern?
Hätte der Urbauer nicht zumindest auf die Idee kommen können, dass er den anderen ein Stück Land wegnimmt, das für sie dann für die gewohnte Verwendung (Jagen, Sammeln, Nomadendasein, …) nicht mehr zur Verfügung steht? Es gab zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht den Begriff des Eigentums, aber er wurde praktisch mit dem Akt des Urbauern (Einzäunen von Land, …) geschaffen. Eigentum wäre dann prozessual definiert als Abgrenzung eines Naturraumes zu einem speziellen Zweck, eine Transformation von Natur- in Kulturraum.
Vielleicht hat der Urbauer auch nur aus einer Not heraus gehandelt, weil für ihn das traditionelle Leben als Jäger, Sammler oder Nomade sehr schwierig oder vielleicht sogar unmöglich war. Dennoch könnte er ja auf die Idee kommen, dass sein eigenes originelles Tun etwas besonderes, etwas anderes, vielleicht sogar etwas unverschämtes ist.
Die Einsicht der Jäger, Sammler und Nomaden ist die der Abhängigkeit von und des Lebens in und mit Natur, wobei sie wissen, dass ihre Kontrolle über die Natur begrenzt ist. Die Einsicht des Urbauern ist die der Möglichkeit einer stärkeren Kontrolle über Vorgänge in der Natur. Er sah, dass bestimmte Pflanzen im Wald gut wachsen und nahrhafte Früchte tragen. Warum diese nicht nur anbauen, die Bäume des Waldes fällen und den unkrautbehafteten Boden von Unkraut befreien und einebnen? Ihm konnte schon bewusst sein, dass er etwas tut, was in dieser Form noch nicht geschah. Zumindest konnte ihm klar gewesen sein, dass andere Menschen andere Früchte mögen, oder eine Vielfalt von Früchten, die nur der Wald generieren kann. Nun kommt er mit seinem Interesse nach einer bestimmten Frucht und zäunt ein Gebiet ein, das dann für andere Menschen, denen nach einer Vielfalt von Früchten ist, nicht mehr zur Verfügung steht. Das ist offenbar Eigentum, zu behaupten: “Das ist meins!” – Etwas, das wertvoller als Natur selbst sein soll, nämlich etwas, was ich für mich und meine Sippe geschaffen habe. Die Höherstellung der eigenen Interessen über die der Anderen, über eine Vielzahl anderer Interessen, wie sie in der Natur im weitesten Sinne repräsentiert sind, wenn man den Begriff des Interesses einmal sehr weit fasst. Man könnte auch sagen: Der Ursprung des Eigentums ist der Egoismus, und zwar eine besondere Form des Egoismus. Zwar findet sich Egoismus auch im Reich der Natur, aber in der Natur gibt es kein bewusstes Zerstören von Lebensräumen für andere, es gibt allenfalls beispielsweise die Jagd innerhalb eines Lebensraumes, der Lebensraum für viele unterschiedliche Arten ist.
Man könnte auch sagen, mit dem Verhalten des Urbauern wird ein Naturraum so verändert, dass von einer Spezies nur ein Individuum und seine Nachkommen überleben können. Und zwar deshalb, weil sich auf dem betreffenden Territorium gar keine anderen Individuen derselben Art oder anderer Arten mehr aufhalten können und dürfen, und weil sie dort auch gar nicht mehr die Nahrung finden würden, die sie zum Überleben bräuchten. Es handelt sich also nicht nur um eine Schaffung von Kultur-, sondern auch um eine Zerstörung von Naturraum.
Der Prozess hätte verhindert werden können, wenn es nicht Menschen gegeben hätte, die dem Urbauern geglaubt haben, als er sagte: “Das ist meins!” – Wurde hier Unverschämtheit mit Intelligenz verwechselt? Oder ging es um Macht, und Macht beeindruckt? Er fand offenbar tatsächlich ein paar Idioten, die ihm diese Unverschämtheit abnahmen. Unter den Folgen dieser Unverschämtheit und Idiotie leben und leiden wir noch heute.
Es wären Fälle in der Geschichte interessant, in denen Ackerland oder Viehweiden vernichtet wurden, um aus ihnen wieder Wälder zu machen. Solche Beispiele sind mir nicht bekannt. Die Mächtigen hatten in der Regel ein Interesse daran, Acker- und Weideland zu erhalten und zu besitzen. In vielen Fällen nahmen es Adlige den Bauern weg oder unterjochten die Bauern, die dann lediglich nur noch Besteller des Feldes waren, wobei der Ertrag dem Fürsten zufloss, zumindest in Form von Steuern.
Worin liegt der genaue Unterschied zwischen der Kultur des Urbauern und der Kulturen der Jäger, Sammler und Nomaden? Verfügten letztere nicht auch schon über Besitz? Der qualitative Unterschied ist wohl, dass die Einrichtung von Acker- und Weideland Naturräume stärker manipuliert. Der Besitz von Kleidung, Waffen und Schmuck muss nicht notgedrungen mit einer Manipulation großen Naturraums einhergehen.
Wenn man den Kulturbegriff sehr weit fasst, wäre Kultur im weitesten Sinne so etwas wie die bewusste Veränderung von Natur.

JM

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Rationalität und Emotionalität

Es gibt Situationen, in denen wir nicht wissen, ob wir rational oder emotional reagieren sollen. Interessant ist nun, dass wir das wissen, und das fällt ja wieder in den Bereich des Rationalen.
Gilt also doch ein Primat des Rationalen?
Ich glaube nicht denen, die behaupten, dass man sein Gefühl letztlich entscheiden lassen solle. Manchmal ist es sicherlich richtig, sich von seinem Gefühl leiten zu lassen, manchmal überschätzt man sein Gefühl aber auch.
Gibt es nicht Menschen, die, wenn sie in Argumentationen nicht weiter kommen, ihr erhabenes und wertvolles Gefühl entscheiden lassen und sich mangels Argumente oder der Fähigkeit rational zu argumentieren, die Diskussion abbrechen und behaupten, dass etwas nicht stimmen kann, da “mein Gefühl” da stark widerspreche?
Die Folge dieses ganzen Szenarios ist, dass ich rationaler Typ emotional sehr betroffen bin, da mir die Argumentation leid tut. Die Argumentation kommt mir dann wie eine Person vor, die nicht beachtet wird. Ein Gedankengebäude kommt mir jedenfalls ziemlich persönlich vor.
Mangels genaueren Wissens würde ich aus pragmatischer Sicht mit Aristoteles argumentieren und die Mitte zwischen Rationalität und Emotionalität anstreben.
Ich misstraue den beiden Extremen gleichermaßen, ich misstraue denen, die das Rationale so betonen, ich misstraue aber auch denen, die auf das Emotionale eingeschworen sind. Interessanterweise ist mein Misstrauen selbst etwas, das genau zwischen dem Rationalen und Emotionalen liegt. Obwohl man vermuten würde, dass Misstrauen in erster Linie etwas Emotionales ist. Aber das stimmt nicht, es gründet sich auch wesentlich auf das Rationale, schon konsistent Gedachte.
Während Männer oft zu rational reagieren, reagieren Frauen oft zu emotional. Deshalb mag ich weder extrem männliche noch extrem weibliche Typen. Sie kommen mir wie Kinder vor, die von einer harmonischen Mitte noch ganz weit entfernt sind und etwas aburteilen, das sie nicht mögen, oder nur etwas wollen, was sie eben wollen, weil sie’s wollen.

JM

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Die Zeit sieht sich nicht selbst

Die Zeit sieht sich nicht selbst.
Wenige stellen sich jenseits der Zeit, jenseits der Welt, in der sie leben, leben müssen.
Man nennt sie auch Philosophen.
Es ist die Zeit der großen Hypnose. Wie hypnotisiert sind die Menschen, in Massen. Jemand sagte ihnen, was richtig sei.
Und sie suchten und wurden fündig.
Auch sie gehörten nun zu denen, die wissen, was richtig ist. Dabei sind sie in Wahrheit hypnotisiert und autistisch. Ihre Sinne sind vergewaltigt und überreizt. Sie schauen nur noch geradeaus, sie selbst sind transparent, wie die allgegenwärtigen Glasscheiben, durchschaubar, steuerbar.
Das Jahr ist wohlgeordnet. Im Vier-Viertel-Takt.
Sie fühlen sich frei und sind doch gefangen. In Giften, die frei machen sollen.
Ihre leeren Blicke zeigen, dass ihre Seelen nur noch Spiegel sind.
Jemand sagte ihnen, dass sich diese Leere mit dem Richtigen füllen lässt. Und sie glaubten es. Und sie füllten und füllten. Und sie blieben doch leer. Und sie fühlten nicht und fühlten nicht. Und blieben leer. Und sie liefen und liefen. Hypnotisiert. Autistisch. Verführt. Übersättigt.
Und sie gaben sich ein Äußeres, das scheinbar ein reiches Inneres zeigt, und betrogen sich dabei selbst, da sie sich ihre eigene innere Leere nicht eingestanden.
Ich gehöre auch dazu.
Ich consumiere, also bin ich.
Allen ist es recht, jeder gehört zu den Gewinnern. Und wenn einmal Zweifel aufkommen, gibt es einen Lobbyisten, der einen zu den Gewinnern zählt, und der das Blau wieder in den Himmel zurückholt.
Ich denke, also bin ich nicht.
Da ich nicht consumiere, wenn ich denke.
Das Innere ihrer Seelen ist wie das Innere ihrer Städte: Consum.
Und sie machen sich ihren Consum zu ihrem Gott. Und feiern ihn.
Und die Welt ist wieder wohlgeordnet.

Anno Domini MMXI

JM

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Fragen und Antworten

In einer Zeit, in der Antworten vorgegeben werden, verkümmert das Fragen zu einem bloßen Erwarten einer Antwort.
Der Fragende versucht nicht selbst, sich über eigenes Denken einer Antwort zu nähern, er offenbart sich als Hilfloser in einer Welt vorgegebener Fragen und Antworten.
Und übersieht dabei selbst die wichtigen Fragen. Fragen, die er nur selbst beantworten kann.
Er läuft vor sich selbst davon.

JM

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Paradoxien des Endlichen

Am Ende meines Lebens frage ich mich, was ich eigentlich war, und noch bin.
Ein bloßer Schatten meines Gehirns? Sein Begleiter, der scheinbar aus dem Nichts entstand?
Wenn ich wesentlich immateriell bin, welche Ursache könnte es für meine immaterielle Existenz geben, außer wieder eine immaterielle Ursache? Ansonsten müsste es einen Übergang vom Materiellen zum Immateriellen geben, aber den kann ich nicht denken.
Ich werde damit vertröstet, dass materielle Komplexität, eben mein physisches Gehirn, die Ursache meines Ichs sein soll. Doch diese Vertröstung hilft mir nicht weiter.
Ich trauere wirklich. Über mich selbst.
Meine Trauer kommt mir absurd vor, auch wenn sie mir real erscheint. Und sie kommt mir endlich vor, wegen ihrer Gebundenheit an eine materielle Struktur. Ist sie vielleicht nur die Trauer über das Ende dieser Struktur? Oder ist es in Wahrheit die Trauer der Struktur über das Ende ihrer selbst? Aber wie können Gehirne traurig sein?
Oder ist meine Trauer nur die Gewissheit der Vergangenheit eines mehr oder weniger reichhaltigen Lebens, eines Lebens, in dem viel passierte, vielleicht noch mehr hätte passieren können, das aber nun zuende geht, mitsamt seinen Wünschen, Sehnsüchten und Hoffnungen?
Ratlos bleibe ich, da ich diese Trauer nirgends dingfest machen kann, selbst wenn ich wüsste, welche Teile meines Gehirns nun an ihr beteiligt wären oder sie gar verursachten. Und dies stimmt mich noch trauriger. Es ist also nicht nur die Trauer über das Ende des Lebens, sondern auch die Trauer über das Ende der Trauer. Wo man doch in der Regel will, dass die Trauer endlich bleibt.
Es ist, als ob das Gehirn wüsste, dass es mit ihm zu Ende geht, und dies macht die Trauer irgendwo noch realer, als wenn sie lediglich etwas rein Immaterielles wäre. Und ich bin noch ratloser.
Auch dass ich wesentlich Gehirn sein soll, und unwesentlicher andere Teile meines Körpers, will mir nicht einleuchten, da ich mich doch immer mit meinem ganzen Körper identifiziert habe.
Zum ersten Mal empfinde ich so etwas wie Mitleid mit meinem eigenen Körper. Ein Körper, der mir ein Leben lang treu war. So schlug das Herz immer, mit einer Selbstverständlichkeit, sodass ich mir denke, dass keine vom Menschen geschaffene künstliche Struktur an diese natürliche biologische Gegebenheit heranreicht. Auch meine anderen Organe taten stets ihren Dienst, mit ein paar Ausnahmen, die Zeiten der Krankheit. Einerseits fühlte ich mich gemäß meines schlechten körperlichen Zustandes auch schlecht, andererseits kann ich mich an Fieberträume erinnern, die mein Bewusstsein erweiterten. Aber vielleicht tat hier das Gehirn kompensatorisch anderen Teilen des Körpers Beihilfe und hinter der Bewusstseinserweiterung steckte nur eine körperliche Selbstregulation. Oder auch eine Beruhigung des kostbaren Kindes Ich, das ein schönes Märchen erzählt bekommt. Aber wer oder was steckt dann hinter dem Märchenerzähler?
Gerade am Ende meines Lebens komme ich mir wie der stumme Begleiter meines eigenen Körpers vor, wie sein Schatten. Und auf einmal bekomme ich Angst. Wenn er nicht mehr funktioniert, wenn er verfällt, wenn er nicht mehr da ist, bin auch ich nicht mehr.
Und ich bezweifle, dass die Religionen recht haben. Religion kommt mir wie ein Bekenntnis zur Ignoranz des Körperlichen vor. Wenn ich nun religiös wäre, würde ich meinem Körper unrecht tun. Dann gehe ich lieber mit ihm unter, statt ihn zu verleugnen. Und dies nenne ich Treue zu mir selbst.
Immerhin werde ich in einer endlichen Zeit etwas Wunderbares gewesen sein.
Und reicht dies nicht?

JM

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Transparenz

Transparenz ist das Zauberwort.
Die Produzenten einer Nachricht schaffen Transparenz: eine transparente Nachricht.
In dieser Nachricht wird über eine Person und ihr vergangenes Tun berichtet.
Die Produzenten der Nachricht, und ihre Konsumenten, fordern nun auch eine transparente Person, im Sinne der Transparenz der Nachricht und weiterer transparenter Nachrichten.
Die Person sieht sich plötzlich in der Situation eines Transparenzdruckes, sie registriert das öffentliche Interesse, wobei sich die Öffentlichkeit im wesentlichen aus den Produzenten und Konsumenten möglichst transparenter Nachrichten zusammensetzt. Sie soll und muss ihr Personsein nun aufgeben, insofern das Nichttransparente, ihr Innerliches und Privates wesentlich zu ihrem Personsein gehört. Wenn es nicht dazu gehören würde, könnte man eigentlich gleich den Begriff der Person aufgeben, da dann eine Person eine Gesamtheit von öffentlich zugänglichen Eigenschaften wäre.
Jemand, der Transparenz schafft, sorgt in gewisser Weise für das Unpersönliche, sowohl die Produzenten und Konsumenten von Nachrichten, als auch die Personen selbst, um die es geht, die mit der Transparenz einen Teil ihres Innerlichen und Privaten zugunsten eines Öffentlichen aufgeben.
Wenn die Grenze zwischen Nachrichten und Werbung verschwimmt – Transparenz wird bei beidem hoch gehalten, Transparenz wird ausdrücklich bei beidem gewünscht – wird der Medienkonsument zum Produktkonsument, ein transparentes Wesen, das transparente Nachrichten und Produkte transparent konsumiert.
Wer etwas verschweigt, ist nicht mehr transparent, dass Verschweigen auch wesentlich zum Personsein gehört, wird nicht mehr registriert.
Die Arbeitswelt wird zu einem gläsernen Großraumbüro, der Markt wird zu einem transparenten Labyrinth, mit gläsernen Schaufensterscheiben, ein Markt, in dem sich die gläsernen Konsumenten wie in einem Zauberlabyrinth der Zauberprodukte bewegen sollen, keinesfalls wie in einem dunklen Irrgarten, der er aber letztlich ist.
Wer absolute Transparenz fordert, fordert letztlich in gewisser Weise die Abschaffung der Person, die wesentlich Privates und Innerliches ist. Wer absolute Transparenz bietet, schafft sich in gewisser Weise selbst als Person ab.
Politiker sollen nun besonders transparente Personen sein. Gleichzeitig wird besonders viel Persönlichkeit von ihnen verlangt. Die eiermilchlegende Wollmilchsau auf einer Gratwanderung, transparent und doch persönlich.
Die Macht der Medien entsteht aus dem Nichts. Plötzlich ist eine Nachricht da. Von wem sie erschaffen wurde, unter welchen Umständen, unter welchen Zurückhaltungs- und Veröffentlichungstaktiken, steht nicht zur Debatte. Im Fokus des öffentlichen Interesses steht der Inhalt der Nachricht, nicht ihre Urheber, nicht ihr Tun und Unterlassen.
Journalisten werden zu unsichtbaren Mächtigen. Politiker zu verschwindenden Personen, nicht nur ihre Person, ihr Persönliches, schwindet, sie verschwinden auch tatsächlich, sie treten zurück. In Konsequenz können Politiker, die an der Macht bleiben wollen, öffentlich nur noch so tun, als ob sie über viel Persönliches verfügten. Mit der Macht der Medien wächst die Ohnmacht wirklich persönlicher Politiker. Nicht umsonst hört man immer öfter den Ruf: Früher, das waren noch Politiker, die hatten noch Persönlichkeit. Die Medien selbst beteiligen sich an solchen Rufen, dabei sollten sie erkennen, dass gerade sie in ihrer Transparenzgeilheit die Hauptursache für das rare Vorhandensein von Politikern mit Persönlichkeit sind.
Am besten sollte man als Politiker in Deutschland kein Haus besitzen. Am besten sollte man generell nie etwas gekauft haben. Am besten sollte man gar keine Freunde haben. Man sollte nie irgendwelche Geschäftsleute, nie irgendwelche Unternehmer kennen, nie in Aufsichtsräten gesessen haben.
Öffentliche Rechtfertigung wird einseitig praktiziert. Gerechtfertigt wird sich vor den Medien als oberster Rechtfertigungsinstanz, die zugleich mit der Öffentlichkeit gleichgesetzt werden. Welche Medien rechtfertigen sich vor der wirklichen Öffentlichkeit, welche rechtfertigen sich vor Politikern? Die Medien scheinen immer auf Seiten des Objektiven zu sein, als bloße Vermittler, bloße Präsentatoren von Geschehnissen, Ereignissen und Fakten. Irgendwie entstehen in den Medien Informationen, in einem Wechselspiel mit Werbung, ein Wechselspiel, das immer subtiler wird. Irgendwie entsteht im globalen Supermedium Internet eine Information, hier wird erst recht nicht mehr nach den Ursprüngen gefragt.
Die Drahtzieher der Informationen sind die wahren Mächtigen, die jeden Politiker stürzen können. Aber auch jeden Politiker an der Macht halten können. Aber auch jeden Politiker an die Macht bringen können.

JM

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Tugenden

Ist es nicht auffällig, dass der Begriff der Tugend in der heutigen Gesellschaft ausgestorben zu sein scheint? Allenfalls existiert er noch unter Gebildeten, Intellektuellen oder in den Feuilletons. Wer redet auf der Straße heute noch von „Tugenden“?
Dass in der heutigen Zeit vieles untugendhaft ist, scheint fast schon selbstverständlich. Das Übermaß, sprich der maßlose Konsum und alles Maßlose was darauf folgt und sich an dieser Maßlosigkeit orientiert, wird doch tagtäglich in der Werbung und den Medien gepredigt und propagiert, wenn nicht sogar für gut geheißen. Wobei ein subtiles Wechselspiel zwischen Nachrichten und Werbung besteht, bei dem der Medienkonsument mitunter schon gar nicht mehr richtig mitbekommt, was denn nun Nachricht und was Werbung ist.
Eine westlich orientierte kapitalistische Gesellschaft, die sich den Freiheitsbegriff auf ihre Fahnen geschrieben hat, inwiefern interessiert die sich heute noch für Tugenden?
Untugenden im finanziellen Bereich werden heute offenbar eher verziehen – der Staat, letztlich der Steuerzahler, kommt für die Investitionsrisiken und -spiele privater Großbanken und mitunter geldgierigen Managern auf. Untugenden im finanziellen Bereich gehören zur Normalität. Wer will nicht ein Schnäppchen machen, seinen Gewinn maximieren oder seine Schäfchen im Trockenen halten? Solche Laster gehören offenbar sakrosankt zum System.
Der Verweis auf Tugenden ist dann noch so etwas wie ein intellektueller Luxus, den sich eine kapitalistisch orientierte Gesellschaft trotz ihrer Lasterhaftigkeit noch leistet.

JM

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Quod erat demonstrandum

Es ist ein empirisches und theoretisches Faktum, dass Gottesbeweise schwierig, wenn nicht gar unmöglich sind. Offenbar hat Gott, so er dennoch existiert, das Universum, als Schöpfer des Universums, so eingerichtet, dass sie tatsächlich schwierig, wenn nicht gar unmöglich sind.
Angenommen, der Mensch ist das höchste vorstellbare intelligente Lebewesen im Universum und ursächlich von Gott geschaffen. Da Gott möglicherweise wollte, dass er möglichst unbeweisbar ist, hat er den Menschen demgemäß erschaffen. Der Mensch könnte diejenige Entität sein, die am weitesten von Gott entfernt ist, er wäre quasi die Negation Gottes, und zwar die bewusste und gewollte Negation Gottes, durch Gott selbst. Der Mensch wäre der wichtigste Teil der Verfremdung Gottes vor sich selbst.
Gott betrügt sich fortwährend selbst, im Sinne des Geheimnisses. Das Universum ist schön und geheimnisvoll, wobei das Schöne – das wirkliche, wahrhaftige und tiefgehende Schöne – untrennbar mit dem Geheimnisvollen zusammenhängt. Nicht umsonst heißt es: Wahre Schönheit kommt von innen. Und das Innere ist das Unzugängliche und Geheimnisvolle. Es ist kein schöneres und geheimnisvolleres Universum vorstellbar. Es ist eines, aus dem Gott ein Geheimnis macht und keines, über das Gott alles unmittelbar offen legt.
Da Gott seine eigene Existenz nur aushält, wenn er auch sich selbst ein Geheimnis ist, und das Universum das größte denkbare Geheimnis ist und Gott sich selbst gegenüber zugleich das größte Geheimnis sein will, ist Gott das Universum.
Da es keine creatio ex nihilo gibt, war Gott immer, ist das Universum ewig. Gott ist insofern der Schöpfer des Universums, da er sich fortwährend vor sich selbst verfremdet. Er ist der Schöpfer seines eigenen Geheimnisses. Sobald sich Gott der absoluten Erkenntnis nähert, die nicht möglich ist, weil Gott sich in dieser absoluten Erkenntnis selbst nicht aushalten könnte, muss er sich im Sinne des Geheimnisses wieder von ihr entfernen. Gott ist nicht erkennbar für den Menschen, da Gott schon sich selbst gegenüber nicht erkennbar sein will. Daraus folgt, dass die absolute Erkennbarkeit des Universums nicht möglich ist. Da der Mensch der wichtigste Teil der Verfremdung Gottes vor sich selbst ist und Gott das größte Geheimnis ist, ist der Mensch selbst ein Geheimnis. Da der Mensch sich selbst zum Gegenstand seiner Reflexion machen kann, ist er sich selbst ein Geheimnis. Die Philosophie und Metaphysik ist eine Aufhellung dieses Geheimnisses, wobei das Geheimnis selbst aber unangetastet bleibt. Die Physik und die Naturwissenschaften sind eine Aufhellung der Umstände des Universums, wobei das Geheimnis des Universums selbst aber unangetastet bleibt.
Durch das bloße materielle und physische Vorhandensein des Universums ist noch kein Geheimnis gegeben. Dieses bedarf eines Schöpfers, den Schöpfer des Geheimnisses. Ein Geheimnis, das gegenüber seinem eigenen Schöpfer noch ein Geheimnis ist, ist ein noch größeres Geheimnis. Ein ungeschaffenes Geheimnis ist kein Geheimnis, sondern Unwissen. Das größte Geheimnis ist dasjenige Geheimnis, das Geheimnis eines Schöpfers ist, der dieses Geheimnis geschaffen hat, und für den dieses Geheimnis selbst Geheimnis ist. Das absolute Geheimnis ist aber das Geheimnis, das sich selbst gegenüber Geheimnis ist. Also ist Gott ein Geheimnis. Also ist das Universum ein Geheimnis. Also existiert notwendig Gott, da das Universum existiert und da das Universum ein Geheimnis ist. Der Mensch stellt fest, dass das Universum existiert und dass es ein Geheimnis ist. Er kommt nicht hinter dieses Geheimnis, auch wenn er danach strebt und die Wissenschaft und die Philosophie ein Teil der Entkleidung des Geheimnisses sind. Es eröffnen sich nur neue Geheimnisse, die Teil des großen Geheimnisses sind. Gott trägt unendlich viele Kleider.
Aus der Existenz des Universums folgt die Existenz Gottes.
Das Einzige, was an Gott absolut erkennbar ist, ist seine Existenz.
Aus Gottes gewollter Unbeweisbarkeit seiner eigenen Existenz folgt seine Existenz.

Quod erat demonstrandum

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Est empirica et speculativa facto, testimonium quod Deus difficile, si non impossibile, sunt. Videtur, Deus, adhuc est, universi, ut creator universi, accomodata, quod actu difficile, si non impossibile, sunt.
Assumpsit, homo est summum intelligibile in rerum cognoscentium in universi et causalis a Dei. Quia Deus voluit esse, quod est possibile indemonstrabilis, creavit hominem secundum. Homo posset unum entitatem, quod est aversam a Dei, erat virtualiter negatio Dei, et quod negatio Dei conscientia et deliberato, per Deus ipse. Homo deficit ab illo esse se maxima parte deo.
Deus fallit se constans, in sensu mysterium. Universi est pulchra et arcanum, in quod pulchritudinem – verus, vera et profunda forma – obstrictius ad mysterium. Non enim nihil est: Verum forma ex intra. Et interior est inaccessibilem et arcanum. Est non pulchrius et arcanum universi imaginabile. Est unum, facit Deus est mysterium et nemo, de Deus ponit omnia directe aperire.
Cum Deus suum esse solum resistere, si ipse mysterium, et universi est maxima excogitari secretum et Deus contra maximum mysterium est, deus universi.
Cum sunt nemo creatio ex nihilo, Deus semper. Deus creator omnium hucusque, ut continue alienati a se. Creatorem suum esse mysterium. Semel absoluta scientia Dei est accedere, est non possibile, quod Deus sit scinetia se sustinere non posset, arcana de illa in sensu est etiam remota. Deus hominibus non videtur, quia Deus in se non vult videri. Sequitur, visibilis mundi absoluta non potest. Cum homo sit pars maxima est alienato a Deo et Deus est maximum mysterium, homo ipse mysterium est. Quoniam cogitatio hominis, cui se, est se a mysterium. In philosophie et metaphysica est institutioni de hoc mysterium, quod autem mysterium intacto. Fulgur de rebus physicis et naturalibus sunt universi, ubi manet intactum sed universa mysterium.
Ex praesentia corporis et mundi materialis adhuc latet. Requirit a Creator, Creator mysterium. Etiam secretum suum Creatorem mysterio abscondita est etiam maiora. Increatum mysterium est non mystermium, sed ignorantia. Maxima mysterium est mysterium, mysterium creator est, qui creavit hoc mysterium et hoc mysterium est mysterium. Absoluta mysterium est mysterium, quae se est mysterium. Ita Deus est mysterium. Sic mundus mysterium. Ita deus necessario, cum universi est et quia mundus mysterium. Mundus est et homo est mysterium denotat. Non post sacramenti, etiam si quaerit et scientia et philosophia parte mysterium vestes deponeret. Tantum aperit nova secreta, pars Magnum Mysterium. Deus fert infinitae vestimenta.
Secundum quod Deus omnia existentia.
In tantum, quod est absolute apparet ad Dei, eius esse est.
Ex indemonstrabilis suum esse voluit Deus, esse sequitur.

Quod erat demonstrandum

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It’s an empirical and theoretical fact that proofs of God are difficult, if not impossible. Apparently, if he still exists he created the universe so that they are actually difficult, if not impossible.
Given man is the highest imaginable intelligent creature in the universe and is created originally by God. Possibly God wanted to be unprovable and he created man accordingly. Man could be the one entity which is as far away from God as possible, he could almost be the negation of God, namely the conscious and deliberate negation of God, by God himself. Man would be the most important part of God’s alienation from himself.
God is continually deceiving himself, in the sense of the mystery. The universe is beautiful and mysterious, where beauty – the really, true and profound beauty – is inextricably linked with the mystery. Not for nothing is it: True beauty comes from within. And the interior is the inaccessible and mysterious. There is no finer and more mysterious universe imaginable. It is one that makes God a mystery and it is not one over which God reveals everything immediately.
Since God’s own existence only withstand even if he himself is a mystery and the universe is the greatest conceivable mystery and at the same time God wants to be the greatest mystery to himself, God is the universe.
Because there is no creatio ex nihilo, god was ever, the universe is eternal. God is the creator of the universe so far as he continually alienated from himself. He is the creator of his own mystery. As soon as God approaches the absolute knowledge, which isn’t possible, because God could not withstand himself in this absolute knowledge, he has to remove from it in the sense of the mystery. God is not visible for man, since God would not even be recognizable to himself. It follows, that the absolute detectability of the universe isn’t possible. Because man is the most important part of God’s alienation of himself and God is the greatest mystery, man itself is a mystery. Since man can make himself the object of his reflection, he is a mystery to himself. Philosophy and metaphysics is a brightening of this mystery, where the mystery itself is left untouched. Physics and Science is a brightening of the circumstances of the universe, where the mystery of the universe itself is left untouched.
By merely the material und physical presence of the universe is still given no mystery. This requires a creator, the creator of the mystery. A mystery which is still a mystery towards his own creator is a greater mystery. An uncreated mystery isn’t a mystery but ignorance. The greatest mystery is the mystery, which is the mystery of a creator which created this mystery, and where the mystery is a mystery for himself. The absolute mystery is the mystery, which is a mystery to itself. So God is a mystery. So the universe is a mystery. So god necessarily exists, because the universe exists and the universe is a mystery. Man notes that the universe exists and that it is a mystery. He doesn’t understand the mystery, even if he seeks and science and philosophy are a part of the disrobing of the mystery. It only opens up new mysterys, which are a part of the great mystery. God carries infinitely many clothes.
The existence of the universe implies the existence of God.
The only thing that is absolutely evident in God is his existence.
From God’s willed unprovability of his own existence follows his existence.

Quod erat demonstrandum

JM

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Nur ein paar Fragen zu Gott

Angenommen, Gott existiert nicht, welchen Sinn und Status haben dann Gottesbeweise?
Was ist ein Beweis? – Eine konsistente Darlegung, dass etwas existiert. Was ist Existenz? – Das Vorhandensein von etwas. Gibt es etwas, das existiert, aber dessen Existenz nicht bewiesen werden kann? – Offenbar für uns Menschen heute schon, wenn man an gewisse weit entfernte Objekte im Universum denkt. Dies ändert aber nichts daran, dass deren Existenz im Prinzip, durch andere intelligente Lebewesen, die sich dort „in der Nähe“ aufhalten, bewiesen werden kann.
Gibt es also etwas, das existiert und grundsätzlich nicht bewiesen werden kann? Und wenn ja, warum kann seine Existenz nicht bewiesen werden? Muss es dann nicht in einer anderen Form existieren als die Dinge, deren Existenz bewiesen werden kann? Gibt es also zwei oder vielleicht sogar noch mehr Formen von Existenz? Gibt es etwas, das zugleich existieren und nicht existieren kann? Ist Gott vielleicht etwas, das zwar anwesend, aber doch nicht „richtig“ anwesend ist? Wenn Anwesenheit als physische Anwesenheit definiert wird, wäre er nun physisch anwesend oder nicht. Aber ist er es nun oder nicht? Oder ist er das potenziell mögliche physisch Anwesende? Ist er so etwas wie ein quantenmechanischer Zustandsraum? Was ist Quantenmechanik? Was ist Physik? Was ist Naturwissenschaft? Was ist Wissenschaft? Was ist Wissen? Was kann der Mensch wissen? Was weiß Gott, wenn er etwas weiß?
Was wäre eine nichtphysische Anwesenheit, wenn es sie denn überhaupt gäbe? – Vielleicht eine geistige Anwesenheit? Ist Gott ein reines Geistwesen? Gibt es eine Verbindung zwischen dem Geist Gottes und dem Geist des Menschen, auch wenn es keine physische Verbindung zwischen Gott und dem Menschen gibt? Gibt es einen Übergang von einer geistigen zu einer physischen Verbindung? Wann wird aus der geistigen Verbindung eine physische Verbindung? Gilt das psychophysische Problem auch für das Verhältnis von Gott und Mensch?
Oder ist Gott vielleicht nur ein Beobachter des Geschehens, der aber in dieses Geschehen nicht eingreift, vielleicht auch gar nicht eingreifen kann oder nicht eingreifen will? Was ist das Theodizeeproblem?
Ist er vielleicht soetwas wie das reine Schauen? Aber muss er nicht auch dazu physisch anwesend sein?
Oder umgekehrt: Ist er ein reiner Akteur, jemand, der nur handeln kann, aber dieses Geschehen nicht reflexiv beobachten kann? So etwas wie der reine Akt? Aber muss er nicht auch hierzu physisch anwesend sein?
Gibt es eine Existenz außerhalb des Physischen? Und ist das die Existenz, die nicht bewiesen werden kann?
Was meinen wir eigentlich, wenn wir „Gott“ sagen? Wenn wir überhaupt nicht wissen, was das ist, warum wollen wir es dann beweisen? Wissen wir nur, was es sein könnte? Wofür könnte „Gott“ stehen?
Für den Schöpfer der Welt? Die Welt ist etwas, das wir im weitesten Sinne phänomenologisch als große Gesamtheit, in der alles passiert, wahrnehmen. Hat Gott mit der Welt den Menschen geschaffen? Oder mit der Welt nur die Möglichkeit seines Entstehens? Wenn er ihn mit der Welt zugleich erschaffen hat, wäre dies mit Ockhams Razor eigentlich unnötig, wenn doch mit der Welt die Möglichkeit seines Entstehens inbegriffen ist, wenn man an die Evolution denkt. Widersprechen sich Evolution und Schöpfung grundsätzlich?
Da der Mensch in einer Welt leben muss, muss diese vorhanden sein, damit er überhaupt existieren kann. Folglich kann Gott den Menschen nicht vor der Welt geschaffen haben, wenn er ihn geschaffen hat. Allenfalls könnte er die „Idee“ des Menschen gehabt haben, sogar „vor“ der Idee der Welt. Und er könnte die Welt geschaffen haben, weil er den Menschen schaffen wollte. Aber warum wollte er den Menschen erschaffen? Oder: Warum wollte er eine Welt erschaffen, in der die Existenz des Menschen möglich ist? Wollte er eine Welt schaffen, in der die Existenz des Menschen nur möglich ist oder wollte er eine Welt schaffen, in der sich die Existenz des Menschen zwangsläufig ergibt, wenn er ihn schon nicht zeitgleich mit der Schöpfung der Welt erschaffen wollte?
Woraus hat Gott die Welt geschaffen? Aus welchem Substrat, aus welcher Substanz? Und wenn es ein solches Substrat oder eine solche Substanz gab, ist dieses nicht selbst wieder Teil einer schon existierenden Welt?
Hat Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen? Gilt also die sogenannte creatio ex nihilo? Dies scheint schwer vorstellbar.
Wenn Gott die Welt geschaffen hat, wer oder was hat dann Gott geschaffen? In welcher ursprünglichen Welt existiert Gott? Müsste Gott nicht auch dem Nichts entstammen? Oder existiert er ewig?
Wenn Gott oder die Welt ewig existiert: Was bedeutet Ewigkeit? Können wir uns die Ewigkeit besser vorstellen als die creatio ex nihilo, also letztlich besser als das Nichts? Ist das Nichts nicht ein rein mathematisches Objekt? Ist die Ewigkeit, ist die Unendlichkeit ein rein mathematisches Objekt? Was ist Mathematik?
Ist die Ewigkeit für uns so schwer vorstellbar, weil sie aus der unendlichen Vergangenheit kommt? Ist nicht auch eine Ewigkeit vorstellbar, die zyklisch ist? Dann gäbe es die Möglichkeit, dass sich alles exakt wiederholt. Oder es gäbe die Möglichkeit, dass sich nicht alles exakt wiederholt, aber dann hätte man unendlich viele Zyklen mit unendlich vielen Ereignissen. Aber selbst wenn sie sich exakt wiederholt, hätte man unendlich viele, gleichartige Zyklen, also immer noch Unendlichkeit. Und auch die ist wieder schwer vorstellbar.
Ist der Ausweg vielleicht, dass die Zeit eine Illusion ist? Aber was ist dann die Zeit? Etwas, das uns wie Zeit erscheint, das aber in Wahrheit etwas anderes ist? Aber was?
Warum gibt es nicht einfach nichts? Wieder ergibt sich die Frage: Ist das Nichts ein rein mathematisches Objekt? Welchen Bezug hat die Mathematik zur Realität, zu dem, das wir materielle oder physische Realität nennen?
Was bedeuten diese ganzen Begriffe, die diese Probleme bereiten? In der Regel nennen wir sie „philosophische Begriffe“? Was ist ein Begriff? Was ist Philosophie? Wer betreibt Philosophie? Empirisch gesehen nur der Mensch. Wir kennen kein anderes Wesen im Universum – möglicherweise noch nicht – das Philosophie betreibt. Was ist der Mensch?
Warum hat Gott, so er existiert, dem Menschen nicht alle Informationen gegeben, über die er selbst verfügt? Ist Gott allwissend? Ist Gott allmächtig?
Ist Gott immer noch anwesend oder hat er sich nach der Schöpfung verabschiedet? Gibt es vielleicht nicht nur einen Gott, sondern Götter?
Warum glauben die Menschen an Gott? Wollte das Gott vielleicht? Warum wollte er das, wenn er es wollte? Und warum hat er dem Menschen nicht stattdessen ein vollständiges Wissen über seine Existenz gegeben?
Was ist der Unterschied zwischen Glauben und Wissen? Warum glauben die Menschen nicht an sich statt an Gott?
Sind sich der Mensch und Gott vielleicht ähnlich? Und wenn ja, warum? Und wenn nein, warum?
Neben der Existenz gibt es das Gute. Was ist Existenz? Was ist das Gute? Hat Existenz ohne das Gute einen Sinn? Gibt es das Gegenteil des Guten, das sogenannte Böse? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum?
Ist Gott nur gut? Oder kann er auch böse sein? Wie kann sich der Mensch nach dem Guten richten, wenn er nicht weiß, was das Gute ist? Wenn er weiß, was das Gute ist, woher weiß er das? Von Gott? Warum kann er es nicht selbst wissen? Ist der Mensch so unselbstständig?
Wo ist das Gute? Was ist die Substanz des Guten? Zeigt sich das, was wir gut nennen, nicht lediglich in physischen Prozessen, die im Universum ablaufen? Aber was ist dann an diesen Prozessen gut? Die Prozesse selbst oder nur die Ergebnisse? Oder nur die Ausgangszustände? Wenn das Gute vom Physischen unabhängig ist, wovon ist es dann abhängig? Vom Geistigen? Was ist der Geist? Wie ist die Verbindung von Körper und Geist? Was ist das Leben? Ist der Geist etwas wichtigeres als der Körper? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum?
Gibt es eine Einheit der Existenz und des Guten?
Ist eine vollständige Welt nicht eine Welt, in der es auch das Unvollständige gibt? Und ist das nicht der Grund für die Existenz des Menschen, der diese Welt nicht versteht, im Gegensatz zu Gott? Wollte Gott das? Und wenn ja, warum? Und wenn nein, warum? Was ist das wichtigste Fragefürwort? Warum? Wo? Wann? Wie? Wer? Was? Und warum ist es das? Wer stellt Fragen? Ein Subjekt. Worüber? Über Objekte und/oder Subjekte. Was ist ein Subjekt? Was ist ein Objekt? Was ist die Verbindung zwischen Subjekt und Objekt? Kann etwas zugleich Subjekt und Objekt sein? – Ja, der Mensch. Nur der Mensch? Tiere nicht? Gott auch? Wenn nein, warum? Wenn ja, warum? Wie wäre die Einheit von Subjekt und Objekt, so sie in Gott vorhanden ist, zu denken?
Wäre es nicht auch möglich, dass Gott die Welt gar nicht geschaffen hat, weil er selbst die Welt ist? Aber wenn er die Welt ist und die Welt existiert, das tut sie jedenfalls für uns, warum muss dann seine Existenz noch bewiesen werden? Oder scheint es uns unrealistisch, dass Gott die Welt ist, sodass wir uns versichern müssen, dass dies auch tatsächlich der Fall ist? Was ist Realität? Ist alles ganz einfach? Was ist Einfachheit?
Gott wäre aber nicht mehr Gott, wenn er als Welt von etwas anderem geschaffen worden wäre. Wenn er also die Welt ist, so ist er ungeschaffen, also ewig. Also ist die Welt ewig. Gibt es nicht eine zyklische Ewigkeit, in der die Zyklen miteinander verbunden sind, und in jedem Zyklus eine Alternative aller möglicher Alternativen abläuft? Wie viele mögliche Alternativen gibt es? Wenn es eine endliche Zahl möglicher Alternativen gibt, würden sich welche wiederholen, da die Zahl der Zyklen ja unendlich ist. Ist die Zeit eine unendlich lange Gerade oder ist sie ein Kreis? Beisst sich die Schlange in den Schwanz? Was ist ein Symbol? Was ist ein religiöses Symbol?
Neben der Zeit gibt es den Raum. Was ist der Raum? Was ist die Einheit von Zeit und Raum, wie ist sie zu denken, auch wenn sie sich mathematisch und physikalisch beschreiben lässt? Was ist der Unterschied zwischen der physikalischen Zeit und der Zeit im Zeitempfinden des Menschen? Was ist die Zeit für Gott? Empfindet er auch die Zeit? Ist er überhaupt einer Zeit unterworfen? Befindet er sich irgendwo im Raum oder ist er überall? Oder gar an entfernten Orten zugleich?
Muss sich Gott über den Menschen und seine Gottesbeweise selbst seine eigene Existenz beweisen? Wäre dies nicht traurig für Gott? Will sich Gott selbst bestätigen? Warum? Ist sich Gott über seine eigene Existenz gar unsicher?
Fragen über Fragen. Aber keine Antworten. Was ist Sprache? Ist alles vielleicht nur ein sprachliches Problem, weil wir Menschen mit unserer begrenzten Sprache die großen Zusammenhänge nicht verstehen oder beschreiben können?
Warum sprechen Menschen und Tiere nicht? Wissen Menschen mehr als Tiere, weil sie sprechen? Was ist der Unterschied zwischen einem Menschen und einem Tier? Können Tiere denken? Was ist ein Tier für den Menschen? Vielleicht so etwas ähnliches, wie es der Mensch für Gott ist?
Wenn Gott die Welt ist und wahre Existenz nur dem Größten zukommt, anderes also nicht richtig existiert, ist Gott dann nicht ziemlich einsam? Kann er dann noch glücklich sein? Was ist Glück? Was ist Unglück? Was ist Einsamkeit? Verfremdet sich Gott vor sich selbst, um nicht einsam zu sein? Liegt der Ursprung der Sünde gar in ihm selbst?
Ist es besser in einer Welt zu leben, in der Gott existiert, oder ist es besser in einer Welt zu leben, in der er nicht existiert? Ist es besser in einer Welt zu leben, in der er existiert und man weiß, dass er existiert, oder ist es besser in einer Welt zu leben, in der er existiert und man weiß nicht, dass er existiert, oder ist es besser in einer Welt zu leben, in der er nicht existiert und man weiß, dass er nicht existiert, oder ist es besser in einer Welt zu leben, in der er nicht existiert und man weiß nicht, dass er nicht existiert?
Ist Gott notwendig, damit eine oberste moralische Instanz existiert? Was ist Moral?
Ist es für den Menschen besser, wenn Gott existiert, oder ist es für den Menschen besser, wenn Gott nicht existiert?
Führen diejenigen Menschen Gottesbeweise, die meinen, dass es für den Menschen besser ist, wenn Gott existiert, und führen diejenigen Menschen keine Gottesbeweise, die meinen, dass es für den Menschen besser ist, wenn Gott nicht existiert?
Warum werden heute keine Gottesbeweise geführt? Weil die Menschen nicht mehr in erster Linie an Gott glauben, sondern an die Wissenschaft?
War das sogenannte „Mittelalter“ wirklich so dunkel, wie es häufig heißt?
Die letzte Frage: Ist nicht jede Zeit gleich nah an Gott, so er existiert?

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Vielleicht müssen diejenigen, die sich eines nüchternen Rückblickes auf die Philosophiegeschichte erfreuen und Gottesbeweise mitunter belächeln, von Zeit zu Zeit daran erinnert werden, dass der Gottesbegriff immanenter Bestandteil der Philosophiegeschichte ist.

JM

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Der Philosoph

Der Philosoph lebt jeden Tag wie den letzten. Er philosophiert.
Der Philosoph kostet die Süße der Einsamkeit. Er ist mit seinen Gedanken allein.

JM

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Moderne Traurigkeit

Wenn ein Sterbender sagt, dass er nun gehen müsse, was meint er eigentlich damit?
Ist er bescheiden, ist damit einfach nur gemeint, dass er bald nicht mehr leben wird. Ist er gläubig, meint er wohl, dass er aus dem Irdischen in ein Jenseits geht, in dem er irgendwie weiterlebt, ohne den irdischen Körper.
Aber wenn dieses „Ich“ nun nie existiert hat und lediglich eine Konstruktion des Gehirns seines Körpers ist, so bedeutet obige Aussage, dass es bald kein „Ich“ mehr geben wird, das auf einem physischen Gehirn als Konstruktion dieses Gehirns superveniert.
Dennoch sind diese Menschen traurig. Aber was bedeutet dann diese Trauer? Ist es vielleicht die Trauer darüber, dass doch alles nur vom Körperlichen abhängt?
Dann wäre Trauer etwas, das seine eigene Nichtexistenz beklagt. Aber gäbe es dann nicht doch die Trauer?
Werden die modernen Menschen, denen die Erkenntnisse der Hirnforschung zugänglich sind, nicht generell immer trauriger? Und muss ihnen diese Trauer nicht selbst absurd vorkommen?
Gibt es einen neuen Sinn von Traurigkeit?

JM

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Sport

Die allgegenwärtige Präsenz des Sports verleitet mich zu einer Diagnose und einer These, die für viele recht kühn klingen mag, ich stelle sie aber trotzdem auf: Wir leben in einer Zeit der Körperbetontheit und der Geistesferne.
Gleichzeitig leben wir ohne Zweifel in einer Zeit maßlosen Konsums. Dieselben Institutionen, die den maßlosen Konsum propagieren – die Medien und die Werbung, in einem fröhlichen Ringelrein-Wechselspiel – halten den Sport hoch und widmen ihm immens viel Zeit und Aufmerksamkeit. Diese Verhältnisse liegen objektiv vor, man schaue sich nur die vielen Zeiten an, in denen in den Medien Sport- und insbesondere Fußballsendungen ausgestrahlt werden, im Vergleich zu Kultur- oder Wissenschaftssendungen, die spät abends um 23.00 ein „Aspekte“-Dasein fristen, nach dem Fußball und den Tagesthemen. Eine Zeit, in der man schulpflichtige Jugendliche, die man erziehen will, so altmodisch sich das heute in Zeiten von google und facebook anhören mag, nicht unbedingt vor dem Fernseher haben will. Natürlich kann man heute solche Sendungen auf technischem Wege aufnehmen, aber am Abend des nächsten Tages steht garantiert wieder anderer Sport zur besten Sendezeit auf dem Programm, und sei es auf einem anderen Kanal. Ich möchte dafür wetten, dass zur Sendezeit einer Kultursendung auf irgendwelchen Fernsehkanälen wieder irgendwelche Sportsendungen laufen, die Menschen davon abhalten, diese Sendung zu sehen und infolgedessen vielleicht einmal wieder ein Buch zu lesen.
Mögen viele Menschen wirklich Sportsendungen oder werden Menschen durch die Medien, die Werbung und das soziale Umfeld dazu gebracht, dass es selbstverständlich ist, diese zu konsumieren und interessant zu finden?
Einerseits kann man für eine Kompensation seitens des Sports dankbar sein: Die Menschen haben Probleme im Alltag und der Sport ist irgendwo ein Ausgleich, sowohl aktiver Sport als auch der passive Konsum von Sportsendungen. Andererseits werden die Menschen dadurch mitunter von ihren geistigen Fähigkeiten abgelenkt, die sie vielleicht selbst noch nicht einmal kennen bzw. die sie unterschätzen. In der Bewertung eines Fußballspiels kann selbst der Dümmste trumpfen.
Natürlich kann es Spaß machen, Sport zu treiben und zu konsumieren, aber genauso kann es Spaß machen, ein interessantes Buch zu lesen und geistig statt körperlich aktiv zu sein.
Daneben betrachte ich Sportereignisse als Rechtfertigung, mal wieder einen zu trinken. Das Fußballspiel und das Bier sind doch nicht voneinander zu trennen. Hier werden Jugendliche über den Fußball zum Alkohol geführt. Und dies noch mit Bierwerbung zur Halbzeitpause, wogegen Tabakwerbung gleichzeitig in einem Übermaß verteufelt wird. Ich weiß nicht, ob es einem Leberkrebskranken besser geht als einem Lungenkrebskranken.

JM

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Zwei Medien

Das Internet bringt wohl für viele seiner Konsumenten auch viel Frustration mit sich, und zwar die Frustration darüber, dass irgend jemand anderes wahrscheinlich schon einmal den Gedanken hatte, den man selbst hatte und den man dann im Nachhinein nur relativ originell findet. Man braucht nur ein paar Stichworte in eine Suchmaschine einzugeben und schon kommt die Antwort: Ja, das, was man für originell hält, wurde schon einmal gedacht, geschrieben oder sogar veröffentlicht.
Aber selbst ein neuer Gedanke fällt im Internet kaum auf, selbst wenn man einen originellen Gedanken hat und ihn im Internet veröffentlicht, interessiert dies kaum jemanden, es sei denn, man hat schon einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht, zum Beispiel als Buchautor. Der Grund hierfür liegt nah: Internetseiten, Homepages, Internetforen oder Facebook-Seiten haben nicht den Status eines Publikationsorgans wie eines Printmediums: eines Buches, einer Zeitschrift oder einer Zeitung.
Auf der einen Seite schätzen wir das Internet als neues Kommunikationsmittel, auf der anderen Seite stufen wir es herab, indem wir das in ihm Publizierte per se für schnelllebig, unausgereift und diskussionswürdig halten. Wenn wir dagegen in die gedruckten Medien schauen, zum Beispiel in den Feuilletonteil einschlägiger Wochen- oder Tageszeitungen, so werden uns dort Printmedien mit ihren Autoren in einer Feierlichkeit vorgestellt, wo auf eine gewisse Art und Weise – zwar nicht explizit, aber dennoch implizit – die Wichtigkeit des Printmediums im Vergleich zum Medium Internet unterstrichen wird. Wenn derselbe Roman eines neuen Buchautors dagegen im Internet auf irgendeiner Literaturseite als Produkt eines Hobbyautors erscheinen würde, so würde ihn niemand beachten. Ist dies jedoch der richtige Weg, wenn man das Medium Internet wirklich ernst nehmen will? Sorgen Leute mit Einfluss dafür, dass es die wahren Neuerscheinungen nach wie vor nur im Bereich der Printmedien gibt? Welche Leute dies sind, kann man sich denken: Buch-, Zeitschriften- und Zeitungsverleger, also Leute, die über die Printmedien ihr Geld verdienen.
Mir kommt dies irgendwie zweispältig vor: Tagtäglich surft man im Internet und liest viele interessante Dinge von allen möglichen interessanten Leuten: Ihr Geschriebenes, bis hin zu selbst verfassten Romanen. Darunter gibt es vorzügliche Texte. Aber nein, nur in dem etablierten Feuilleton einschlägiger Printmedien erfahren wir, was ein richtiger Text sei, nämlich einer, der gedruckt wurde und als Buch verkauft wird. Insofern ist die Medienwelt de facto gespalten und die Vertreter der alten Medien kommen mir mitunter recht abgehoben vor.
Das Internet leidet natürlich auch darunter, dass jeder überall mitreden kann und meint, mitreden zu müssen, selbst Leute, die keine Ahnung von der Materie haben. Beispielsweise werden Diskussionen in Internetforen so unlesbar. Wenn man im Internet gezielt eine Information sucht, eine Antwort auf eine Frage, so muss man sich erst einmal durch einen endlosen Wust von Suchmaschinenergebnisseiten quälen, die auch deshalb so lang sind, weil sich etliche Leute in vielen vergangenen Jahren dazu berufen fühlten, ihren Senf dazu zu geben, obwohl sie gar nichts beizutragen hatten.
Als Experten gelten offenbar nur diejenigen, die schon Bücher über ein Thema geschrieben haben. Ein reines Internetdasein reicht nicht aus. Ist dies nun gut oder schlecht? Es gibt so etwas wie ein Misstrauen gegenüber dem Internet: „Bis jetzt steht es nur im Internet“, will sagen, es wurde noch nicht gedruckt. Einerseits ist ein solches Regulativ gut: Informationen werden noch einmal auf ihre Konsistenz geprüft, bevor sie „in Druck“ gehen. Andererseits wird das Medium Internet auf diese Art und Weise als unvollständiges und per se provisorisches Medium abgewertet und unterschätzt.
Ich finde es gut, dass man seine Meinung im Internet jederzeit kundtun kann, und zur Verbreitung seiner Meinung nicht auf einen mächtigen Verleger angewiesen ist, wie dies in Vorinternetzeiten der Fall war.
Wenn ich morgens eine Zeitung aufschlage, kenne ich die Thematik in der Regel schon vom Tage zuvor. Nicht nur das: Ich habe unter Umständen bereits stundenlang mit Leuten über das Internet darüber diskutiert. Nun kann man sich vorstellen, wie altbacken Zeitungen wirken können. Braucht man wirklich noch den Kommentar eines Zeitungsredakteurs auf Seite 2, wenn man sich selbst schon eine Meinung mithilfe des Internet in der Diskussion mit anderen Menschen auf eine kontroverse Art und Weise aktiv gebildet hat? Braucht man abends wirklich noch die Tagesschau um 20.00, wenn man den ganzen Tag über oft im Internet die Nachrichten gelesen hat? Kann man sich da nicht denken, was abends in der Tagesschau kommt? Braucht man wirklich noch die Kommentare eines Tagesthemenmoderators um 22.30, um sich über die Geschehnisse des Tages ein Bild zu machen? Warum macht denn die Tagesschau soviel Werbung für ihr „App“? Es ist doch nichts anderes als der Versuch, das Alte und Bewährte ins Medium Internet zu retten.

JM

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Philosophie als Krankheit

Philosophie ist die Krankheit, zwanghaft die Dinge anders zu sehen als andere.

JM

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Moderne Mythen

Ich denke, dass es heute bei weitem nicht mehr so einfach ist wie zu Roland Barthes‚ Zeiten, Dinge des Alltags zu Mythen zu erklären. Im Verständnis von Barthes entstehen Mythen aus einem unbeabsichtigten Kontext heraus: Ein Phänomen hat sich in irgendeiner Form gesellschaftlich etabliert und wird im Nachhinein von einem Kulturwissenschaftler, Literaten oder Philosophen zu einem Mythos erklärt. Diese Erklärung haftet diesem Phänomen dann etwas Verfremdendes an, indem sie es aus seinem ursprünglichen Bedeutungskontext herausholt. Schließlich weist sie ihm eine gesellschaftsübergreifende Bedeutung zu.
Wir sind jedoch heute inzwischen in einer Situation, wo genau dieser Prozess von Produktmanagern im Vorhinein gewollt wird: Ein Produkt soll ausdrücklich zu einem Mythos werden, und es wird allein dadurch schon zu einem Mythos, indem es massenhaft gekauft und durch die breite Benutzung in viele Bedeutungskontexte transferiert wird.
Der Kulturwissenschaftler, Literat oder Philosoph befindet sich also nicht mehr in der Position, aus der er aus dem Lehnstuhl heraus etwas einfach zu einem Mythos erklären kann. Er läuft den Produkt- und Marketingmanagern hinterher, die selbst eine Ahnung dafür haben, welche Produkte Mythencharakter erlangen können. Das, was der moderne Kulturkritiker zu einem Mythos erklären will, kann somit schon im Vorhinein von Managern gewollt sein.
Zu Barthes Zeiten wurde ein bestimmtes französisches Auto, ein Citroen bestimmter Bauart, zu einem Mythos erklärt. Es wurde dazu, da mit ihm ein bestimmtes Lebensgefühl, eine spezifische französische Lebensart, zum Ausdruck kam. Dieser Mythos war jedoch von dem entsprechenden Autohersteller nicht gewollt, sondern er ergab sich mehr oder weniger zufällig. Gerade das Umgekehrte ist jedoch heute der Fall. Die Kulturexperten laufen heute den Designern und Konstrukteuren hinterher. Mythen werden auf Live-Events der Firma Apple in San Francisco geschaffen, in denen neue revolutionäre Produkte vorgestellt werden, nicht im Schreibbüro eines Kulturkritikers.
Ein weiteres Problem heutiger Mythenbildung ist die vorherrschende Eindeutigkeit der Zeichenbildung, die Nähe zwischen Syntax und Semantik in einer Welt der Computer und des Internet. Es besteht heute das vorherrschende Bestreben, Informationen computergerecht eindeutig zu codieren, eine Syntax mit genau einer Semantik zu versehen.
Ein zusätzliches Problem aktueller Mythenbildung ist die Informations- und Medienüberflutung selbst, sodass man vor lauter Informations-, Medien- und Werbeobjekten den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Ein beschaulicher Blick auf eine überschaubare Medienlandschaft, wie ihn Barthes noch in den fünfziger und sechziger Jahre hatte, ist nicht mehr möglich.
Vielleicht hat sich dennoch ein Mythos gehalten: Der Mythos der Familie. Die Individualisierung der Gesellschaft lässt ihren Gegenpol entstehen und erhoffen, bis in die und gerade in der Werbung. Wie oft wird dort das hohe Lied einer intakten Familie erzählt, die am Kaffeetisch in holder Eintracht zusammensitzt und den Friede-Freude-Eierkuchen isst. Gerade die Werbung in Deutschland ist durch dieses Pseudofamiliäre geprägt. Die Interessen der Firmen bzw. der Werbeagenturen in ihrem Auftrag liegen jedoch offen auf dem Tisch: Jede Altersgruppe soll als Konsument angesprochen werden. Das Paradoxe ist nun, dass in dieser Werbung die Sehnsucht nach einer heilen Welt und heilen Familie tatsächlich bei den Werbekonsumenten einen Resonanzboden findet. Die Werbekonsumenten werden dabei jedoch nicht durch das beworbene Produkt angesprochen, dieses ist trivial, sein Konsum ist trivial, jeder trinkt gern Kaffee, sondern ihre Sehnsucht nach einer intakten heimeligen kleinen Familienwelt in einer inzwischen unüberschaubar großen globalisierten Welt findet einen Widerhall.
So war es immer der Sinn, seit es Werbung gibt, auch in den fünfziger und sechziger Jahren von Barthes, möglichst viele Menschen und Altersgruppen anzusprechen. Während die Intention der Produkthersteller gerade die einer Individualisierung der Gesellschaft ist – jeder soll sich durch ein bestimmtes Produkt als Individuum frei fühlen – ist es gerade der Mythos der Familie, die auf die heilige Familie als Urfamilie zurückgeht und damit auch in einer großen wirkungsmächtigen religiösen Tradition steht, der sich gegen diese Individualisierung auflehnt. Die Produkte werden dann aus dem entgegengesetzten Grund gekauft, möglichst mit gutem Gewissen im Sinne der Familie.
Die größte Familie ist inzwischen das Internet, es weiß in jeder Frage Rat. Während man sich früher „im Kreis der Familie“ zusammensetzte und Probleme und Vorangehensweisen beratschlagte, gibt man heute Suchbegriffe bei google ein und bekommt vom Übervater oder der Übermutter auch prompt eine Antwort.
Selbst wenn es auch heute noch Mythen des Alltags gibt, so werden diese bei aller Reizüberflutung nicht mehr wahrgenommen, allenfalls noch von Kulturkritikern vor dem Hintergrund einer Barthes-Lektüre. Zu einer Qualifizierung eines Phänomens als Mythos bedarf es zudem der Bildung: Auch die fehlt heute. In Zeiten von Pisa und Bologna stehen die Fragen und Antworten schon fest.

JM

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Der Fremde

Um sich ein Bild einer Person zu machen, bedarf es Zeit, viel Zeit. Wenn wir eine Person bewerten, also sagen, dies und jenes mache die Person aus, so müssen wir schließlich viele Informationen über diese Person haben. Die Quelle dieser Informationen ist zunächst das, was diese Person von sich aus mitteilt, etwa über irgendwelche Medien. Diese Informationen können schon viele Aufschlüsse über das Wesen der Person geben, aber nicht alle.
Wenn man in einen persönlichen Dialog mit dieser Person tritt, wird man darüber hinaus mehr erfahren, da man ihr unmittelbar gegenüber ist, mit ihr direkt kommuniziert, sie sieht und hört, und in einer dynamischen Wechselwirkung fragt und antwortet. Dann wird man unter Umständen feststellen, dass zu den Informationen erster Art noch welche hinzu kommen. Diese Informationen zweiter Art können das Bild der Person sogar verändern, vielleicht sogar den ursprünglichen Eindruck, den man von der Person hatte, ganz über den Haufen werfen.
Dann gibt es eine dritte Art von Information, nämlich die, die dadurch entsteht, dass man sehr viel Zeit mit dieser Person verbringt, sei es als Partner oder als Freund. Dann kann man feststellen, dass die Person, um die es geht, viel emotionaler eingestellt ist, als man es aus dem Vorliegen der beiden ersten Arten von Informationen vermutet hätte.
Dann gibt es noch einen vierten und letzten Bereich, nämlich das Selbstverhältnis der Person. Dieser Bereich ist nicht absolut zu erschließen, weil wir nicht wissen, wie diese Person tatsächlich fühlt, selbst wenn man der Partner dieser Person ist. Auch dies macht möglicherweise die Würde einer Person aus, auch wenn man sagen könnte, dass eine absolute und ehrliche Liebe zwischen zwei Menschen ebenso die Würde einer Person ausmacht. Will man sich als Person erhalten oder will man mit dem Anderen bis zur Selbstaufhebung verschmelzen?
Diese Aufhebung wird ja auch nur als eine zeitweilige angestrebt. So ist beispielsweise die sexuelle Erfüllung immer zeitlich begrenzt. Da es keine Garantie auf eine zweisame Erfüllung gibt, selbst wenn sie angestrebt wird, ist das Glück, das jedem ganz persönlich offen steht, die Erfüllung seiner Person durch sich selbst und in sich selbst. Vielleicht wollte uns dies Nietzsche mit seinem Begriff des Übermenschen sagen. Wenn man sich die Biographie Nietzsches anschaut, stellt man fest, dass es bei ihm die persönliche Erfüllung in einer zweisamen Liebe nie gab, allenfalls andeutungsweise, aber eben nicht vollzogen. Niemand kann jedoch darüber urteilen, ob das zweisame oder einsame Glück besser ist. Ein zusätzliches Argument gibt es jedoch für das einsame Glück: Es ist gerechter, da es prinzipiell jedem offen steht, selbst dem, der kein Glück in der Liebe hatte.
Ergo kann man sich von einem Menschen gar kein vollständiges Bild machen, höchstens im Fall einer Erfüllung in der Liebe, jedoch auch hier zwar höchst intensiv, aber nicht absolut. Und dann eben erst recht nicht ein Bild von einem Menschen, der einsam ist. Folglich gibt es so etwas wie das vollständige Bild eines Menschen gar nicht.
Und auch insofern kann man sich kein Bild von einer Person machen, da der Mensch in seiner Ganzheit etwas zutiefst Dynamisches und Unabgeschlossenes ist, im Sinne von Heraklit. Auch das sogenannte Ich ist dann eine Konstruktion. Der augenblickliche Zustand einer Person hängt immer noch, zumindest in elementaren Teilen, vom augenblicklichen Zeitpunkt ab, und einer gewissen Willkür, eines Zufalls, von etwas Neuem und selbst Einmaligem, das von der Welt selbst abhängt, die sich als Ganzes selbst in einem neuen und einmaligen Zustand befinden mag.
Es gibt kein Bild einer Person, da es schon die Person im strengen Sinne gar nicht gibt. Es gibt nur Menschen als kleine Ganzheiten in der großen Ganzheit, die wir Welt nennen. Wenn wir etwas an einem Menschen schätzen, so sind es die immer wiederkehrenden guten Dinge, die wir an ihm beobachtet haben, auch im Umgang mit uns selbst. Man kann nun sagen, dass dies seine Person wirklich ausmacht. Und dann gibt es ganz individuelle Dinge, wo sich Menschen in bestimmten Situationen auf eine ganz eigene Art und Weise positiv verhalten, auf eine Weise, wie wir es nicht erwartet hätten. Einerseits können wir dieses Verhalten nur als positiv bewerten, da wir einen Vergleich mit anderen Verhaltensweisen haben, also so etwas wie eine Ethik. Aber andererseits bleibt dennoch ein Rest übrig, der nur mit dieser individuellen Person zusammenhängt und den wir nicht vollständig beschreiben können. Dieser Einzigartigkeit gedenken wir, wenn wir am Grabe dieses Menschen stehen, und die Trauer, die uns dann erfüllt, ist selbst wieder etwas ganz Persönliches, das mit uns und unserer individuellen Beziehung zu diesem Menschen zu tun hat und das wir selbst mit ins Grab nehmen.
Wir können noch so sehr über Personen und Bilder von Personen philosophieren und Kategorisierungen vornehmen. Letztlich landen wir im Existenziellen und müssen diese Begriffe aufgeben.
Es ist somit schlecht, sich mit einem Vorsatz ein Bild einer anderen Person zu machen, weil wir dadurch zum absoluten und wichtigsten Kern des Menschen gar nicht vordringen. Wenn der Mensch sich selbst gegenüber ein Geheimnis ist, so ist er es erst recht für andere Menschen.
Wenn man das Thema des unterschiedlichen Charakters von Mann und Frau ins Spiel bringt, könnte man behaupten, dass Frauen ein stärkeres Interesse daran haben, ein möglichst vollständiges Bild von einer anderen Person zu haben. Etwa bevor sie sich mit dieser Person in einer Partnerschaft einlassen.
Vielleicht sind Frauen auch eher in einer Partnerschaft bereit dazu, sich als Person aufzugeben, sozusagen mit dem Partner zu einer Einheit zu verschmelzen. Männer wollen bei Partner- oder Freundschaften eigentlich gar nicht so weit gehen. Weil das Psychologische ja auch irgendwie kompliziert ist.
Und dann ist es oft so, dass Frauen meinen, ein vollständiges Bild des Partners zu haben und es dann oft zu Situationen kommt, wo der Partner in die bekannte Schublade gesteckt wird. Es sind dann Kleinigkeiten, die nach SchemaF aufgebauscht werden. Beispiel: Der Mann hat von vielen Dingen etwas zufälligerweise vergessen, soll aber in Wahrheit faul sein, oder andere Dinge im Kopf haben.
Ich glaube, dass diese Anspruchshaltung einer perfekten Partnerschaft Stress erzeugt. Natürlich hat man auch Pflichten in einer Partnerschaft, aber wenn man im Vorhinein schon daran denkt, wie man diesen Pflichten gerecht wird, wird es irgendwann unnatürlich. Damit so ein Pflichtalltag erst gar nicht entsteht, geht es heute sogar soweit, dass die Partner getrennte Wohnungen haben.
Das geht natürlich dann nicht, wenn ein Kind da ist, das gemeinsam von den Eltern erzogen werden sollte. Die heutige Kinderlosigkeit spiegelt wohl den Wunsch wieder, sich diese Freiheit der Person zu erhalten. Kinder sind also eher dort anzutreffen, wo die Gemüter einfacher sind, was nicht unbedingt etwas Schlechtes, sondern in der Regel auch etwas Gutes ist.

JM

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Zeit der Entfremdung

Das Gefühl, das heute über allem schwebt, ist das Gefühl, dass einem jemand etwas verkaufen will. Derjenige, der etwas verkaufen will, wendet heute alle Tricks an, auch mithilfe des Internet, so dass er immer unsichtbarer wird. Die Ware transformiert sich in alle Alltagsbereiche, in alles, was man mit seinen Sinnen aufnimmt.
Der öffentliche Raum reduziert sich im wesentlichen auf einen Warenpräsentationsraum. Er wird nicht so gestaltet, dass Privatheiten entstehen können, es existieren keine Nischen mehr. Alles ist offen und transparent, so dominieren in der Architektur große hallenartige Gebäude mit riesigen Fensterfronten.
Im Arbeitsraum dominieren Großraumbüros, in denen absichtlich der Privatraum, das Nichtentfremdete, eliminiert wird. Jemand, der nicht mehr transparent ist, ist nicht mehr steuerbar. Das Innere des Menschen soll keinen Platz haben und verschwinden.
Der Verkehrsraum ist ebenso transparent gestaltet. So gibt es Großraumwagen, es gibt keine Abteile mehr wie zu früheren Zeiten, es kommen keine Gespräche mehr zustande, da jeder Fahrgast auf dem Präsentierteller sitzt und gleich zehn Nachbarn mithören können.
Es gibt keine Werte mehr, weil „Wert“ festgelegt ist auf „Warenwert“. Jemand, der heute Werte vermitteln will, will in der Regel etwas verkaufen.
Die Grundhaltung ist die eines Misstrauens mit einem selbsterhaltenden Lächeln, das einen den Alltag überhaupt noch aushalten lässt. Man schaue sich viele Menschen an, oft Jugendliche, wie sie sich geben. Sie stecken in dieser Grundhaltung, müde und apathisch von der Reizüberflutung, haben sie in der Regel ein leichtes Grinsen drauf, sind übersättigt, haben eigentlich schon alles, selbst der Ärmste hat Markenklamotten und ein Smartphone. Es lässt sich ja auch alles vorfinanzieren, so dass jeder am heiligen Markt teilnehmen kann, jeder dazugehören kann, jeder „in“ ist, jeder weiß „was läuft“. Man will sie eigentlich immer nur schütteln. Wacht doch endlich auf! Man weiß gar nicht, wie Lehrer diese Apathie aushalten, diese heutigen Kompensierer der Glotze, diese altmodischen Mahner der wahren Werte in einer Welt der Warenwerte.
Wenn man sich die zeitliche Abfolge der Phänomene der heraufziehenden Industrialisierung, die letztlich in der Globalisierung endete, und der Zeit der Romantik anschaut, fragt man sich, ob dies Zufall war. Ist es nicht naheliegend, die romantische Bewegung auch als eine Protestbewegung, gar als eine Vorahnung zu sehen? Es ist bemerkenswert, wie nah der romantische Mensch an der Natur ist, gefühlsmäßig und ästhetisch, wie wenig entfremdet er ist, und wie weit der moderne Mensch von ihr weg ist. Ist dies nicht die eigentliche Tragik des Industriezeitalters, diese Entfremdung von der Natur, die den Entfremdeten selbst noch nicht einmal bewusst ist?
Wir leben offenbar in einer Zeit, in der einem die Menschen gar nicht mehr mystisch erscheinen können, allenfalls in Managerwochenendseminaren in Klöstern. Einer Zeit, in der der Mensch hauptsächlich eine Funktion erfüllt. Das Innere eines Menschen hat in der Regel keinen Platz und keine Bedeutung mehr, wird ins Private verschoben.

JM

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Körper und Kopf oder Körper und Geist?

Was hat der Körper mit dem Kopf zu tun?
Natürlich sehr sehr viel, muss die Antwort lauten. Unser körperlicher Zustand, unser körperliches Wohlbefinden, beeinflusst auch fundamental unseren geistigen Gemütszustand, das ist gar keine Frage.
Die Kernfrage, die aber bleibt, ist die: Hat alles, was „im Kopf“ stattfindet, mit dem Körper zu tun bzw. lässt es sich auf rein Körperliches reduzieren?
Phänomenologisch wird man immer parallel etwas beobachten, wenn jemand denkt, laufen auch körperliche Vorgänge, laufen neuronale Prozesse ab. Aber sind geistige Vorgänge neuronale Prozesse?
Und da würde ich nach wie vor sagen, nein, nicht all unser Denken kann durch körperliche Vorgänge erklärt werden, selbst wenn man das Gehirn genauestens scannt, fehlt die Brücke von den neuronalen zu den geistigen Zuständen.
Die körperliche Befindlichkeit eines Menschen mag ein wichtiger Faktor für seine geistige Befindlichkeit sein, aber man kann auch bei Kranken oder körperlich sehr eingeschränkten Personen hochgeistige Zustände feststellen, wie das Beispiel Stephen Hawking zeigt.
Das Geheimnis bleibt also ein Geheimnis, selbst wenn nun der Körper, nicht zu unrecht, in gewisser Weise rehabilitiert wird und von einer Renaissance des Körpers die Rede sein kann.
Daneben lässt es sich phänomenologisch und empirisch nicht gerade feststellen, dass Menschen, die dem Wellnesswahn unterliegen und ihn pflegen, besonders geistig begütert wären. Man stellt sich auch die Frage, ob dann noch so viel Zeit zum Denken bleibt, wenn das zeitraubende Wellnessprogramm konsequent durchgezogen und bezahlt wird. Die Betonung der Wichtigkeit des Körpers passt also in gewisser Weise auch zu unserem Konsumzeitalter und lässt sich nicht nur als rein positiv ansehen.

JM

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Aufklärung

Die Wissenschaft selbst ist heute eigentlich nicht die Instanz, die gesellschaftliche Zustände kritisiert. Wenn sie das tut, so treten eher Wissenschaftler als Einzelpersönlichkeiten in Erscheinung, sie treten dabei aber in der Regel außerhalb ihrer Wissenschaft auf, in den Medien.
Das Paradoxe an der heutigen Situation ist, dass wir sehr viel Wissenschaft und Technik haben, aber nicht das Gefühl, dass eine breite Bevölkerung wirklich aufgeklärt ist. Eher hat man den Eindruck, dass sie über die Vielfalt der Produkte, die es zu kaufen gilt, aufgeklärt sind.
Ob eine Wissenschaft oder Technologie nützlich ist, müsste auf den ersten Blick von Menschen beurteilt werden, die sich auch in der Wissenschaft und Technik bestens auskennen. Die politischen Entscheidungsträger sind aber in der Regel über die Wissenschaft und Technik natürlich nicht so informiert, wie die Wissenschaftler und Techniker selbst. Hier springt nun die Ethik – politisch in Gestalt von Ethikkommissionen – ins Feld. Die Frage, welche Wissenschaft oder Technik zu welchen Zwecken eingesetzt oder verhindert werden sollte, ist nicht nur eine wissenschaftliche oder technische Frage, sondern im wesentlichen auch eine moralische. Und hier sind nicht Naturwissenschaftler oder Techniker die Experten, sondern Philosophen und insbesondere Ethiker.
Der aufgeklärte Mensch wird also nicht nur durch die Naturwissenschaft und die Technik zu einem aufgeklärten Menschen, sondern im wesentlichen auch durch die Philosophie und insbesondere Ethik.
Die Religion – als Ersatzphilosophie und Ersatzethik, die auf strenge normative Begründung verzichtet – verhindert nun, dass der Mensch zu einem wirklich aufgeklärten Wesen wird. Ebenso ein mit der Religion verbündeter ungezügelter Kapitalismus, der suggeriert, dass sich durch den Kauf eines Produktes jedes Problem lösen lässt. Mit Max Weber sind wir damit davor gewarnt, in voraufklärerische Zeiten zurückzufallen.

JM

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Dick und Doof oder wie es in manchen Internetforen zugeht

Sie wollten nicht voneinander lassen.
Es war die bekannte Szenerie alter Filme. Der Eine ohrfeigte den Anderen, der Andere stach dem Einen unverholen mit dem Finger ins Auge. Und nur das Publikum lachte. Jeder wollte das letzte Wort haben und Recht behalten. Als ob Recht etwas wäre, das man pachten könnte. Die Karawane zieht nur mit zwei einsamen Streitern weiter. Dass man in der Wüste in einem Miteinander besser überleben könnte, auf diese Idee kam keiner von beiden. Und so ging das rechthaberisch monologische Hauen und Stechen weiter. Und keiner von beiden merkte, dass er sich in einem Gefängnis eines vermeintlich konsistenten und abgeschlossenen Begriffssystems befand. Und so lernte keiner von beiden mehr etwas dazu.
Für den Einen waren jene gar nicht so böse, die anderen jedoch sehr wohl, für den Anderen waren auch jene böse und die Anderen, die der Eine für böse hielt, waren deshalb gar nicht so böse.
Der Eine machte aus seiner Sprache ein unhinterfragbares Geheimnis, der Andere sprach gerne über Geheimnisse. Was für den Einen ein Produktionsverhältnis ist, ist für den Anderen eine Verhältnisproduktion. Der Eine führt einen Monolog mit sich selbst und hält dies wohl für einen Dialog eines absoluten Geistes, der Andere führt scheinbar einen Dialog mit dem Anderen, aber merkt nicht, dass auch dies nur ein selbstbestätigender Monolog ist. Während der Eine zu unpsychologisch ist, ist der Andere zu psychologisch.

JM

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Vermischte Meinungen und Sprüche

Fernsehen ist das Nichtinsichhineinschauenwollen.

Zuviel Lesen schadet den Sinnen.

Das Internet ist das große Nichts.

Wenn Du heute jemandem etwas zeigen willst, schaut er schon weg.

Die Menschen sind heute so leer, weil nur so der Überfluss an Sinnesreizen eingedämmt werden kann. Wo nichts ist, kann auch nichts verarbeitet werden.

Wer heute schweigt, erscheint nur noch dumm.

Politik ist das So-tun-als-ob.

Das Mobiltelefon ist das Schmuckstück der eigenen Wichtigkeit.

Das Auto ist das Sinnbild eigener Unbeweglichkeit.

Fußball ist das einzige Gebiet, auf dem der Dümmste noch Experte sein kann.

Parteien nehmen nicht Anteil, obwohl sie Teile sind.

Zeitungen lassen sich anfassen, mit ihnen hat man ein gutes Gewissen.

Gelacht wird heute vor allem im Takt. Dabei ist das wahre Lachen etwas sehr Persönliches. Mit einem Hang zum Lächeln.

Geweint wird überhaupt nicht mehr, wenn, dann hauptsächlich demonstrativ.

Freunde sind Vorzeigeobjekte auf Partys.

Gesichter sieht man sich heute auf facebook an. Ansonsten schaut man eher weg.

Selbst der Dümmste kann noch g oo gle bedienen und große Augen machen.

Noch nie war Gott so weit weg.

Nichts ist heilig außer der Markt.

Für alles gibt es heute einen Experten, nur nicht für Alles.

Frage heute jemanden etwas und Du leidest entweder an Dummheit oder an Höflichkeit.

Soziale Kompetenz hat heute jeder.

Glück ist heute messbar.

Krawatten dürfen wenigstens nach unten schauen.

Am liebsten esse ich Spaghetti Bolognese auf dem schiefen Turm von Pisa.

Die Amerikaner können Dummheit wenigstens organisieren.

Trost spendet nur noch Rost.

Irgendwann gibt es Lokalradios auch auf Scheisshäusern.

Werbung ist ein Abschaltsignal ihrer Macher, aber ein richtiges für mich.

Landschafts- und Stadtbilder ändern sich mit der Dichte der Discountmärkte.

Tankstellen dürfen alles.

Bürgersteige sind die Randsteine der Straßen.

Ampeln sind die letzten Grenzsteine für Optimisten.

Einkaufen ist punktuelle Erfüllung.

Gewinnoptimierung bedeutet Warten. An der Supermarktkasse.

Am ärmsten Schlucker verdient noch eine Zeitarbeitsfirma.

Callcenter sind Weiterbildungsinstitute für Paketdienstzusteller.

Man muss sich weiterbilden, weil man keine Allgemeinbildung mehr hat.

Wenn Du heißes Wasser trinken willst, gehe in ein Café.

Wer heute noch essen gehen kann, leidet nicht an Hunger.

Bier ist für viele heute das täglich Brot.

Zuviele kaufen samstags ein, obwohl sie in der Woche genug Zeit hätten.

In der U-Bahn kann man vom täglichen Elend abschalten.

Ich bin optimistisch, dass mir mein Pessimismus erhalten bleibt.

Neutral sind nur die Schweizer.

Wenn Du einschlafen willst, surfe im Internet.

Rauchen ist ein Abschaltzwang für Workaholics und eine Legitimation der eigenen Nervosität.

Geredet wird heute vor allem über Fußball.

Wenn Du heute intelligent bist, musst Du aufpassen, nicht aggressiv zu erscheinen.

In Deutschland herrscht ein Wetter, als ob Gott dieses Land strafen will.

Was für ein Glück, dass Depressionen nur eine Sache des Gehirns sind.

Beziehungen sind täglich geführte Abhaklisten.

Halte Dir Deinen Partner warm wie das Essen.

Fantasie haben heute nur noch Leute, die keinen Sex haben.

Denke nicht zuviel, sonst bist Du enttäuscht, wenn Du über das Internet herausfindest, dass das schon mal jemand gedacht hat.

Gestylte Kleidung ist die Einbildung, dass man eine interessante Arbeit hat.

Heute muss man so wach sein, soviel Kaffee kann man gar nicht trinken.

Wenn Du nicht aufpasst, wird Deine Stellenbeschreibung bald gedownloadet oder Du wirst geoutsourcet.

Wenn Du am Wochenende im Urlaub in einem Hotel frühstückst und am Nebentisch ein engagierter Teamleiter mit einer Schreibmappe sitzt, weißt Du, dass Du in einem Tagungshotel gelandet bist. Den Supervisoren kannst Du Dich nicht entziehen.

Wenn ich mit Bahnhöfen doch nur von Zügen abreisen könnte.

Gelbes Schild, moderne Reihenhaussiedlung, runde Kränze an Türen, über den Türen römische Ziffern, Gänsefiguren, kurzgeschnittener Rasen, gelbes Schild mit roter Diagonale. Geschafft.

Heut‘ mittag mal Sardinen aus der Büchse.

Zum Mitnehmen oder zum Hieressen? – Weiß ich noch nicht.

Der Euro ist der beste Beweis dafür, dass sich die Menschen an alles gewöhnen.

Haben Sie eine Payback-Card? Nein. Haben Sie eine Payback-Card? Nein. …

Wir machen eine Marktforschungsstudie. Bewerten Sie auf einer Skala von 1 bis 100, ob Sie unsere Befragung langweilig finden.

Wenn ich im ersten Halbjahr alle drei Flats habe, kann ich dann im zweiten eine tauschen oder kündigen oder bin ich zu allen Zeiten zu allen Flats verpflichtet?

Früher haben die Jugendlichen mehr Bier getrunken als heute. Heute gibt’s Komasaufen.

Wenn Du im Rückspiegel die Straße nicht mehr siehst, wird es sich wahrscheinlich um einen BMW oder Audi handeln.

Wenn Du Dein Auto nicht mehr öffnen kannst, hat der Segen moderner Elektronik wieder zugeschlagen.

Wenn Du nicht mehr weißt, welche Fernsehsendungen Du noch alle aufnehmen sollst, hast Du es geschafft. Erspare Dir das weitere Blättern durch die Programme.

Warum gibt es eigentlich keine Fernsehempfänger, bei denen RTL, SAT1, PRO7 und VOX erst gar nicht gefunden werden? Dann könnte man sich das lästige Löschen sparen.

Wenn Du nur noch Mitteilungen von Freunden erhältst, solltest Du versuchen, Dich von facebook abzumelden. Aber das wird schwierig.

Hüte Deine E-Mail-Adressen wie Deinen Augapfel.

Erwarte nicht, dass Leute Deine Homepage besuchen.

Wer ist eigentlich schlimmer? Microsoft oder Apple?

Versuche ja nicht ein iPhone als USB-Stick zu benutzen.

Melde Deine Ideen vorher über iTunes an.

Es gibt einen neuen Heiligen: Steve Jobs.

Beamte sind notwendig. Die Hoheit.

Waren das noch Zeiten. Mein gutes altes Nokia-Handy.

Hilfe. Ich bekomme keine Push-Mails mehr auf meine Blackberry.

Datet sich auf meinem PC auch einmal irgendetwas nicht up?

Mensch, hatte ich gestern einen Speed bei meinem Speeddating.

Telefonieren ist ein Vorgang nach der Warteschlange.

Fitness-Studios sind Kompensationsorte der Maus-Tastatur-Bürostuhlsitzhaltung.

Ach wenn man doch nur alles wegclicken könnte.

Drucker sind billige Behältnisse für teuren Toner oder teure Tinte.

Irgendwann kommt auch der Strafzettel per E-Mail.

Welcher Browser ist der richtige?

Meine Kontakte synchronisieren sich besser als meine Termine.

Man müsste noch mehr in der Cloud speichern können.

Ich höre lieber wirkliches Vogelgezwitscher.

Was kann man eigentlich noch nicht bei Amazon bestellen?

Tanken ist eine Investition.

Was tun die Banken nicht alles dafür, einem das Nicht-Onlinebanking zu vermiesen.

Wenn man neue Bürotürme sieht, weiß man, dass es noch Finanzämter gibt.

Rechtsanwälte, Steuerberater und Beamte spielen nur scheinbar gegeneinander.

Wenn man sich selbst verwalten kann, wird es immer eine Verwaltung geben.

Versicherungen wechseln so oft, dass dieser Begriff schon nicht mehr passt.

Synergie bedeutet, in einer Postfiliale länger beim Briefmarkenkauf zu warten. Falls es eine solche noch gibt. Ansonsten wartet man halt, bis der Zigarettenverkauf fertig ist.

Lotto darf man im Internet nicht mehr spielen. Da verfällt man als unmündiger Erwachsener der Spielsucht. Also schön brav in die Schlange.

Bürokratie schafft noch mehr Bürokratie. Wo neue Gesetze gemacht werden können, werden sie gemacht. Wo Haushaltsgelder ausgegeben werden müssen, werden sie ausgegeben.

Dass mit dem Soli was nicht stimmt, ist daran zu erkennen, dass man von den Marktplätzen ostdeutscher Städte inzwischen essen kann.

Was der FDP „das Liberale“, ist der SPD „die Sozialdemokratie“, ist der Union das „christliche Menschenbild“, denkt sich ein Geringverdiener in einem Land, in dem es keine Mindestlöhne gibt.

Banken sind die einzigen Institutionen, die risikolos hohe Risiken eingehen können.

Die Welt ist so einfach. Rentner sind die größte Wählergruppe.

Die Jugend war noch nie so unpolitisch wie heute. Im Nebel des Konsums können sie sich schlecht organisieren.

Die Arbeitslosigkeit ist gefallen, wenn es statt 3.000.000 nur noch 2.999.999 Arbeitslose gibt.

Alle sind wichtig und von allen ist die Rede. Außer vom Steuerzahler.

Viele Leute sind sozial kompetent, aber können einem nicht sagen, wo der Strom denn nun dauerhaft herkommen soll, außer aus der Steckdose. Viele Leute haben Sachverstand, aber keine soziale Kompetenz.

Für Volksentscheide sind die Deutschen zu doof. Sowas gibt’s nur in der spiessigen Schweiz.

Wenn Du noch per SMS kommunizierst und noch nicht bei facebook bist, bist Du schon ein Nostalgiker. Wenn Du noch ein Handy statt eines Smartphones hast von gestern.

Irgendwann gibt’s für alles eine Flat.

Spielfilme auf RTL gucken, ist wie Sushi-Essen: Viele kleine Häppchen.

Neuerdings hörte ich den Begriff “Patchworkfamilie”. Der Begriff “Stieffamilie” klingt ja auch irgendwie negativ konnotiert. Die Deutschen brauchen die Anglizismen, weil vielen deutschen Begriffen per se etwas negativ Konnotiertes anhaftet.

Computer werden gepatcht, inzwischen wohl auch Menschen.

Immer wenn es eine neue Modeerscheinung gibt, die an Verbreitung gewinnt, kommen schlaue Menschen daher, die Begriffe in der englischen Sprache suchen und finden. Andere schlaue Menschen sagen dann: “Ok” (“Einverstanden” wäre hier zu lang), da haben wir ja was Passendes und müssen nicht mehr so komplizierte deutsche Begriffe benutzen.

Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden.

Fahnen, die im Wind wehen, bieten keinen Widerstand. Nicht, Frau Merkel?

Die Wulff-Affäre war ein Spiegel für die deutsche Seele. Aus dem braven Schwiegersohn wird ein reiner Schnäppchenjäger. In der deutschen Seele sind so viele Teile enthalten. Aber wehe, jemand (oder viele) reiten auf einem Teil herum.

Endloses Lachen gibt’s nur beim Kabarett und ist nur dort erlaubt.

Es gibt so viele Bundesländer, weil der Bund dann stärker ist.

Sonntag abend beim Tatort lässt sich prima vom eigenen Tatort abschalten.

Wetten dass, …, es bald vielen egal sein wird, was Thomas Gottschalk macht?

Deutschland zittert, wenn Dieter Bohlen eine ernste Miene macht.

Ist der Karneval gerade in Köln so stark vertreten, weil der Kölner so humorlos ist?

Es gibt noch das Gute: Jörg Pilawa und Kai Pflaume.

Was ist heute die barmherzigste Tat? – Gyros beim Griechen essen.

Der Samstagabend ist die Zeit nach Fußball.

Eine Fußgängerzone ist die Versicherung dafür, dass andere denselben Knacks haben.

Warum ergänzen sich der Kapitalismus und Buddhismus so gut? – Das Nichts symbolisiert den Nichtkonsum. Warum stehen in Möbelhäusern soviele Buddhaköpfe und -statuen? Wenn Du hier Dein Sofa gekauft hast, hast Du es geschafft. Du brauchst dann nichts anderes mehr. Der Konsum hat ein Ende.

Warum schmeckt die Schokolade so schlecht? Die Weihnachtsmänner wurden eingeschmolzen und als sie auch als Osterhasen nicht gegessen wurden, landeten sie als Wellness-Riegel in Deinem Magen.

Warum heißt es heute Wellness und nicht Gesundheit? – Das ist gesünder für die Zunge, es sind nur zwei Silben statt drei.

Warum sehen die Buchhandlungen heute alle gleich aus? – Mensch Meier, das weiß ich doch nicht.

Je länger Du in einem Supermarkt einkaufen kannst, um so größer ist er, um so größer sind dort die Einkaufswagen und um so länger kannst Du an der Kasse stehen.

Wenn das Wetter schön ist und die Sonne scheint, kannst Du Dir, wenn Du geblitzt wirst, wenigstens einbilden, dass es die Sonne war.

Gibt es etwas schwierigeres als in einem Baumarkt einen Berater zu finden? – Ja, einen Dachdecker ohne volle Auftragsbücher, wenn’s durch Dein Dach durch ein kleines Loch regnet.

Uns geht es noch gut. Du brauchst nur in einen Großmarkt für Tierfutter zu gehen.

Wochenende ist, wenn Du mehr Motorräder siehst.

Handwerker haben’s gut. Sie leben wie in Italien. Sie kommen oder kommen nicht.

Immobilienvermittler und Gebrauchtwagenhändler sollten zusammen in Urlaub fahren.

Man geht zum Innenarchitekten, wenn man Schiss vor einem Therapeuten hat.

In kleinen Küchen wird’s mit der Mülltrennung schwierig.

In Küchen kann man versacken wie in Kneipen. Vor Arbeit.

Wenn zwei Gutachter zusammenarbeiten, können sie immer Gegengutachten erstellen.

Jedes Schloss lässt sich schwer öffnen. Vor allem für den Schlüsseldienst.

Mediamarkt bewahrt Dich vor dem Besuch eines Waschmaschinenmechanikers.

CDs erinnern mich an Schallplatten. Irgendwann wird uns ein CD-Player wie ein Grammophon vorkommen.

Lebensmittel braucht man, um den Supermarkt überstehen zu können. Ein endloser Zirkel.

In Möbelgeschäften gibt es viele Spanner. Gewinnspanner.

Wenn Du Ruhe suchst, suche nicht unbedingt eine beliebte Sauna auf.

Wenn Du Dich mit einer Frau einlässt, schaue erst, ob Dein Schuhschrank groß genug ist. Falls Du überhaupt einen hast.

Gehe als Mann öfter mal allein durch Fußgängerzonen, bleibe vor vielen Schaufenstern stehen und trainiere Dein photographisches Gedächtnis. Das erhöht Deine Chancen auf eine dauerhafte Beziehung ganz erheblich.

Die Tatsache, dass es Steuerberater gibt, macht schon nachdenklich, in welchem Staat wir leben.

Die größten Chancen, schnell medizinisch behandelt zu werden, hast Du in der Ambulanz.

Was sollte man immer bei sich haben? – 10 Euro.

Warum helfen Medikamente immer? – Nach dem Lesen der langen Beipackzettel ergibt sich automatisch ein Placeboeffekt.

Was haben Handwerker und Impotente gemeinsam? – Sie kommen oder kommen nicht.

Wenn Du jemanden mit einem tiefer gelegten Auto triffst, gib ihm den Tipp, es noch tiefer zu legen.

Die Leute können keine Fragen mehr beantworten, weil sie immer erwarten, vier Alternativen vorgesetzt zu bekommen.

Warum haben Motorräder vorn eigentlich keine Kennzeichen?

Wenn Du im Wald spazieren gehst, passe auf, dass Du nicht von einem Mountainbike überfahren wirst. Selbst der Wald wird einem heute genommen.

Was solltest Du beim Einchecken am Flughafen auf keinen Fall sagen? – Der Service hier ist bombig.

Städte halten sich sauber, indem sie Umweltzonen errichten.

Bald braucht man keine Kirche mehr im Dorf zu lassen.

Inzwischen wird mehr als nur Eulen nach Athen getragen.

Das Dschungelcamp ekelt uns deshalb so an, weil die Teilnehmer noch ekliger als die ekligsten Tiere sind.

Warum gibt’s eigentlich keine Arbeiter- oder Angestelltenbeleidigung? Ist das normal, dass sie beleidigt sein können?
Eine Beamtenbeleidigung scheint somit eine besonders schwere Form der Beleidigung zu sein. Da wird quasi der Staat gleich mit beleidigt. Gehören Arbeiter und Angestellte nicht zum Staat?

Alles, was Sie von nun an sagen, kann gegen Sie verwendet werden. Der Beginn einer Beziehung.

Goldwaagen gibt’s nicht nur beim Juwelier.

Wenn Dir eine Frau eine Frage stellt, geht es nicht immer nur um die Wahrheit, sondern auch darum, was sie gern hören will. Aber mit der Zeit lernst Du das. Wenn Männer auch so kompliziert wären, würde die Welt untergehen.

Wenn Du am Samstag morgen das Wort Auflauf hörst, weißt Du, dass der Tag sehr lang wird und es wahrscheinlich zu einem Einlauf kommen wird.

Das Schönste an Navigationsgeräten ist, dass man nicht mehr umständlich den Weg erklären muss.

Bei manchen Menschen musst Du bei einem Dialog damit rechnen, dass er plötzlich unerwartet persönlich wird. Das ist manchmal gut, aber manchmal auch schlecht, nämlich dann, wenn es Dir um das Allgemeine und Sachliche und eben nicht um das Persönliche geht.

Wenn Dein Rechner Tag und Nacht läuft, kannst Du nicht mehr abschalten.

Jeder Mensch ist krank. Mehr oder weniger. Aber macht Euch nicht zu hypergesunden Wellnessmenschen. Das macht krank. Wenn Ihr Euren Körper ins Endlose perfektioniert, bleibt von Eurem Geist nichts mehr übrig. Ihr seid dann glückslose Körperwesen, die allenfalls noch körperlich perfektionistisch grinsen können.

JM

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